Neustart gefordert

Hamburgs Kultur im Dauer-Lockdown – „Bankrotterklärung“

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Holger True
Wann wird „König der Löwen“ wieder vor Publikum in Hamburg gezeigt werden können?

Wann wird „König der Löwen“ wieder vor Publikum in Hamburg gezeigt werden können?

Foto: Stage Holding Deutschland

Auf Einladung des Musical-Unternehmens Stage Entertainment diskutierten bekannte Persönlichkeiten über den Kultur-Lockdown.

Hamburg. Wann gibt es wieder Kulturveranstaltungen wie vor der Pandemie – ohne Mindestabstand und Maskenpflicht, als Gemeinschaftserlebnis, aus dem sich Kraft schöpfen lässt? Um diese Frage ging es bei einem von Julia Westlake moderierten Online-Symposium, zu dem das Musicalunternehmen Stage Entertainment Deutschland am Donnerstag geladen hatte.

Geschäftsführerin Uschi Neuss, die in Hamburg etwa den „König der Löwen“ und das Tina-Turner-Musical verantwortet, erklärte gleich zu Beginn: „Man muss die Lösung auch wollen, um zu einer Lösung zu kommen“ und verband dies mit einer Kritik an der aktuellen Corona-Politik, die aus ihrer Sicht zu sehr auf einen immer wieder verlängerten Shutdown setze und den Mindestabstand „zum Maß aller Dinge“ gemacht habe.

Forderung an Politik: Kulturerlebnisse wieder möglich machen

Die stets aufs Neue eingeforderte Distanz stehe im Widerspruch zur menschlichen Natur, man dürfe sich damit nicht abfinden, sondern müsse nach Wegen suchen, essenzielle Kulturerlebnisse möglich zu machen.

Eine Forderung, der sich auch andere Teilnehmer anschlossen, etwa der Philosoph und frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, der mahnte, mit der seit Monaten währenden Schließung aller kulturellen Einrichtungen („ein völlig falsches Signal“) stehe „die Identität unseres Landes auf dem Spiel“. Ohne Kunst und Kultur sei alles andere nichts, man müsse unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse sofort alles öffnen, was möglich sei.

Gesellschaftlicher Schaden des Lock- oder Shutdowns

Warum etwa, so Nida-Rümelin, müssten Museen mit ihren großen Räumen, ihren Belüftungskonzepten und vergleichsweise geringen Besucherzahlen geschlossen bleiben? Eine Politik, die alles über einen Kamm schere, sei fehlgeleitet. Kritik an Modellprojekten wie dem Konzert der Berliner Philharmoniker Mitte März könne er nicht nachvollziehen. Es sei gerade gut, unter kontrollierten Bedingungen Öffnungskonzepte zu erproben und Daten zu sammeln.

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Über den gesellschaftlichen Schaden eines andauernden Lock- oder Shutdowns sprach auch Christian Kähler, Professor für Strömungsmechanik, der forderte, Kontakte nicht weiterhin teuer und auch unter großen psychischen Belastungen zu verhindern, sondern stattdessen mithilfe von Technik, zum Beispiel durch entsprechende Belüftungsanlagen, sicher zu machen. Das Hangeln von Lockdown zu Lockdown sei „eine Bankrotterklärung“.

„Registrieren. Testen. Ausgehen“

Um das „geistige und soziale Wohlergehen“ der Bevölkerung sorgte sich ebenfalls der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, der betonte, der Kultur komme in der Zukunft eine wichtige Rolle zu, wenn es darum gehe, die in der Corona-Krise entstandenen Wunden zu heilen. Kulturveranstaltungen durch Schnell- oder PCR-Test-Konzepte abzusichern halte er grundsätzlich für einen gangbaren Weg, allerdings könnte diese Entscheidung nicht von Wissenschaftlern, sondern nur von der Politik getroffen werden.

Auf die hofft der Hamburger Kulturmanager Axel Strehlitz, der mit der „Freepass“-App für „coronafreie Veranstaltungsinseln“ unter dem Motto „Registrieren. Testen. Ausgehen“ sorgen will, ebenso wie Alexander Ruoff von CTS Eventim, der von Kundenbefragungen des Ticketing-Unternehmens berichtete. Danach könnten sich mehr als 60 Prozent der Befragten vorstellen, nach behördlicher Freigabe von Veranstaltungen sofort Eintrittskarten zu kaufen, weitere 30 Prozent wären innerhalb von sechs Monaten wieder dabei. Das Publikumsinteresse sei also groß.

Elbphilharmonie in Hamburg für Öffnung prädestiniert

Wie genau diese Veranstaltungen dann aussehen würden, blieb allerdings unklar. Und wann Kultur, wie eingangs gefordert, ganz ohne Mindestabstand – auf der Bühne wie im Zuschauerraum – möglich sein könnte, mochte niemand vorhersagen. Einig war man sich indes darin, dass Öffnungsschritte gegangen werden können und müssen und dass ein Konzerthaus wie die Elbphilharmonie schon aufgrund seiner Größe und Belüftung für eine solche Öffnung prädestiniert sei – wobei es gelte, Konzepte für den öffentlichen Nahverkehr vorzuhalten, um eine sichere An- und Abreise der Besucher zu gewährleisten.

Bewusst habe man in diese Runde keine Politiker eingeladen, erklärte Uschi Neuss zum Abschluss, Lösungen müssten „von uns kommen“. Eine klare Ansage, doch ein wenig mehr Dissens hätte dieser wichtigen Diskussion, die am 5. Mai in anderer Zusammensetzung fortgesetzt werden soll, sicher gut getan.