Konzerte, Kunst, Theater

Parsifal bis Matthäus-Passion: Streaming-Tipps zu Ostern

| Lesedauer: 14 Minuten
Das Ensemble Resonanz und die
Schauspielerin Birgit Minichmayr
kombinieren Haydns „Sieben
letzte Worte ...“ mit Texten aus
Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und
Struktur“.

Das Ensemble Resonanz und die Schauspielerin Birgit Minichmayr kombinieren Haydns „Sieben letzte Worte ...“ mit Texten aus Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“.

Foto: Sophie Wolter

Wer sich zu Ostern nicht treffen und zu stattdessen Hause bleiben soll, braucht sinnliche Ostereier – und unsere Tipps.

STAATSOPER: Damit man nicht vergisst, wie die Staatsoper von innen aussieht, liefert das Haus zu Ostern ein massives Programm-Paket. Vom 2. bis 5. April sind fünf Produktionen auf www.staatsoper-hamburg.de abrufbar: passend zu Karfreitag Wagners „Parsifal“ in der bildbunten Inszenierung von Achim Freyer und Herbert Fritschs hochtourige „Così fan tutte“-Version.

Dramatischer Kontrast: Verdis „Falstaff“, wie Calixto Bieito ihn sah, und als Belcanto-Bonbonniere das Rossini-Sonderkonzert, dirigiert von Alessandro De Marchi. Bonus: ein Vorgeschmack auf Amélie Niermeyers „Lucia di Lammermoor“. In der Arte-Mediathek ist „La Passione“ zu bestaunen – Bachs „Matthäus-Passion“, von Kent Nagano und Romeo Castellucci 2016 in die Deichtorhallen gestemmt. jomi

SCHAUSPIELHAUS: Es war die Inszenierung des Jahres – 1993: Elfriede Jelineks „Wolken.Heim“ in der Regie von Jossi Wieler am Deutschen Schauspielhaus mit einer absolut fantastischen Schauspielerinnen-Riege: Ilse Ritter, Marion Breckwoldt, Marlen Diekhoff, Gundi Ellert, Ulrike Grote, Anne Weber. Vier Soldatenwitwen und zwei -töchter beschwören in einem bunkerartigen Raum die Geister ihrer verstorbenen Männer und des deutschen Erbes.

Die Literaturnobelpreisträgerin überschrieb Zitate von Hölderlin und Hegel, von Heidegger und Fichte, von Kleist und von RAF-Mitgliedern. Das Schauspielhaus wiederholt am 3. April um 20 Uhr eine Fernsehaufzeichnung (NDR/arte) des beklemmend-bezwingenden Abends, Karten für den Stream kosten 6,50 Euro. msch

ELBPHILHARMONIE: Die Elbphilharmonie ist ein nahezu schalltoter Raum, seit Monaten. Drei Stream-Angebote sollen die Stille vermindern: Da Raphaël Pichon und sein Alte-Musik-Ensemble Pygmalion nicht für eine Aufführung von Bachs „Matthäus-Passion“ nach Hamburg kommen konnten, wird am Karfreitag (19.30 Uhr) deren Aufführung in Aix-en-Provence gezeigt.

Einen Tag später, um 20.15 Uhr, folgt Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ mit dem Ensemble Resonanz unter Riccardo Minasi, Birgit Minichmayr liest Passagen aus Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“. Am Ostersonntag (20.15 Uhr) spielen die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und der Pianist Iiro Rantala Werke von Mozart und Poulenc und dazu einen bunten Beethoven-Teller. jomi

KONZERTHUSET STOCKHOLM: Wenn NDR-Chefdirigent Alan Gilbert nicht in der Elbphilharmonie auftritt, arbeitet er viel in Stockholm. Ein Beleg ist der Konzert-Mitschnitt des Königlichen Philharmonischen Orchesters, dessen Ehrendirigent er ist. Zunächst Coplands „Appalachian Spring“, dann Schumanns Erste, die – Überraschung! – „Frühlingssinfonie“ (auf konzerthuset.se). jomi

THALIA THEATER: „Das Allerwichtigste ist ja, dass wir die Leute wieder zum Lachen bringen, findet Film- und Theaterregisseur Leander Haußmann – seine ausgesprochen amüsante Molière-Inszenierung „Der Geizige“ mit Jens Harzer in der Titelrolle trug im Livestream aus dem nahezu leeren Theater Anfang März dazu bei.

An diesem Sonnabend (19 Uhr, Onlinekarten 6/9/20 Euro) streamt das Thalia die Aufzeichnung des Abends – im September konnte die Inszenierung immerhin vor einem eingeschränkten Publikum gezeigt werden. Und sie lohnt sich: „Geiz ist nicht geil, aber lustig“, hieß es damals in der Abendblatt-Kritik.

Das Thalia Theater sendet außerdem einen Film der Kooperation „Das Gehirn des Kindes“, die gemeinsam mit Kunsthalle, Schauspielhaus und Ensemble Resonanz in der leeren De Chirico-Ausstellung entstand. Vor der Kamera: Sandra Flubacher, Toini Ruhnke und Çağlar Yiğitoğulları. msch

BERLINER KONZERTE: Dass die Berliner Philharmoniker ein prall gefülltes Konzertmitschnitt-Archiv haben, ist nicht neu. Aber anstatt sich nach dem geschafften Spaziergang mit leeren Kalorien aus dem Schoko-Ei-Sortiment zuzuschaufeln, bietet das Orchester zu Ostern mit einem Sonderangebot kulturellen Mehr- statt Nährwert: Das Monats-Abo, jederzeit kündbar, kostet bei Abschluss bis zum 5. April 12,90 Euro statt 14,90 Euro. Mehr unter www.digitalconcerthall.com.

Am Karfreitag, 20 Uhr, kann man in einen Berliner Nachbar-Saal hineinklicken: Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt (www.konzerthaus.de) streamt Pergolesis „Stabat Mater“, Andrea Marcon dirigiert das Hausorchester, mit dabei sind Countertenor Philippe Jaroussky und die Sopranistin Anna Prohaska.

Termin verpasst? Kein Problem: Das Ensemble Resonanz hat das Stück gerade auf CD veröffentlicht (harmonia mundi, ca. 17 Euro). Prohaska, übrigens, gehört zu den Stars eines Konzert-Films auf „Arte Concert“ (www.arte.tv, bis 5.4.): „Im Labyrinth der Geschlechter“ präsentiert leading ladies, die oft nicht nur Männer-Partien sangen, aus Opern von Händel und einigen seiner Kollegen. jomi

NDR RADIOPHILHARMONIE: „Mehr als nur abgefilmte“ Musik möchte die NDR Radiophilharmonie aus Hannover mit ihrem am Karfreitag startenden neuen Videoformat „KonzertPlus“ anbieten. Radiophilharmonie-Manager Matthias Ilkenhans wünscht sich „einen anderen, emotionalen Zugang zur Musik“ und sieht darin auch die „Chance, ein neues Publikum zu erreichen“.

Zum Auftakt verbindet NDR-Chefdirigent Andrew Manze auf www.ndr.de Ausschnitte aus Bachs „Matthäus-Passion“ mit Berichten ganz unterschiedlicher Pandemie-Betroffener, darunter eine Krankenschwester, eine Pastorin, eine Ärztin sowie erkrankte und bereits genesene Corona-Patienten. Berückend ist dabei vor allem die Kombination aus emotionaler Musik und sehr persönlichen Interviews. msch

TRUCK STOP: Die Maschener Asphalt-Cowboys Truck Stop sind wieder da: Am 2. April erscheint das Album „Liebe, Lust und Laster“, und schon der Titel der aktuellen Single zeigt, wo es langgeht: „Yeehaw“.

Am 1. April (20 Uhr) stellen die Jungs die neuen Lieder mit einem Live­stream-Konzert aus den Groh-PA-Studios in Buchholz vor – mit Zoom-Aftershow-Party! Links und Tickets ab 18,50 Euro gibt es unter www.truck-stop.de tl

ST. PAULI KIRCHE: Kultur neu denken – das wollen die Hamburger Sängerin Friederike Schorling und die Berliner Flötistin Julia Hebecker mit ihrem Ensemble „Replanting Culture“.

Weil in Corona-Zeiten nichts ist wie sonst, es keine großen Auftritte mit Chören vor Live-Publikum gibt, setzen die Künstlerinnen die Bach’sche Johannes-Passion am Karfreitag in kleinstmöglicher Form und ganz eigener Fassung um: gemischt mit Stücken, die „Passions-Stimmung“ haben, und neu geschriebenen Übergängen. Herausgekommen sind vier Sätze (Schuld, Verleugnung, Betrachtung, Erlösung), die je eine Arie in den Fokus stellen und dann darüber hinausgehen.

Auch dabei: Kompositionen von Händel und Schostakowitsch. Produziert haben die Künstlerinnen drei Monate lang über Skypegespräche und Aufzeichnungen. Nun stellen sie ihr Werk in der St.-Pauli-Kirche vor, unterstützt von Organistin Tina Schneeweiß. Der Karfreitags-Gottesdienst wird ab 9 Uhr als Stream auf stpaulikirche.de und auf dem YouTube-Kanal der Kirche zur Verfügung gestellt. kwr

ERNST DEUTSCH THEATER: Der Name des Ensembles zeugt von Selbstironie: Die Sexy Theater Menschen gehen ihre eigenen Wege - 2019 noch auf der plattform-Bühne des Ernst Deutsch Theaters dicht an dicht am Publikum mit ihrem schräg-komischen Stück „Das autoritäre Zeitalter des Megazorns“, während des Lockdowns 2020 zusammengeschaltet zu einzelnen Akten per Zoom-Videokonferenz.

Auch das konnte sich durchaus sehen lassen. Am Ostersonntag und an den folgenden drei Sonntagen (je 19 Uhr) hat die freie Hamburger Gruppe um Anton Pleva und Daniel Schütter „Megazorn 2: Psychological Warfare“ auf dem Onlinespielplan (kostenlos unter www.ernst-deutsch-theater.de).

Das Sextett hat vier Ausschnitte aus dem Programm gewählt, zum Streamen gefilmt und analog zur Gaming-Welt „Level 1 bis 4“ genannt. Das Stück „Megazorn 2“ haben die Sexy Theater Menschen als zweiten Teil einer Trilogie über unsere Gegenwart angelegt. Hass, politische Einflussnahme und Anschläge bedrohen die Freiheit des Westens, die Figuren Megazorn und sein Brüderchen Wutboy führen nichts Gutes im Schilde. Jedoch will Agent Wow die Marktdemokratie verteidigen - am Hindukusch. Verspricht erneut aberwitzige Szenen vor ernstem Hintergrund. str

LICHTHOF THEATER: Lois Bartel ist eine Verwandlungskünstlerin. Diese Fähigkeit hat die Hamburger Theatermacherin und Performerin bereits vor zwei Jahren in ihrer Solo-Arbeit „Tricks“ unter Beweis gestellt. Klug und ideenreich entwickelte sie aus der Biografie der mutmaßlichen Spionin Mata Hari eine Performance über Selbstinszenierung und den Mythos des eigenen Lebens, die sich gekonnt an der Schnittstelle von Performance zu bildender Kunst bewegte.

Ihre nächste Inszenierung sollte im vergangenen Frühjahr ein großes Vier-Personen-Stück werden. Dann kam Corona. Nun feiert „Imagines – Eine Bio-fiktionale Verwandlungs-Show“ am 1. April, 20.15 Uhr, zunächst Video-Premiere im Stream des Lichthof Theaters (www.lichthof-theater.de, 5 Euro).

Wieder greift Bartel ein dringliches Thema auf: die Frage nach der Zukunft des menschlichen Körpers in Zeiten von Selbstoptimierung, Erderwärmung und der Technologisierung aller Lebensbereiche. Das gemeinsame Imaginieren des künftigen Körpers hat sie lose mit Motiven aus den „Metamorphosen“ des antiken Dichters Ovid verbunden.

Die Proben haben sich durch die Pandemie stark verändert. „Eigentlich wollten wir das Publikum in einem installativen Raum zu Einzelbegegnungen einladen“, erzählt Lois Bartel. „Das haben wir umwerfen müssen. Auch die Nähe auf der Bühne hat sich verändert. In diesem Jahr sind viele Materialien dazu gestoßen und uns beschäftigt die Frage, wie wir uns als Spielerinnen und Spieler im Verhältnis zu Gegenständen verorten.“

Von Ovid greift sie vor allem die Gedanken von Chaos und geordneter Materie auf. Einzelne Mythen, etwa jener der Medusa, werden nun als Teil der Performance von einem Chor aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Lois Bartel beschäftigt die Idee des Kollektivs.

„In der Wissenschaft ist es ein großes Thema, dass der Mensch die Evolution in die eigene Hand nimmt, weil bedingt durch den Klimawandel bestimmte Lebensweisen nicht mehr existieren können“, erläutert sie. Zu erwarten ist in „Imagines“ natürlich keine trockene Theorie, sondern eine höchst lebendige Show. Bartel, gelernte Schauspielerin mit einem Studienabschluss im Hamburger Studiengang Performance Studies, setzt auf kraftvolle Bilder – und die Lust an der Verwandlung. asti

GALERIEN: Künstler, die dem Fluchtreflex widerstehen und eben nicht nach Berlin, sondern Rothenburgsort ziehen, sind bei Feinkunst Krüger durch die Schaufenster zu erleben. Und dazu muss man noch nicht einmal ins neue Szeneviertel fahren (kann man aber natürlich auch), sondern nur in die Neustadt. „Grüße aus Rothenburgsort“ läuft bis Sonntag (Kohlhöfen 8).

Auch die Galerie Heliumcowboy Artspace (Bäckerbreitergang 75) bietet derartigen Kunstgenuss; sogar einmal wöchentlich wechseln die Schaufenster-Ausstellungen unter dem Titel „einblick“. Aktuell präsentiert sich dort der Künstler Rasmus Rinhack. Und im Westwerk (Admiralitätstr. 74) herrscht ab Freitag kreatives Schaufenster-Chaos mit dem Künstlerduo Iris-A-Maz und ihrem „Rainbow Wonder Lab“. vfe

FOTOGRAFIE: Wir geben Hamburg Perspektive“. So lautet das bewusst doppeldeutige Motto einer starken Open-Air-Ausstellung, die ein wenig über den weitgehenden Stillstand des kulturellen Lebens hinwegtrösten soll. Großflächige Fotos an 76 Litfaßsäulen der Stadt, von Alsterdorf bis Wilhelmsburg – Hamburgs größte Frischluft-Galerie! Beteiligt sind 18 Fotografinnen und Fotografen der Regionalgruppe Hamburg des Berufsverbandes Freelens e. V.

Erst Mitte Januar hatte Fotografin Sibylle Zettler die Idee und führte sie mit ihrer Kollegin Henriette Pogoda weiter. Nur gut zwei Monate dauerte es bis zur Umsetzung: Mitwirkung der Fotografen, Auswahl ihrer „50 Herzensorte“, Eingrenzung der Fotomotive, Realisation und Druck der Plakate für die Litfaßsäulen – in krisenhaften Corona-Zeiten alles sehr sportlich.

Die Fotokünstler haben sich an ihren Lieblingsorten selbst in Szene gesetzt, Zettler zum Beispiel im Eppendorfer Holthusenbad und, im Frack und allein, auf der Treppe zum Großen Saal der Elbphilharmonie. Fast sehnsüchtig blickt sie auf ihre Armbanduhr: Wann geht’s hier mit Konzerten wieder los?

Die Kulturbehörde hat das Ausstellungsprojekt aus dem Corona-Hilfsfonds mit 13.600 Euro finanziert, damit die allesamt freiberuflichen Fotoschaffenden auch Honorar bekommen. Die Firma Ströer, eines der größten deutschen Unternehmen für Außenwerbung, stellt die Flächen an den Litfaßsäulen zur Verfügung. Bleibt uns nur noch: mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen! HA

KUNSTHALLE: Bühne frei für die Metaphysik, für das Magische in der Kunst: Ausgehend von der Ausstellung „De Chirico. Magische Wirklichkeit“ in der Hamburger Kunsthalle haben sich Deutsches Schauspielhaus, Thalia Theater und Ensemble Resonanz zu einer einzigartigen besonderen Kooperation mit dem Titel „Das Gehirn des Kindes“ zusammengetan. In den Videoarbeiten nähern sich Darstellerinnen und Darsteller sowie Musikerinnen und Musiker dem Künstler Giorgio de Chirico (1888-1978) und dessen ikonischen Bildern, in denen die Zeit stillzustehen scheint.

In „Wir Metaphysiker“ durchtanzt Giorgio de Chirico die Räume seiner Vorläufer und erklärt seinen Standpunkt in der Geschichte der Welt. Das Thalia Theater erweitert die surrealen Bilderwelten in die Stadt hinein. Drei Besucher schauen die Bilder von Giorgio de Chirico an, sie rennen in Rekordzeit durch die Kunsthalle, raus auf den Platz, rein ins Thalia Theater.

Das Ensemble Resonanz versetzt de Chiricos Bildwelten auf die urbane Bühne und webt sie in Musik von Anton Webern und Cassandra Miller ein. Drei Videos sind bereits jetzt online unter www.hamburger-kunsthalle.de/im-gehirn-des-kindes sowie bei den einzelnen Institutionen abrufbar; die restlichen Filme folgen ab Mitte April. HA