Hamburg

Anspruchsvolle Graphic Novel: Gewonnen hat Deutschland

| Lesedauer: 4 Minuten
Splitter Verlag Das Spiel der Brüder Werner Buchcover

Splitter Verlag Das Spiel der Brüder Werner Buchcover

Foto: Splitter Verlag

Graphic Novel „Das Spiel der Brüder Werner“ zeichnet Spiel der BRD gegen die DDR bei der Weltmeisterschaft 1974 in Hamburg nach.

Hamburg. Als Nachklapp gibt es den geschichtlichen Abriss eines Historikers, außerdem eine Lektüreliste. Dieser Comic will faktenmäßig akkurat sein. Bis ins Detail: Im Sport-Hotel in Quickborn wird beispielsweise auch Bier ausgeschenkt. Also hängt da ein Holsten-Schild.

In der nächsten Szene wird es auf andere Weise plakativ: Einer der beiden Helden der Geschichte versucht sich an Coca-Cola, aber der westlichste aller Softdrinks möchte dem DDR-Bürger nicht schmecken. Also schüttet er das süße Gesöff weg. Sein Gaumen goutiert lediglich Vita Cola, den Stolz des Arbeiter-und-Bauern-Staats.

Die jetzt auf Deutsch erscheinende Graphic Novel „Das Spiel der Brüder Werner“ bewegt sich im Spannungsfeld von historischer Authentizität und absoluter Fiktionalität. Ja, was der Zeichner Sébastian Goethals und der Comicszenarist Philippe Collin mit ihrem Werk wollen, ist hochambitioniert und deshalb auf Effekte aus.

Ihr Comic ist in mancherlei Hinsicht ein reines Geschichtsbuch, das vom Eisernen Vorhang erzählt, dem Gegenüber von Kapitalismus und Sozialismus, von den beiden Deutschlands. Deswegen fahren die beiden Autoren Plot-mäßig einiges auf, nicht zuletzt auch, um ein französisches Publikum für die bewegte Geschichte zwischen Ost und West zu interessieren. Sagen wir es in einem Wort: „Das Spiel der Brüder Werner“ ist eine knallige, reißerische und völlig unsubtile Angelegenheit — und erfüllt gerade deswegen seinen Zweck.

Die Gegnerschaft der Weltanschauungen wird als Agentengeschichte in Szene gesetzt – und gleichzeitig als Fußballspiel. Im Mittelpunkt stehen die Brüder Konrad und Andreas Werner, die als Söhne ermordeter, jüdischer Kommunisten 1945 als „Wolfskinder“ aus dem zerstörten Berlin fliehen, in Leipzig in der sowjetisch besetzten Zone aufwachsen und später von einem Stasi-General rekrutiert und protegiert werden.

Sie werden selbst zu Agenten der Staatssicherheit. Und auf beiden Seiten der Grenze in die perfide Strategie der DDR eingespannt. Andreas Werner ist bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 Betreuer der DDR-Nationalmannschaft, Konrad Werner dagegen infil­triert zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten den Klassenfeind jenseits des antifaschistischen Schutzwalls – und ist Physiotherapeut in der westdeutschen Nationalelf.

Ein anspruchsvoller Comic, der der Aufgabe, der er sich gestellt hat, gerecht wird

Wir erinnern uns: Das ist die heldenhafte Truppe, die zwar den zweiten Stern für Deutschland holte, aber vorher schändlicherweise im Volksparkstadion 0:1 (Jürgen Sparwasser!) im weltpolitisch so immens aufgeladenen deutsch-deutschen Duell gegen die DDR verlor. Das Spiel bildet natürlich den Höhepunkt der Comicerzählung, die geschickt das vielleicht plastischste und sinnfälligste Aufeinandertreffen von Sozialismus und Kapitalismus als dessen dramatische Zuspitzung aufgreift.

Um dieses Spiel herum wird die Brudergeschichte erzählt, in der sich die Sehnsüchte und Verstrickungen, die Ideologien und Träume eines Jahrhunderts spiegeln. Jede Figur in dieser Geschichte hat nicht nur narrativ, sondern auch mit Blick auf das Schicksal der deutschen Teilung eine Funktion. Einer der Brüder zweifelt früh an seinem Land, der andere nicht: der Wettstreit der getrennten Systeme als Familientragödie.

Es bleibt nicht aus, dass die Mentalitäts- und Gesellschaftsgeschichte vor allem der DDR ziemlich schematisch erzählt wird. Viel davon wird in die Dialoge der Brüder gepackt, die deshalb oft hölzern wirken. Obwohl die Wortstanzen zum Sozialismus ja andererseits dazugehörten. Honecker, Priebke, Beckenbauer – in diesem Comic tauchen die Personen der Zeitgeschichte reichlich auf.

Wobei die Szenen mit dem fußballerischen Personal, das sicher nicht unbedingt beabsichtigt, durchaus von Komik zeugen. Der Mao-bewegte Paul Breitner, der seinen Kapitän („Beckenbauer, du Arschloch“) beschimpft, und die hemdsärmeligen Ansprachen von Bundestrainer Helmut Schön: Kann schon so gewesen sein.

Aber es ist ganz entscheidend die Fantasie, die den französischen Autoren Pate stand; wobei es schon hätte sein können, dass ausgerechnet der spätere Republikflüchtling Sparwasser – im Januar 1988 blieb er mit seiner Frau nach einem Altherrenspiel im Westen – nur einige Tage vor dem Spiel, das sein Treffer entscheiden sollte, auf der Großen Freiheit den Geschmack ebenjener schmeckte, wie im Comic beschrieben.

„Das Spiel der Brüder Werner“ erzählt spannend und pointiert, und auch wenn die pädagogische Absicht immer zu erkennen ist: So kann man vom Unrechtsstaat DDR und manchen weltanschaulichen Verkrampfungen auf westlicher Seite erzählen. Ein anspruchsvoller Comic, der der Aufgabe, der er sich gestellt hat, gerecht wird. Anders als die Nationalmannschaft beim 0:1.