Literaturhaus

Graphic Novel Tage in Hamburg: Die Bierphilosophen

| Lesedauer: 3 Minuten
Thomas Andre
Jaroslav Rudiš (l.) und Nicolas Mahler mögen Bier.

Jaroslav Rudiš (l.) und Nicolas Mahler mögen Bier.

Foto: Leonard Hilzensauer

Die Graphic Novel Tage waren wie immer erhellend – mit einem Romancier, einer Illustratorin und einem Illustrator im Livestream.

Als er schon zum zweiten Mal erwähnte, dass diese Graphic Novel wie von selbst entstanden sei, schob Jaroslav Rudiš („Winterbergs letzte Reise“) lieber eilig hinterher, wie viel Arbeit aber dahinterstecke. Für den Zeichner.

Da gibt es halt einen Unterschied, wenn ein Romancier und ein Comiczeichner kooperieren. Einer schreibt Sprechblasen, einer malt. Der Illustrator, mit dem sich Rudiš für den phänomenalen Band „Nachtgestalten“ zusammengetan hat, heißt Nicolas Mahler.

Unter Comicfans ist der ziemlich bekannt. Mahler hat eine, nach Comicszenenmaßstab, große Fangemeinde. Er ist mit eigenwilligen Literaturadaptionen bekannt geworden. Seinetwegen lesen James-Joyce-Forscher nun Bild-Text-Geschichten. Und Comic-Anhänger Robert Musil oder Thomas Bernhard. Mahler war bei den Graphic Novel Tagen aus Wien zugeschaltet, er sagte dann auch noch mal mit Nachdruck in Richtung von Jaroslav Rudiš, der im Literaturhaus an seinem Tisch saß, dass er ein halbes Jahr an dem Buch gearbeitet habe.

Graphic Novel Tage in Hamburg: „Nachtgestalten“

Diesem Buch, in dem die lakonischen Dialogparts von Jaroslav Rudiš stammen und Mahler mit charakteristischem Strich – Figuren sind bei ihm vor allem Nasen, mehr Physiognomie gibt es im Gesicht nicht – von einer Prager Kneipentour erzählt, während der sich zwei alte Freunde in einen tiefsinnigen und absurden Dialog verstricken, der die Tragik und die Komik des Lebens in Gänze fasst. Derlei Totalansprüche formulieren und lösen dann ja auch, gewissermaßen, immer nur Bierphilosophen zu später Stunde ein. Solange die Bars und Kneipen noch zu haben, sei „Nachtgestalten“ allen derzeit kaltgestellten Um-die-Häuser-Zieher wärmstens anempfohlen.

Pandemisch bedingt fanden die Graphic Novel Tage in dieser Woche digital statt. Das Publikum streamte, und im Saal empfing der vom Literaturhaus wie eh und je – neun Ausgaben gab es bislang – bestellte Comic-Fachmann Andreas Platthaus („Frankfurter Allgemeine Zeitung“) seine durchaus prominenten Gäste entweder leibhaftig und dann auf Abstand oder eben am Bildschirm. Am dritten Abend war neben dem Tschechen Rudiš auch die Sächsin Tina Brenneisen am Schwanenwik, was mit dem zugeschalteten Mahler ein fröhliches Dialektgemisch ergab.

Ein nie nerdiges Fachgespräch von Künstlern

Vor allem aber wohnte der Betrachter, wie es Usus ist bei den Graphic Novel Tagen, einem nie nerdigen Fachgespräch von Künstlern bei. Man erfuhr von Brenneisen, deren gefeiertes Werk („Das gelbe Pony“, „Das Licht, das Schatten leert“) eindringlich und anspruchsvoll ist, dass neben Bildrhythmus vor allem akzentuierte Farbsetzung ein wichtiger handwerklicher Kniff ist.

Von Rudiš gab es Einblicke in nationale Unterschiede in der Romanrezeption und die österreichisch-tschechische Humorverwandtschaft: „Auch Tschechen lesen Bernhard anders als Deutsche.“ Und Mahler erklärte die Ablehnung zum lebenslangen Motor seines Künstlerseins. Jahrelang habe er keinen Verlag gefunden, außerdem seien die Kritiken zu seinen ersten Büchern verheerend gewesen. Da habe er gewusst, er müsse weitermachen.

Die Comicszene ist nicht riesig, aber, wie man so sagt, lebendig – davon konnte man sich nicht nur bei dieser Veranstaltung überzeugen. Längst sind Comics (dann apostrophiert als Graphic Novels) nobilitiert. Tina Brenneisen erklärte ihre Erweckung als Zeichnerin übrigens so: „Ich schrieb immer gerne, aber nur für Bilder bekam ich Geld.“