Ausstellung

Stipendium für Nichtstun: Eine Woche ohne Kopftuch

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Hilistina Banze,
Gewinnerin des
Hamburger
Nichtstun-Stipendiums.

Hilistina Banze, Gewinnerin des Hamburger Nichtstun-Stipendiums.

Foto: privat

Eine 31-Jährige ist Gewinnerin des Projekts. Was sie mit dem Stipendium gemacht hat? Jedenfalls nicht „nichts“.

Hamburg. Die Ausstellung „Schule der Folgenlosigkeit“ ist noch bis 18. Juli virtuell im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen. Zentraler Bestandteil der Schau ist das „Stipendium für Nichtstun“.

Das Abendblatt sprach mit Hilistina Banze (31) über ihr Gewinner-Projekt. Wie die anderen beiden ausgewählten Stipendiaten interpretierte sie das in durchaus gesellschaftspolitischer Absicht: Sie trug eine Woche lang kein Kopftuch. Insofern ist ihr Nichtstun eher ein Nichttun.

Hamburger Abendblatt: „Schule der Folgenlosigkeit“ heißt das künstlerisch-diskursive Projekt. Also: Es geht um die Idee eines individuellen Lebens, das möglichst folgenlos bleibt, besonders ökologisch. Was halten Sie von einer solchen Idee?

Hilistina Banze: Ich finde die Idee reizvoll. Vor allem, wenn es mit dem Gedanken verknüpft ist, die Folgenlosigkeit als ein regulatives und utopisches Ideal zu verstehen, wie es der Kurator Friedrich von Borries vorsieht. Ich kann mir vorstellen, dass die Menschen mehr auf sich selbst und ihr Handeln schauen und dazu befähigt werden, sich ins große Ganze hineinzudenken.

Statt nach persönlichem Erfolg wird nach Folgenlosigkeit gestrebt, damit ich nicht auf Kosten anderer Wirksamkeit und Bedeutung und Zufriedenheit erlange – ist das tatsächlich vorstellbar?

Banze: Aus meiner Sicht schon, schließlich ist Erfolg nicht immer damit verknüpft, anderen zu schaden. Ein Beispiel: Wenn ich eine neue Sprache lerne, erlange ich Zufriedenheit, kann stolz auf mich sein und verleihe diesem Fortschritt eine Bedeutung, die eventuell nur mir selbst wichtig ist. Das kann für die neu gelernte Sprache heißen, dass ich damit ein Mehr an Freiheit verbinde. Das käme gegebenenfalls gleichzeitig meiner Umgebung zugute.

Wie die anderen Gewinnerinnen legen Sie die grundlegende Prämisse speziell und zielgerichtet aus. Sie werden als muslimische Feministin eine Woche lang Ihr Kopftuch nicht tragen. Warum? Was ist der Gedanke dahinter?

Banze: Ich habe das Vorhaben nach der Absprache mit den Organisatoren und Organisatorinnen bereits Anfang Dezember 2020 umgesetzt. Es ist spannend, dass Sie die Frage nach dem Grund stellen, denn genau die gilt es, unbeantwortet zu lassen. Ich lege es ab, weil ich es will. Das ist der einzige Grund. Die Idee dahinter ist, dass muslimische Frauen niemandem eine Antwort auf die Frage nach dem Kopftuch schuldig sind. Wieso eine Person sich dazu entscheidet, ein Kopftuch zu tragen, ist höchst persönlich und individuell verschieden und sollte nicht ständig als Gegenstand öffentlicher Debatten herhalten müssen. Im Grunde wird viel zu viel Wirbel um einen Schal veranstaltet, und Menschen werden aufgrund dieses Stoffstückes diskriminiert.

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Ist dieses „Nichttragen“ ein riskantes Experiment?

Banze: Für mich war es ein Selbstexperiment. Riskant finde ich es nicht. Ich hatte die Idee, lange bevor ich vom Stipendium erfuhr, weil ich mich gefragt habe, welche Bedeutung ich dem Kopftuch persönlich nach fünf Jahren beimesse, und neugierig auf meine persönlichen Grenzen war. Meine Umwelt ließ sich in der Woche in zwei Kategorien einteilen: diejenigen, die mich gut kennen, haben keine große Sache daraus gemacht, und diejenigen, die keine besondere Rolle in meinem Leben spielen, wollten, dass ich mich vor ihnen erkläre. Paradox eigentlich.

Muslimische Feministin – das klingt ohnehin schon in zwei Richtungen provozierend, die der Muslime und Nichtmuslime. Haben Sie es manchmal schwer?

Banze: Ich sehe keine Provokation darin, sich als Angehörige einer Religion, die das Wort Frieden im Namen trägt, dafür einzusetzen, dass Menschen aller Geschlechter als gleichwertig anerkannt werden. Aber da der muslimische Feminismus eine lange Tradition hat, kann ich an dieser Stelle nur aus dem Qur’an zitieren: Lies! Schwer habe ich es immer dann, wenn Menschen ihre Rassismen unreflektiert an mich herantragen und/oder mich als Symbol dafür wahrnehmen, dass die Gesellschaft sich verändert und die bis dato herrschende Dominanzkultur ausgedient hat.