Literatur

Lyrikerin Elke Erb erhält den Georg-Büchner-Preis

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Elke Erb ist die Trägerin des Georg-Büchner-Preises 2020.

Elke Erb ist die Trägerin des Georg-Büchner-Preises 2020.

Foto: Gerald Zoerner / dpa

Die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung geht an eine Schriftstellerin, die viele Autorengenerationen beeinflusste.

Darmstadt/Hamburg.  Es war, nach vielen jüngeren Preisträgern zuletzt, eh Zeit, ein Klischee wiederzubeleben, und Klagenfurt tat den ersten Schritt. Dort, beim berühmten Wettlesen, gewann die 80-jährige Helga Schubert den Bachmann-Preis. Seit Dienstag steht nun die neue Trägerin der wichtigsten deutschsprachigen Literaturauszeichnung überhaupt fest: Elke Erb, 82 Jahre alt, erhält in diesem Jahr den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis. Wobei das Idealbild (oder das Vorurteil), das vielen zur Literatur einfällt, natürlich noch viel eher das des alten Schriftstellers ist.

Nun aber eine Schriftstellerin, und die Jury hat eine Wahl getroffen, zu der man gratulieren möchte. Elke Erb ist das Paradebeispiel einer Autorin, für die das Schreiben untrennbar mit der Existenz verbunden ist: Jede Veröffentlichung hatte eine fundamentale Bedeutung. Und dies hat etwas mit der Generation zu tun, der sie angehört, und damit den Umständen, in denen sie schrieb – Prosa und Lyrik gleichermaßen. Erb wurde 1938 in der Eifel geboren, lebte aber ab 1949 in der DDR. Ihr Vater Ewald Erb, ein marxistischer Literaturhistoriker, holte damals die Familie nach Halle nach. Auch Elke Erbs jüngere Schwester Ute Erb ist Schriftstellerin. Anders als Elke Erb verließ diese bereits 1957 die DDR und ging in den Westen.

Erb war nach ihrem Studium zunächst Lektorin

Elke Erb wiederum war nach ihrem Studium zunächst Lektorin, ehe sie ab 1966 als freie Schriftstellerin arbeitete. Sie trat mit Lyrik und Kurzprosa in Erscheinung, aber auch mit Übersetzungen. Ihre ersten Bücher waren „Gutachten, Poesie und Prosa“ (1975) und „Der Faden der Geduld“ (1978), ausgewählte Texte erschienen auch im Westen. Später wurde sie von der Stasi überwacht: weil sie ab den 1980er-Jahren Kontakt zur Friedensbewegung hatte und gegen die Ausbürgerung des SED-Gegners und Bürgerrechtlers Roland Jahn protestierte und an einer oppositionellen Lyrikanthologie mitarbeitete.

Erbs „poetischer Sachverstand“ zeige sich in ihrer übersetzerischen Arbeit und habe mehrere Generationen von Dichterinnen und Dichtern in Ost und West beeinflusst, heißt es in der Jury-Begründung. Die Jury würdigte außerdem die „prozessuale und erforschende Schreibweise“ ihrer Gedichte, in denen Sprache zugleich Gegenstand und Mittel der Untersuchung sei. Erb gelinge es wie keiner anderen, die „Freiheit und Wendigkeit der Gedanken in der Sprache zu verwirklichen, indem sie sie herausfordert, auslockert“.

Preisverleihung im Oktober

Ein Urteil, das Lyrikfreunde, denen Erb bislang kein Begriff war, nun unbedingt überprüfen sollten. Das denkt sich auch der Suhrkamp-Verlag, der einen eigentlich für 2021 geplanten Gedichtband Erbs nun auf Oktober vorzieht. In nämlichem Oktober ist auch die Preisverleihung geplant. Am 31.10., um genau zu sein, in Darmstadt, dem Sitz der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2019 hatte der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss den Büchner-Preis erhalten. Er wird seit 1951 vergeben, Elke Erb ist erst die elfte Frau, die ihn erhält.

Vielleicht erklärt unter anderem das ihre Reaktion auf die Überbringung der frohen Auszeichnungskunde: Elke Erb habe die Entscheidung mit der Haltung derjenigen aufgenommen, „die die Entscheidung nicht falsch finden können“, teilte der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Ernst Osterkamp, mit. Eine schöne Formulierung für die Selbstgewissheit einer Autorin.