Neuveröffentlichung

Als Max Frisch seinen Verleger in New York anzickte

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Autor Max Frisch (l.) und Verleger Siegfried Unseld im Mai 1987.

Autor Max Frisch (l.) und Verleger Siegfried Unseld im Mai 1987.

Foto: picture alliance

Die „Reiseberichte“ des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld sind ein wichtiges Zeugnis deutscher Geistesgeschichte.

Hamburg. Ein „Bericht“ ist so nüchtern gefasst, wie es nur geht. Keine inhaltlichen Abschweifungen, kein stilistischer Firlefanz. Pure Aufzählung der Fakten. Den legendären Verleger Siegfried Unseld (1924–2002) kannte man bislang als werbenden, zugewandten, sich kümmernden Absender aus diversen Briefwechseln, die sein Suhrkamp-Verlag in den vergangenen Jahrzehnten in sozusagen germanistischen Prachtbänden herausgegeben hat. Jetzt, mit dem in der verdienstvollen Reihe „Bi­bliothek Suhrkamp“ veröffentlichten Kompendium „Reiseberichte“, lernt man Unseld noch einmal anders kennen.

Es sind insgesamt 1500 Dokumente, die im Suhrkamp-Archiv lagern. Der legendäre Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger (1951–2020) – das Wort „legendär“ muss immer wieder fallen in Suhrkamp-Zusammenhängen – stellte vor seinem Tod einige von ihnen für diesen Band zusammen. Sie waren, seit Unseld 1959 dem gestorbenen Verlagsgründer Peter Suhrkamp als Leiter nachgefolgt war, stets für den internen Gebrauch bestimmt gewesen.

Schlichte Gesprächsprotokolle

Um was geht es in den Reiseberichten? Nun, es geht eigentlich im Kern um schlichte Gesprächsprotokolle. Zum Job des Verlegers gehört in erster Linie die Autorenpflege. Um Bücher zu besprechen, literarische Vorhaben, Übersetzungen, Honorare, flog und fuhr Unseld also an die Orte, wo seine Autorinnen und Autoren lebten. Nach New York, Paris, Berlin etwa – das literarische Jetsetten hatte immerhin prominente Destinationen. Weil es gleichzeitig mit Johnson, Handke, Frisch und vielen mehr um literarische Prominenz ging.

Mit dieser A-Liga der deutschsprachigen Kulturszene gab es einen pragmatischen Austausch. Notwendigerweise subjektiv und dabei das Erlebte mit dem Bewusstsein des Unternehmenschefs kommentierend tritt dem Leser der „Reiseberichte“ der klassischste aller Büchermenschen entgegen. Dieses oft trockene Buch ist auch das Zeugnis eines Arbeiters im Literaturbetrieb: In den für alle Suhrkamp-Abteilungen bestimmten Niederschriften – Unseld nutzte ein Diktiergerät, dessen Aufnahmen seine Sekretärinnen zu Papier brachten – geht es um so unterschiedliche Dinge wie den Status quo der polnischen Nationalliteratur, Schriftgrößen, Besuche auf der Leipziger Buchmesse und die Güte von Übersetzungen.

Man ist also froh, dass dieser verlegerische Alltag von farbigeren Auftritten Unselds unterbrochen wird. Sei es der Beerdigung Hesses 1962, einer Zusammenkunft von Kulturelite und Politik in Ludwig Erhards Kanzleramt oder einer Reise nach New York, die 1971 auch aus Anlass von Max Frischs 60. Geburtstag stattfand. Weil sich Frisch, ganz kapriziöser und eitler Dichter, dennoch nicht genug gewürdigt sieht, zickt er ordentlich herum: Auch das hält ein erklärtermaßen getroffener Verleger in seinen Aufzeichnungen fest. Die „Reiseberichte“ verraten viel über die Spezies Schriftsteller und viele Jahrzehnte deutscher Geistesgeschichte.