Literatur

Schriftsteller Michel Houellebecq denkt nach

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Michel Houellebecq gilt als Prophet, aber manchmal verlegt er seine Zähne.

Michel Houellebecq gilt als Prophet, aber manchmal verlegt er seine Zähne.

Foto: picture alliance

Der Skandalautor legt mit „Ein bisschen schlechter“ einen neuen Essayband vor. Es geht um Religion, Trump, Corona und Zigaretten.

Hamburg. Es gibt Menschen, Leserinnen und Leser, die halten Michel Houellebecq für den unterhaltsamsten Schriftsteller unserer Tage – alleine wegen seines zwischen uneitel und ignorant (es ist eine coole Version der Selbst-Ignoranz) befindlichen Äußeren und seines phänotypischen Auftritts. Sie werden in diesem Buch, in dem man auf Fotos verzichten muss, dennoch bedient. Im Gespräch mit seinem Kollegen und Freund Frédéric Beigbeder spricht Houellebecq zum einen über seinen gerade beim Schreiben exzessiven Tabakkonsum. Vier Schachteln am Tag. Und er erzählt von seinem Zahnproblem. Beigbeder erinnert ihn daran: Houellebecq habe beim Abendessen vom Verlust seiner Zähne („Du hattest deine Zähne auf dem Tisch liegen lassen“) auf einer Auslandsreise gesprochen, danach war er bei den gesamten Filmfestspielen von Berlin ohne Zähne. Houellebecq antwortet das Erwartbare: Dass man ihm das Fehlen ansieht, sei ihm „wirklich ziemlich egal“.

Michel Houellebecq ist Franzose, 64 Jahre alt und mindestens der interessanteste Schriftsteller der Gegenwart. Nicht, dass Schriftsteller zwangsweise für Aufregung in den Feuilletons sorgen müssten, für Debatten und Diskurse, um als interessant und aufregend zu gelten. Aber es hilft manchmal. Wo doch der Literaturbetrieb schon so langweilig geworden ist. Houellebecq („Elementarteilchen“, „Unterwerfung“, „Serotonin“) ist als Autor bislang nie zahnlos aufgetreten und hat sich seinen Ruf als Provokateur redlich verdient. Manche nennen ihn auch einen Propheten. Was das anbelangt, ist Houellebecq ehrlich. Er sei kein Prophet, sagt er einmal sinngemäß; das merke man allein daran, wie oft er falsch gelegen habe.

Die Methode Houellebecq

Houellebecq „sagt“ tatsächlich viel in seinem neuen Buch „Ein bisschen schlechter“, das nun auf Deutsch erscheint, im Untertitel „Neue Interventionen“ heißt und damit auf frühere Essaybände verweist. Diese neue Sammlung beinhaltet neben Essays, die an prominenter oder entlegener Stelle erschienen, Interviews und Gespräche wie das mit Beigbeder. Wer interveniert, der will gehört werden; darauf hat sich Houellebecq stets verstanden. Er weiß, welche Knöpfe er drücken muss. Es gibt also, na klar, eine Methode Houellebecq, und diese hat uns trotz aller Berechnung von Aufmerksamkeitswahrscheinlichkeiten stets zum Nachdenken gebracht.

Und auch wenn das Nachdenken über Houellebecq und seine Gesellschaftsdiagnosen einerseits nicht enden sollte – das zeigen diese Texte bisweilen nachdrücklich –, bleibt doch auch der Eindruck des allzu Billigen. So etwa, wenn Houellebecq („Ich liebe das amerikanische Volk aufrichtig“) in seinem Aufsatz „Donald Trump ist ein guter Präsident“, ursprünglich erschienen in „Harper’s Magazine“ 2018, zum einen die Auflösung der Europäischen Union fordert, zum anderen Trumps Makel allesamt durch dessen in den Augen Houellebecqs segensreiches außenpolitisches und militärisches (Nicht-)Agieren aufgewogen sieht. Ein Präsident, der dafür sorgt, dass sein Land nicht mehr selbstgerechte Kriege führt, ist demgemäß ein guter. So kann man’s auch sehen, wenn man denn will. Dass Houellebecq Trump und den Amerikanern dabei längst überholte Hegemon-Ansprüche unter die Nase reibt, ist allerdings gleichermaßen uninspiriert.

Thema des metaphysischen Unbehaustseins

So ist festzuhalten: Nicht alles, was Houellebecq zu Papier bringt, lässt sich tatsächlich auch fruchtbar machen – ob nun für einen Sturm im Wasserglas oder ein gesellschaftliches Rauschen, das die Jetzt-Zeit mit Wucht erfasst. In den hier abgedruckten Texten tauchen die Autoren, die Houellebecqs Denken grundieren, wie früher schon immer wieder auf: Auguste Comte, Nietzsche, Schopenhauer. Aber auch der Apostel Paulus. Es könnte sein, dass die Präsenz des Überthemas Religion hier manchen Leser überraschen wird.

Houellebecq war freilich nach dem Erscheinen von „Unterwerfung“, jenem Roman, der einen muslimischen Präsidenten in Frankreich imaginiert, zum ersten Zeugen für den Untergangs des Westens und den Triumph des Religiösen mutiert. „Die öffentliche Meinung zum Islam ist tatsächlich in allen europäischen Ländern ungefähr gleich schlecht. Das ist vielleicht das Einzige, was wir gemeinsam haben“, heißt es hier.

Wenn der Nihilist Houellebecq, der in seinen Büchern das Thema des metaphysischen Unbehaustseins und der Leere wie kein Zweiter behandelt hat, einmal sagt, „dass alles Glück seinem Wesen nach religiös ist“, ist das kein Widerspruch. Er sei katholisch insofern, als er „dem Schrecken einer Welt ohne Gott Ausdruck verleihe… aber nur in diesem Sinne“.

Ohne Corona geht es auch bei Houellebecq nicht

Das ist Michel Houellebecq: Einer, der, wäre er nicht so desillusioniert, gerne zum Pfingstgottesdienst-Happening auf die grüne Wiese ginge. Aber der Glaube will ihm nicht gelingen. Doch nur wer sein Leben einem Glaubenssystem widmet, leidet nicht unter der Freiheit der modernen Welt.

Im Hinblick auf den Vorwurf der Homophobie gibt sich Houellebecq tapfer als Bannerträger der Rede- und Meinungsfreiheit: „Man hat das Recht, eine Religion anzugreifen.“ Wie lächerlich Religionen laut Houellebecq erscheinen können, erschließt sich sofort: als Topos einer säkularisierten Welt. Aber das „gefährliche Vergnügen“ eine Religion zu attackieren, hat sich endgültig mit dem Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ bewahrheitet.

Ohne Corona geht es auch bei Houellebecq nicht. Als der Houellebecq-Leser bei der Lektüre von „Ein bisschen schlechter“ (durchaus das Leitmotto des Pessimisten Houellebecq) schon beim Aus-Checken aus der Houellebecq-Welt ist, liest er in einem Text vom Mai 2020 dessen hellsichtige oder blinde Einschätzung zur angeblichen historischen Zäsur. Alles wird nach Corona anders? „Im Gegenteil, alles wird genauso bleiben, wie es war“, schreibt Houellebecq. Wir werden sehen.