Literatur

Große Romankunst von Elizabeth Strout

| Lesedauer: 5 Minuten
Frances McDormand in der großartigen Verfilmung des ersten Olive-Kitteridge-Romans.

Frances McDormand in der großartigen Verfilmung des ersten Olive-Kitteridge-Romans.

Foto: JoJo Whilden

„Die langen Abende“ ist großartige, tiefsinnige Kleinstadtprosa – mit einem ganzen Ensemble von Helden des Alltags.

Hamburg. Niemand hat gesagt, dass Altwerden eine leichte Übung ist. Und es hat, Knigge-Konventionen und erprobten Umgangsformen zum Trotz, auch nie das Diktat gegeben, tatsächliche Sichtweisen unter einer Verbaldecke aus Schonung und Verbrämung zu verstecken. Warum nicht alles frei aussprechen?

Das tut Olive Kitteridge. Zu keiner Zeit windet sie sprachliche Girlanden, sie teilt den Menschen mit, was sie denkt, und sie ist damit die schroffestmögliche Zeitgenossin, die man sich denken kann. Wenn jemand gestorben ist, findet sie das „grauenhaft“. Viel sensibler kann sie sich nicht dazu äußern. Selbst wenn ein Trauernder ihr gegenübersitzt. Und wenn sie einer todkranken Frau ihr Herz ausschüttet und diese Frau sie dann fragt, ob Olive das nur tue, weil sie wisse, dass sie, die Todkranke, wahrscheinlich bald sterben werde, sagt Olive einer bestechenden Logik folgend: „Ich habe ja keine Garantie, dass Sie bald sterben.“

Brüske Rhetorikmanöver

Olive Kitteridge kennt nichts anderes als brüske Rhetorikmanöver. Manche („Der alte Giftzahn“) hassen sie deswegen, aber die meisten fassen gerade wegen ihrer Ehrlichkeit Vertrauen zu ihr; und weil sie spüren, dass Olive sich für sie interessiert. Olive Kitteridge ist als literarische Figur nicht unbedingt ein Selbstläufer, man muss als Leserin oder Leser schon Sympathie für derlei Knurrigkeit mitbringen. Es fällt insgesamt aber nicht schwer, sie zu mögen. Nun schreibt die US-amerikanische Autorin Elizabeth Strout ihren Erfolgsroman „Mit Blick aufs Meer“ (im Original „Olive Kitteridge“, erschienen 2007, auf Deutsch 2010) fort.

„Die langen Abende“ („Olive, Again“) ist erneut großartige, tiefsinnige, menschenkennende Kleinstadtprosa – mit einem ganzen Ensemble von Helden des Alltags. Wie in ihren anderen Büchern erzählt die Pulitzerpreisträgerin in ihrem neuen Werk ein Bündel von Geschichten. Es geht also nicht ausschließlich um Olive Kitteridge. Aber wenigstens am Rande taucht die jetzt pensionierte Mathelehrerin, die inzwischen über 70 ist, meist auf. Strout, die 1956 in Portland geboren wurde, siedelt ihren Minikosmos der jetzt oft Alten und Versehrten wieder in dem in Maine gelegenen Küstenstädtchen Crosby an.

Trauer um das Verlorene

Der erste Roman wurde 2014 in einem Mehrteiler mit Frances McDormand als Olive verfilmt. McDormand sehe eigentlich zu gut aus, um exakt ihren Vorstellungen von Olive zu entsprechen, hat Strout einmal sinngemäß gesagt. Nun, wie dem auch sei – es ist jedenfalls so, dass man die Bildschirmversion der Kitteridge beim Lesen vor Augen hat. Was die Lektüre aber kaum beeinflusst.

Olive hat, als der Roman einsetzt, mit Jack Kennison angebandelt, einem emeritierten Harvard-Professor, der wie sie verwitwet ist. Zwischen den beiden herrscht eine herbe Zärtlichkeit. Es sind die jahrzehntelangen Ehen beider, die in Konkurrenz zu der neuen Beziehung stehen. Im Laufe der unaufdringlich im Zeitraffer erzählten Handlung werden Jack und Olive heiraten, und wie Strout jene auch symbolisch vollzogene Neuverbindung mit dem Ballast des Vergangenen und der Trauer um das Verlorene beschwert, ist große Romankunst.

Es ist eine stille Komik, die diesen Roman durchzieht

Es ist bemerkenswert, wie unsentimental hier gealtert und, auch das, gestorben wird. Über glückliche Menschen gibt es keine Geschichten zu erzählen, heißt es zu Recht. Und deshalb sind die Menschen in „Die langen Abende“ eher unglücklich als glücklich, aber sie leben auch nach Verlusten eben ihr Leben: Es gibt ja nur dieses eine. Sie haben schlechte Beziehungen zu ihren Kindern, bedauern, dass sie nicht freundlicher zu ihren Ehepartnern waren. Sie schleppen Traumata mit sich herum – erstaunlich viele Selbstmorde treten in den Familiengeschichten auf –, mögen Immigranten nicht und nehmen Drogen. Amerikas Gesellschaftsprobleme schieben sich an den Wahrnehmungsrand von Strouts
Erzählung, werden lediglich en passant angeschnitten.

Es sind die Menschen, die im Mittelpunkt stehen, hinfällige Kreaturen, die wahrgenommen werden wollen in ihren Wünschen. Es ist eine stille Komik, die diesen Roman durchzieht, obwohl Strout zumindest an einer Stelle ihren Figuren auf drastische Weise den Irrwitz von alten Sünden und modernem Leben aufnötigt.

Fergus und Ethel reden nach einem Fehltritt seinerseits seit Jahrzehnten nicht miteinander, sind aber weiter miteinander verheiratet. Im Wohnzimmer, das durch ein Band aufgetrennt ist, stehen zwei Fernsehapparate. Für jeden einer. Und dann bringt sie, am Ende ihres Lebens, ausgerechnet die Katastrophe wieder einander näher. Die Kata­strophe, dass die ältere Tochter („Dass sie den Männern Nadeln in den Penis steckt? Hat sie euch das gesagt?“) in New York als Domina arbeitet: Was für eine Erschütterung in so lebensspäten Jahren!

Am Ende dieses zweiten Crosby/Maine-Erzählreigens ist Olive über 80, zum zweiten Mal verwitwet und lebt im Heim. Die große Erzählerin Elizabeth Strout lässt dennoch Gnade mit ihr walten, wie mit allen Personen in „Die langen Abende“.