Buchkritik

Wenn aus dem Off ein Toter mitredet

| Lesedauer: 3 Minuten
Laila Lalami: „Die
Anderen“, Kein &
Aber, 432 Seiten,
24 Euro.

Laila Lalami: „Die Anderen“, Kein & Aber, 432 Seiten, 24 Euro.

Laila Lalamis Roman „Die Anderen“ ist Krimi, Liebes- und Familiengeschichte – und nicht so gut, wie er sein könnte.

Hamburg. „The Other Americans“ heißt dieser Roman im Original. Auf Deutsch trägt er leider den Titel „Die Anderen“. Warum nicht so konkret wie in der Vorlage bleiben? Die 1968 in Marokko geborene amerikanische Autorin Laila Lalami erzählt in ihrem vierten und für den National Book Award nominierten Roman nicht nur, aber besonders von Einwanderern und ihren Schicksalen.

Driss wird nachts vor seinem Diner totgefahren. Die Straßen sind gerade in einer kleinen Wüstenstadt leer um diese Uhrzeit. Es gibt lediglich einen Zeugen, von dem aber niemand weiß. Efraín will nicht zur Polizei gehen, als Illegaler hat er keine Papiere.

Es geht in dem Roman um das Amerika der Gegenwart

Sein Nichtagieren ist im Grunde der Auslöser aller Handlungsstränge. Des Kriminal-Plots, den Lalami ausbreitet, der Liebesgeschichte und auch des Familienromans, der „Die Anderen“ ist. Nora Guerraoui, Driss‘ jüngere Tochter, glaubt nicht an einen Unfall. Sie kehrt aus Los Angeles zurück in ihre Heimatstadt in der Mojave-Wüste, beginnt eine Affäre mit einem ehemaligen Mitschüler. Der ist mittlerweile Polizist und hat eine Vergangenheit als Soldat in Amerikas Kriegen gegen den Terror.

Es geht in diesem Roman um das Amerika der Gegenwart, und dazu gehört unbedingt seine Auseinandersetzung mit der muslimischen Welt. Auch, sozusagen, an der Heimatfront. Die Guerraouis kamen einst aus Nordafrika in die Staaten. Von diesem Ankommen, vom Akkulturieren und Entfremden handelt das Buch – freilich längst nicht so brennend interessant und drängend, und nicht im mindestens so brillant wie Ayad Akhtars „Homeland Elegien“.

Sehr geschmeidig erzählter Roman

Lalami berichtet von den Vorgängen nach dem Todesfall aus insgesamt neun Perspektiven. Es sind also neun Leben, die sich vor der Leserin und dem Leser entfalten: das der Witwe, das des Bowlingbahnbetreibers aus der Diner-Nachbarschaft, das der Ermittlerin etc.; Hauptpersonen sind aber eindeutig Nora und Jeremy. Lalami gelingt es, die Lebensumstände, Alltagskämpfe und Widersprüche ihrer Figuren nachvollziehbar zu machen.

„Die Anderen“ ist ein auf klassisch amerikanische Weise sehr geschmeidig erzählter Roman. Und das ist dann auch das Problem: Er ist zu geschmeidig. Lalami macht es sich auf ärgerliche Weise viel zu einfach mit ihrem vielstimmigen Tableau. Klischees sind das eine (die Geliebte des Vaters …), frivole erzählerische Freiheiten das andere. Damit Driss keine Leerstelle bleibt – wäre das nicht reizvoll gewesen? –, bekommt er selbst eine Stimme. Da schaltet sich somit aus dem Off ein Toter hinzu, es wäre nicht notwendig gewesen.

Auf gemächliche Weise ausgerollter Kriminalfall

Was einen bei der Stange hält, sind zum einen der auf angenehm gemächliche Weise ausgerollte Kriminalfall (ganz egal, dass man früh eine Ahnung hat, wie es denn gewesen sein könnte) sowie Jeremy und Nora. Zwei Versehrte des American Way of Life, die auf herbe Weise zueinanderfinden. Eine schöne Liebesgeschichte, das dann doch; in einem Roman, der nicht wirklich schlecht ist, aber in mancherlei Hinsicht eben nicht so gut, wie er hätte sein können.