Literatur

„The Street“: Ein fast vergessener Rassismus-Klassiker

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Ann Petry im Jahre 1946, dem Jahr, als „The Street“ erstmals veröffentlicht wurde.

Ann Petry im Jahre 1946, dem Jahr, als „The Street“ erstmals veröffentlicht wurde.

Foto: J. Hogan / AP

Der grandiose Roman „The Street“ der Schriftstellerin Ann Petry erscheint in einer Neuübersetzung.

Berlin. Er ist Musiker. Bandvorsteher. Er verdient nicht schlecht, weil er jede Nacht in der Upper Westside auftritt. Aber er ist schwarz. Wenn er nachts durch New York cruist, liefert er sich Wettrennen mit den anderen Autos, in allen sitzen Weiße. Er will sie demütigen, indem er sie auf der Straße schlägt. Er ist sich bewusst, wie sehr es die Weißen hassen, gegen ihn, den Schwarzen, zu verlieren. Es ist das Zeitalter der Segregation, der Rassentrennung, als der Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß noch ehrlicher zu sehen war.

Boots Smith ist eine der einprägsamen Hauptfiguren des Romans „The Street“, der nun abermals auf Deutsch erscheint. Er stammt von der Schriftstellerin Ann Petry (1908–1997) und kam im Original im Jahr 1946 heraus. Ein literarischer Oldtimer also, und doch, man kann dem Verlag Nagel & Kimche zur Wiederveröffentlichung nur gratulieren, eine starke Erzählung mit zeitlosem Plot. Auf Deutsch erschien sie bereits Ende der 1980er-Jahre einmal. In einer Reihe mit dem fürchterlich staubigen Titel „Die Frau in der Literatur“.

Dauerhafte Deklassierung

Wobei das Label so falsch nicht ist. Denn nicht der genannte Boots Smith ist der Held dieses Romans, der mit anderthalb Millionen verkauften Exemplaren nach Erscheinen der bis dato erfolgreichste einer afroamerikanischen Schriftstellerin war; die Heldin heißt Lutie Johnson und ist alleinerziehende Mutter in Harlem. Der Stadtteil ist in der Erzählgegenwart des Jahres 1944 zu einer schlechten Wohnadresse heruntergekommen, von Gewalt und Armut geprägt. Hier leben die schwarzen New Yorker in dauerhafter Deklassierung.

Für Lutie, die bei reichen Weißen in Connecticut als Haushälterin und Kindermädchen arbeitete, und Boots Smith, der den Weißen als Schlafwagenschaffner dienen musste, bevor er den Ausweg als Musiker fand, besteht nie Zweifel daran, wer verantwortlich ist für die Unterdrückung der Schwarzen. Das weiße Machtmonopol ist schuld, und so wenig widerlegbar diese klare Zuweisung damals war, so wenig ist sie es heute. Natürlich denkt man an das gewaltige Rassismusproblem der heutigen USA, das unlängst mit dem gewaltsamen Tod George Floyds und den anschließenden Unruhen wieder aufflammte.

Vollendete Desillusionierung

Dem Los der Schwarzen entkommt in diesem Roman der vollendeten Desillusionierung niemand. Es sind derangierte und von den Gesetzen jenes Landes der begrenzten Möglichkeiten zugerichtete Figuren, die Ann Petry ausführlich und erbarmungslos beschreibt. Der triebhafte Hausmeister, die zynische Puffmutter: Sie wissen, dass sie aus der 116. Straße, in der die Handlung hauptsächlich angesiedelt ist, nie wegkommen werden.

Das zweite Thema von „The Street“ ist der Sexismus. Lutie Johnson, die als einzige noch den Glauben hat, es aus Harlem herauszuschaffen, ist das Objekt der männlichen Begierde. Und als solches hat sie ihr Schicksal nie selbst in der Hand. Es ist eine Geschichte, wie sie so nur einer Frau auch heute noch passieren kann. Das wissen wir seit #Metoo.

Wie Lutie auf eine Karriere als Sängerin setzt und sich dabei umso mehr in ihr Schicksal verstrickt, für das nur in Ausnahmefällen ein Happy End vorgesehen ist, wird von der gewieften Autorin Ann Petry fesselnd in Szene gesetzt. „The Street“ hat manche Elemente der Spannungsliteratur. Dazu zählt sicherlich auch, dass die Figuren stellenweise stereotyp geraten sind. Mehr als ausgeglichen wird dieses Manko aber mit der biografischen Tiefe, die die meisten Figuren bekommen. Petry erzählt, warum die Menschen wurden, wer sie sind. Von der Hautfarbe, die Lebensläufe determiniert, und von Hoffnungen, die trügen.