Corona-Regeln in Hamburg

Warum Konzerte und Theater oft keine Pause mehr haben

| Lesedauer: 9 Minuten
Stefan Reckziegel
Maskenpflicht bis zum Sitzplatz, das gilt auch für alle Gäste sowie das Personal der Elbphilharmonie während der Corona-Krise.

Maskenpflicht bis zum Sitzplatz, das gilt auch für alle Gäste sowie das Personal der Elbphilharmonie während der Corona-Krise.

Foto: Peter Hundert

Elbphilharmonie, Laeiszhalle und Privattheater spielen meist nur kurz. Nicht immer ist das vorgegeben. Diese Regeln gelten wirklich.

Hamburg. Manche Besucher haben sich schon daran gewöhnt – manche Künstler sowie leidenschaftliche Kunstgenießer möchten sich nicht daran gewöhnen: Ob klassische Konzerte oder Theatervorstellungen, das Spielen mit Abstand und in kleinen Besetzungen dauert in dieser Saison oft nur 60 bis 75 Minuten, manchmal knapp 90. Schlussapplaus, Ende, (r)aus und ohne Pause wieder nach Haus, so sieht’s dann aus.

Viele Abende in der maximal zu einem Drittel besetzten Elbphilharmonie und Laeiszhalle sowie in den oft nur zu einem erlaubten Viertel gefüllten Bühnen der Stadt sind erstaunlich kurz. Das sei den „Corona-Regeln“ geschuldet, heißt es. Aber was steckt hinter diesem Begriff, was ist Pflicht, was Kür? Und was macht Hamburgs Kultur so sicher?

Mindestabstand von 1,50 Meter gilt auch im Saal

Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist in allen Häusern Pflicht, bis der Sitzplatz erreicht ist. Erst dort darf die Maske abgenommen werden. Zusätzliches Personal wacht darüber. Dass der Mindestabstand von 1,50 Meter auch im Saal gilt, gehört ebenfalls dazu. Wie bereits Anfang Juli, als das Schmidts Tivoli als erstes deutsches Theater zu Corona-Zeiten wieder loslegte, mit der Show „Paradiso“: 75 Minuten lang, mit ausgeklügelten Wegesystem durchs Foyer und nach der Show mit Ausmarschmusiken für die jeweilige Zuschauer-Sektion – Stichwort: geordneter Rückzug.

„Uns ist es besonders wichtig, den Abend für unsere Gäste so sicher wie nur möglich zu gestalten, sagt Sascha Rodewald, zuständig für die Leitung Veranstaltungstechnik im Tivoli und Schmidt Theater, das am 15. Oktober wieder öffnet .„Um einen möglichen Andrang beim Ein- und Auslass, in den Gängen und auf den Toiletten zu vermeiden, haben wir entschieden, unsere Shows ohne Pause und in einer extra dafür angepassten Länge zu spielen“, erläutert er.

Ohnsorg-Chef Lang ordnet Infektionsschutz alles unter

Michael Lang, Intendant des Ohnsorg-Theaters, sieht sich aufgrund der gestiegenen Infektionszahlen auf seinem „achtsamen Weg“ bestätigt. Seit der Wiederöffnung des modernen Hauses am Heidi-Kabel-Platz im Juli dauern die Vorstellungen wie im Tivoli maximal 75 Minuten ohne Pause. „Wir nehmen damit auch die Forderung nach ,Kontaktarmut’ sehr ernst und ordnen dem Infektionsschutz alles unter. Die Gesundheit des Publikums und der Belegschaft haben für uns oberste Priorität.“

Das Coronavirus in Deutschland und weltweit:

Langjährige Erfahrungen hätten ergeben, dass spätestens nach 75 Minuten entweder eine Pause gemacht werden müsse oder aber das Stück zu Ende sein sollte. Sowohl die Besucherreaktionen als auch die -zahlen – die zurzeit 120 zulässigen Plätze sind fast immer ausgebucht – seien positiv. „Weil wir eben die Regeln so seriös umsetzen und man nicht nur einen unterhaltsamen Abend erlebt, sondern sich auch noch sehr sicher fühlt“, sagt Lang.

Branchenspezifische Handlungshilfe zum Sars-Cov-2-Arbeitsschutzstandard

Indes: Es gibt nicht die eine goldene Corona-Regel. „Es gilt die allgemeine Eindämmungsverordnung des Senats“, sagt Kerstin Budde. Die Sicherheitsingenieurin berät mit ihrer Firma that Hamburg – Büro für Theaterbetriebstechnik seit Jahren zahlreiche Häuser, Elbphilharmonie und Laeiszhalle, Thalia, Ohnsorg, Altonaer Theater und Kammerspiele, auch das Mehr! Theater sowie die Kunsthalle.

Wichtig: Für die Arbeit in und hinter den Theaterkulissen kann die branchenspezifische Handlungshilfe zum Sars-Cov-2-Arbeitsschutzstandard für Bühnen und Studios hinzugezogen werden. Und die werde alle vier Wochen aktualisiert, sagt Budde, die im Sachgebiet Bühnen und Studios der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft bei der Erarbeitung mitwirkt.

Beim Singen, exzessiven Sprechen und Tanzen gilt: drei Meter Abstand

Außer dem Mindestabstand von 1,50 Meter zwischen den Künstlern nennt die Handlungshilfe für die Bühne weitere Richtwerte: Bei Musikern, speziell Bläsern, soll der Abstand zwei bis drei Meter betragen, beim Singen, exzessiven Sprechen und Tanzen sollen es drei Meter sein, „wenn die Lüftung gut ist“, ergänzt Kerstin Budde.

Was „gut“ heißt, beschreibt die Handlungshilfe: Sie sieht für die Mitarbeiter eine CO2-Obergrenze der Raumluft von 800 bis 1000 ppm vor, auch sollte der Frischluftanteil mindestens 50m³/h/Person betragen. Für den Zuschauerbereich gibt es bisher keine Richtwerte. Deshalb zieht Budde auch hier zur Orientierung die Werte der Handlungshilfe heran. Die gelte es regelmäßig zu kontrollieren. Werden die Grenzen nicht überschritten, können Veranstaltungen auch mal länger dauern.

Elbphilharmonie: Zwei Konzerte pro Abend sind halbwegs wirtschaftlich

Eine Konzertdauer sei auch nicht behördlich vorgegeben, sagt Tom R. Schulz, als Sprecher der Hamburg Musik GmbH zuständig für Elbphilharmonie und Laeiszhalle. Aus dem Mindestabstand von 1,5 Meter ergibt sich im Großen Saal eine maximale Besucheranzahl von rund 620 bei 2100 Plätzen.

„Um angesichts dieser starken Beschränkung attraktive Konzerte trotzdem noch halbwegs wirtschaftlich realisieren zu können, werden die meisten zweimal pro Abend gespielt. Dadurch erzielen wir immerhin 60 Prozent der Saalkapazität. Diese gedoppelten Konzerte müssen kürzer sein, weil Abendkonzerte in der Woche nicht früher als 18.30 Uhr beginnen sollten und das zweite Konzert nicht später als 21 Uhr“, rechnet Schulz vor.

Außerdem sollten die Musiker durch die Wiederholung eines Programms in herkömmlicher Länge nicht über Gebühr strapaziert werden. Die Pause zwischen den beiden Auftritten wird auch für die Reinigung im Saal benötigt. Findet nur ein Konzert pro Abend statt, könne es die übliche Länge haben, so Schulz.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum, und halten Sie mindestens 1,50 Meter Abstand zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an Ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielt seine Konzerte meist zweimal am Abend zu je 60 bis 70 Minuten, „um so der doppelten Anzahl von Zuschauerinnen und Zuschauern den Besuch der Konzerte zu ermöglichen“, wie NDR-Sprecherin Bettina Brinker bestätigt. Um mehr Menschen den Besuch der Konzerte zu ermöglichen, hat sich auch die NDR Bigband entschlossen, die Konzerte im Stundenformat doppelt zu spielen.

Am Schauspielhaus gilt auch in der Pause ein Einbahnstraßen-System

Am St. Pauli Theater hat sich das Hygienekonzept aus den Abstandsvorgaben, der Maskenpflicht und dem Luftaustausch ergeben, angepasst an die Gegebenheiten des 2016 grundsanierten, aber noch immer recht engen Traditionshauses von 1841. Weil Pausen weitere Begegnungen mit sich bringen würden, dauern die Vorstellungen nur 70 bis 80 Minuten – „um dann auch wieder lüften zu können“, wie es heißt. Lesungen wie jüngst die „Love Letters“-Premiere von Eva Mattes und Volker Lechtenbrink können auch mal 100 Minuten lang werde, ohne dass die Luft verbraucht wirkt.

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Die Uraufführung von „Rainald Goetz’ „Reich des Todes“ zum Spielzeitauftakt im Schauspielhaus dauerte sogar mehr als vier Stunden - mit Pause. In der galt wie vor Beginn ein Einbahnstraßen-System – links rein, rechts raus. Das im Jahr 1900 erbaute größte deutsche Sprechtheater (1200 Plätze) versichert auf seiner Homepage, dass die neue Zu- und Abluftanlage dem modernsten Stand der Technik entspreche: Im Zuschauerraum liege der gemessene CO2-Wert mit 300 ppm weit unter der Obergrenze, und der Außenluftanteil entspreche mit 163m³/h pro Person mehr als dem Dreifachen des Richtwerts.

Senator Brosda rät, „Vielfalt der Kultur in Hamburg zu nutzen“

Kultursenator Carsten Brosda vertraut sowohl den staatlichen als auch den privaten geführten Häusern, die mit ihren Konzepten jeweils für die Sicherheit verantwortlich sind. „Oberste Priorität hat derzeit die Eindämmung der Pandemie. Daher gehen wir in Hamburg sehr bedacht vor und machen nur das möglich, was ohne Bedenken geht. Dabei stehen wir im engen Kontakt mit den Gesundheitsbehörden und den Hygienikern. Der Besuch von Kultureinrichtungen ist daher sehr sicher, ich kann besten Gewissens nur allen raten, die Vielfalt der Kultur in Hamburg zu nutzen“, sagte der SPD-Politiker, zum Saisonstart selbst Gast im Tivoli und im Ohnsorg.

Doch egal, ob eine Vorstellung oder ein Konzert nun knapp 75 Minuten oder vier Stunden dauert, der Abstand zwischen Künstlern und Publikum muss stets mindestens 2,50 Meter betragen. Distanz kann bis auf Weiteres wohl nur enthusiastischer Beifall überbrücken – laute „Bravo!“-Rufe oder auch mal ein „Buh“ sind derzeit auch für Kunstgenießer ein zweischneidiges Schwert.