Neues Buch

Hunter Biden: Die Drogenabstürze des Präsidentensohns

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Eine Aufnahme von 2010: Der damalige Vizepräsident Joe Biden (links) und sein Sohn Hunter Biden. Auf Deutsch erscheint dessen Buch bei Hoffmann und Campe.

Eine Aufnahme von 2010: Der damalige Vizepräsident Joe Biden (links) und sein Sohn Hunter Biden. Auf Deutsch erscheint dessen Buch bei Hoffmann und Campe.

Foto: Nick Wass / dpa

In „Beautiful Things. Meine wahre Geschichte“ schildert der 51-Jährige seine langjährige Alkohol- und Cracksucht.

Hamburg. Wirklich gar nichts auslassen. Oder zumindest fast nichts. Über die größten Sümpfe, in die man rutschte, muss alles erzählt werden. Die ganzen Gifte, das spektakuläre Versagen, der epische Exzess. Druff und Suff, immer wieder; und dann immer wieder drüber reden. Über das eigene Kranksein. Ich bin der oder die, und ich bin süchtig.

Immer der erste Satz. Und dann geht’s ab. Woher kennt man das? Aus so vielen US-amerikanischen Fernsehserien, wo immer einer der Helden ein gefallener und wieder aufgestandener ist, und Letzteres eben unter besonderer Mithilfe der AA-Treffen.

Der Lebensbericht schlug bereits vor Erscheinen in den USA hohe Wellen

Die Zusammenkünfte der Anonymen Alkoholiker sind große, bekenntnisreiche Erzählstunden des westlichen, kapitalistischen, gefährdeten Lebens. Die Story eines jeden Süchtlings ist wie ein Roman, wenn man so will. Hunter Bidens „Beautiful Things. Meine wahre Geschichte“, das nun praktisch zeitgleich auf Englisch und Deutsch erscheint, ist ein AA-Treffen in Buchform.

Ein Lebensbericht irgendwo zwischen „Fear And Loathing in Las Vegas“ und Biden-Chronik, der bereits vor Erscheinen in den USA hohe Wellen schlug: Es ist ja der Präsidentensohn, der hier schreibt. Ein Mann, den die Amerikaner schon lange aus der Klatschpresse kennen und über dessen angebliche Verfehlungen Ex-Präsident Donald Trump seinem Widersacher Joe Biden ans Leder wollte.

Ukraine-Affäre: Ein schlechter Eindruck bleibt

Der Ukraine-Affäre – Hunter Biden verdiente, während sein Vater als Vizepräsident im Auftrag Barack Obamas genau dort Antikorruptionspolitik betrieb, viel Geld im Aufsichtsrat eines Energieunternehmens – ist ein Kapitel gewidmet. Es ist das langweiligste und stilistisch freudloseste, auch das am wenigsten überzeugende des Buchs.

Wortreich und hölzern weist Biden junior jegliche Schuld von sich und verdeutlicht dabei einmal mehr, was eh alle wissen: Dass zum Trumpismus unbedingt gehört, keine Skrupel beim Diffamieren anderer zu kennen, wo man lieber vor der eigenen Haustür kehren sollte. Aber ein schlechter Eindruck bleibt, wie im Falle der Bidens, wenn an den Schaltzentralen der Macht zwei Männer wirken, die denselben Nachnamen tragen.

Crack auf den Straßen von Washington DC gekauft

Aber über den Ausflug zum verdächtigen Lobbyismus schreibt Biden, heute 51 Jahre alt, gezwungenermaßen. Wobei, der Drang, über ein verpfuschtes Leben zu schreiben, das von den Washingtoner Höhen des Politikadels – der kleine Biden tollte als Junge über den Hügel des Capitols – ist auch nichts anderes als ein Zwang. „Beautiful Things“ ist der Versuch einer Teufelsaustreibung.

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„Ich habe Crack auf den Straßen von Washington DC gekauft und mein eigenes in einem Bungalow in Los Angeles gekocht.“ „Ich war ein Crackjunkie. Schluss, aus, Ende.“ „Ich rauchte Crack alle 15 Minuten.“

Unerbittlich berichtet Biden von der Sauferei seit seiner Jugend

Unerbittlich berichtet Biden von der Sauferei seit seiner Jugend, von langen Phasen des Trockenseins, den Entzugskliniken, von seinen wochen- und monatelangen Touren, während denen er in sündhaft teuren Hotels und billigen Motels lebte. Ein jämmerliches Leben.

„Es lief so: Ich schaltete den Fernseher an, saß auf dem Sofa, trank, pennte weg. Sogar betrunken – gerade dann nicht! – schlief ich nie in meinem Bett. Nahezu komatös starrte ich in die Glotze, ohne überhaupt richtig mitzubekommen, was lief. Manchmal weinte ich auch, stundenlang, ohne zu merken, dass ich weinte. Essen tat ich kaum.“

Beißende Ironie

Biden schreibt mit beißender Ironie über sein Suffselbst, er sucht erklärtermaßen keine Alibis und bettet die Sucht dennoch in die traumatischen Geschehnisse seines Lebens ein. Wer, wenn nicht er, hätte dazu angesichts jener Verluste ein Recht? Wer, wenn nicht er, muss nicht trotzdem ansatzweise etwas an wie auch immer gearteter Rechtfertigung auffahren, privilegierter Sohn eines weißen Aufsteigers, der er ist? Für das Drogenproblem, für die Opioidkrise Amerikas ist er gerade kein Beispiel.

Und so ist der Erzählstrang des biografischen Total-Verkommens – der dreifache Familienvater Biden lebte eine Zeit lang in einer Drogen-WG mit seiner obdachlosen Dealerin – eng verschlungen mit der Biden-Tragödie. Der Unfalltod von Mutter und Schwester, den er zweijährig und sein Bruder Beau dreijährig überlebten: Dieser Schicksalsschlag ist im Bild, das sich Amerika und die Welt vom Wesen Joe Bidens gemacht haben, tief verankert. Hier kommt nun die Perspektive des Sohnes dazu.

„Beautiful Things“ ist auch eine PR-Kampagne für den amtierenden US-Präsidenten

Der erzählt von einer auch anderweitig besonderen Kindheit („Wir wurden mit Politik aufgezogen, wie Bauernkinder mit süßem Mais“), in der die tote Mutter („Mommy“) immer eine Leerstelle blieb, und vor allem von einer innigen Bruderbeziehung. Beau Biden starb 2015 an einem Hirntumor. Hunter Biden schildert ihn als seine große Stütze, die ihn, den strauchelnden Zweitgeborenen, genau wie Vater Joe nie verurteilt habe.

Das ist „Beautiful Things“ auch: eine PR-Kampagne für den amtierenden US-Präsidenten, der hier in vielen tränenreichen Szenen als Retter des Sohnes gezeigt wird. Ein Botschafter der Liebe, nicht des Hasses. Die andere Person, die in diesem dramaturgisch geschickt angelegten Werk als Erlöserin eingeführt wird, ist Hunter Bidens zweite Frau Melissa, auch sie quasi eine Heilige.

Eine sehr amerikanische Geschichte, wie man so sagt, diesmal ganz sicher zu Recht, eine mit Gespür für den Effekt und, natürlich, dem unvermeidlichen Pathos geschrieben. Hunter Bidens Suchtproblematik darf aufgrund seines Namens als speziell gelten. Alles andere scheint gewöhnlich: die dunkle Lust an der Selbstzerstörung, die Haltlosigkeit, der Existenzstress durch falsche Karriereentscheidungen, die Probleme auch durch den übergroßen Namen des Vaters. Man liest von seinen Abstürzen mit dem typischen Interesse des Voyeurs.

Hunter Biden: „Beautiful Things: Meine wahre Geschichte“, dt. von Bernhard Robben, Kirsten Riesselmann, Gregor Hens, Hoffmann und Campe, 268 Seiten, 22 Euro