Interview

„Meine Originale? Die kann ich mir gar nicht leisten!“

 Künstler unter sich: Otto Waalkes (71) und Max Heide (68), dessen Bild hier zu sehen ist.

Künstler unter sich: Otto Waalkes (71) und Max Heide (68), dessen Bild hier zu sehen ist.

Foto: Michael Rauhe

Otto Waalkes und Max Heide über Zeichnen in Tapetenbüchern, Malen nach Beerdigungen und das Zerschneiden von Bildern.

Hamburg. Das Fachsimpeln beginnt direkt nach dem Kennenlernen. „Das Bild gefällt mir richtig gut, das hat eine enorme Tiefe“, lobt Otto Waalkes das Werk seines Künstler-Kollegen: „Die Arbeit mit dem Spachtel ist außergewöhnlich, das könnte ich nicht.“ Er vermisst auf dem abstrakten Gemälde allein die Si­gnatur: „Wo ist Deine Unterschrift?“ „Die steht an der Seite. Ich will das Bild nicht kaputtmachen. Und mich kennt ja sowieso keiner“, antwortet Max Heide. Waalkes lacht: „Das ist bei mir anders, meine Fans wollen, dass auf den Bildern mein Name steht. Aber warte ab: Nach ein paar Ausstellungen wirst auch Du Deine Anonymität opfern müssen.“

An diesem Nachmittag Anfang März im Dachgarten über dem Studio von Otto Waalkes an der Papenhuder Straße hat der Coronavirus Deutschland noch nicht völlig im Griff. Waalkes‘ Assistentin bittet zwar, auf den obligatorischen Händedruck zu verzichten („Otto steckt in Dreharbeiten, der darf sich auf keinen Fall anstecken“), doch das Gespräch in den kommenden 60 Minuten dreht sich allein um Kunst. Hier: Otto Waalkes, Deutschlands Komiker-Star, seit vielen Jahren auch als Maler erfolgreich.

Dort: Max Heide, der unter seinem bürgerlichen Namen Wolfgang Kaminski über Jahrzehnte Stars wie Karel Gott, Daliah Lavi, Wencke Myhre, Roy Black, DJ Ötzi und Dschinghis Khan managte und nun als Max Heide selbst Kunst macht. Sein Gemälde „Deutschlandflagge“ übergab er 2018 an Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Kubicki anlässlich des Jahrestages des Mauerfalls, die Deutsche Krebshilfe setzt in ihrem aktuellen Jahreskalender 2020 auf seine Werke. Nun sollte nach Köln und Berlin eine Ausstellung in Hamburg folgen.

Hamburger Abendblatt: Otto Waalkes, wann haben Sie ihr erstes Bild gezeichnet?

Otto Waalkes: Mein Vater war Malermeister, da durfte ich auf den alten Tapetenbüchern die Rückseiten bemalen. Ich habe Albert Schweitzer gezeichnet, Tarzan, die Gorch Fock, und meine Bilder auch zu einem Wettbewerb von Hertie eingeschickt. Leider ohne Erfolg, die Jury wollte nicht glauben, dass ein Kind das gezeichnet hatte. Als Schüler bekam ich in meiner ostfriesischen Heimat viele Aufträge von Seeleuten. Die haben mir ein Passbild gegeben von ihrer Frau oder Freundin, die habe ich auf gefärbtem Tonpapier porträtiert.

Max Heide: Mein Vater kehrte 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zurück, drei Jahre später kam ich auf die Welt. Er wollte eigentlich immer Kunst machen, hat Saiten auf eine alte Zigarrenkiste gezogen und Musik gemacht. Er hat auch gemalt, wusste aber, dass sich damals mit Kunst kein Geld verdienen ließ. Später wurde er Leiter einer Rechtsabteilung. Als kleines Kind bekam ich meinen ersten Pelikan-Malkasten mit zwölf Farben und war sofort fasziniert. Wie viele Farben ich damit mischen konnte. Und welche Freude eine selbst gemalte Geburtstagskarte auslösen kann.

Dennoch sind Sie zunächst Manager von Künstlern geworden, statt selbst zu malen.

Heide: Ja, ich bin da irgendwie reingerutscht. In jungen Jahren fotografierte ich Stars wie Udo Jürgens für Zeitungen, so entstanden die Kontakte. Künstler wie Daliah Lavi, Karel Gott und Roy Black habe ich dann über Jahrzehnte gemanagt.

Waalkes: Echt, Roy Black auch? Netter Typ! Roy war mal bei mir in Hamburg zu Besuch, das war ganz zu Anfang meiner Karriere. Ich weiß noch, dass ich für ihn extra Salami zum Frühstück besorgt habe.

Heide: Karel Gott hat Dich übrigens immer bewundert, der hat richtig von Dir geschwärmt. Karel hatte wie viele Künstler zwei Gesichter. Auf der Bühne wollte er laut sein, das Publikum mitreißen. Privat war er leise, auch er hat viel gemalt.

Waalkes: Ja, das kenne ich. Das sind zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich bin nur beim Malen still. In meinem Atelier in Blankenese läuft leise Gitarrenmusik. Das ist ein stummer Dialog, nur zwischen mir und dem Bild. Man weiß nie, wohin das Gespräch führt. Deswegen geht das nur ohne Zeitdruck. Wenn ich weiß, dass ich gleich wieder einen Termin habe, brauche ich gar nicht erst anzufangen. Nach drei, vier Stunden bin ich erschöpft, aber zufrieden, wenn’s gut gelaufen ist.

Heide: Das kenne ich. Ich habe Bilder gemalt, die nur deshalb misslungen sind, weil ich ganz schnell etwas fertig machen wollte. Manchmal habe ich ein Bild im Kopf, kenne aber noch nicht den Weg. Wenn er mir nachts plötzlich einfällt, gehe ich sofort in mein Atelier und male. Wenn sich meine Frau dann am nächsten Morgen das Bild anschaut und sagt „Das ist gut“, dann weiß ich, es ist richtig gut. Denn sie ist nicht so der emotionale Typ.

Waalkes: Ja, jeder Maler braucht Anerkennung. Kannst Du Deine Frau mal bitten, zum Frühstück zu mir zu kommen? Ich besorge auch Salami!

Wer fällt denn im Hause Waalkes das erste Urteil über ein neues Bild?

Waalkes: Na ja, eine Frau habe ich derzeit ja nicht. Also fotografiere ich das Bild mit meinem Handy und schicke es Freunden und Bekannten, auf deren Urteile ich mich verlassen kann.

Tragen Sie bestimmte Klamotten beim Malen?

Waalkes: Was Zünftiges: einen weißen Malerkittel voller Farbkleckse und eine Kappe in der Hoffnung, dass das Haar darunter wieder wächst …

Heide: Ich kaufe mir hin und wieder neue Pinsel und Spachtel. Aber am Ende arbeite ich doch wieder mit den alten, bewährten Sachen.

Waalkes: Du arbeitest ja mit einer ganz anderen Technik. Ich mache immer erst eine Zeichnung, die übertrage ich als Skizze auf die Leinwand. Dann arbeite ich Schicht auf Schicht. Hier guck mal! (Er deutet auf sein Bild „Mädchen mit Wollmütze“ von 1970) Dieses Bild von meiner ersten Freundin ist nach altmeisterlicher Art aufgebaut, mit Leinöl.

Heide: Großartig, ein wunderbares Gemälde.

Wie schwer ist es, sich von Bildern zu trennen?

Heide: Das ist oft hart. Einmal wollte ein Bekannter ein Bild von mir unbedingt kaufen, das gerade fertig geworden war. Aber ich hatte mit diesem Bild noch nicht abgeschlossen. Also habe ich ihn vertröstet, es ihm viel später verkauft. Mir ist es ganz wichtig, dass die Käufer meine Arbeit wertschätzen. Damit meine ich nicht in erster Linie den finanziellen Aspekt. Ich hatte mal einen Kunden, der war von einem meiner Bilder so gerührt, dass er geweint hat. Das war für mich der größte Lohn.

Waalkes: Ich lasse meine Bilder kopieren, damit ich sie weiter bei mir haben kann. Ich brauche sie als Ansporn, es beim nächsten Mal besser zu machen. Bei mir daheim hängen keine Originale. Die kann ich mir gar nicht leisten.

Wer das Bild kauft, ist Ihnen also nicht wichtig?

Waalkes: Wenn ich von jedem Druck wüsste, wer den gerade erworben hat, hätte ich auf einen Schlag ein paar Tausend neue Freunde. Nein, das würde mich überfordern.

Zerstören Sie Bilder, die aus Ihrer Sicht misslungen sind?

Waalkes: Nein, das ist das Gute bei der Schichtenmalerei: Eine neue Schicht kann alles retten.

Heide: Einmal habe ich ein Bild zerschnitten. Es war eine Auftragsarbeit für einen Kunden, der etwas ganz Spezielles haben wollte. Eigentlich wusste ich, dass das nichts für mich ist, habe mich aber überreden lassen, das war ein Fehler.

Waalkes: Auftragsarbeiten sind nicht meine Spezialität. Aber wenn ich lese, dass Andy Warhols Prominentenpor­träts heute im zweistelligen Millionenbereich gehandelt werden, sollte ich mich vielleicht doch auf bestimmte Aufträge einlassen. Dann könnte ich mir jeden Morgen Salami leisten.

Herr Waalkes, wenige wissen, dass Sie in die Comedy- und Musikszene nur eingestiegen sind, um Ihr Kunstpädagogik-Studium an der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HFBK) zu finanzieren.

Waalkes: Ja, aber als ich im Praktikum an einer Schule unterrichtete, war meine erste Platte schon auf dem Markt, und die Kinder riefen: „Otto, mach uns den Tarzan-Schrei.“ Da wusste ich, dass eine Karriere als Lehrer zu anstrengend würde.

Mit dem berühmten Ottifanten drauf. Ihrem Markenzeichen. Wie entstand die Idee?

Waalkes: Aus einem missglückten Selbstporträt. Mit 13, 14 Jahren hatte ich versucht, mich im Profil zu zeichnen. Aber dann war die Nase zu lang, das hat mir nicht gefallen. Also habe ich die Nase noch länger gemacht, die Augen etwas größer, zwei Stummelöhrchen, vier platte Füße und ein kleines Schwänzchen, fertig war der Ottifant, den ich dann für unsere Schülerzeitung gezeichnet habe.

Sie karikieren immer wieder berühmte künstlerische Arbeiten von Albrecht Dürer bis Andy Warhol. Bei Picassos „Mädchen mit Taube“ haben Sie den Friedensvogel gegen einen Ottifanten eingetauscht. Man könnte das für respektlos halten.

Waalkes: Nein, eine Parodie ist für mich die höchste Form der Anerkennung. Ich parodiere nur die Meister, die ich sehr verehre.

Können Sie auch malen, wenn Sie traurig sind?

Waalkes: Ja, Malen ist die beste Ablenkung. Ich habe sogar mal nach einer Beerdigung ein betont fröhliches Bild gezeichnet. Oder, wie David Hockney neulich gesagt hat: „Sinn und Zweck meiner Bilder sind Vergnügen und Freude. Zu mehr sind sie nicht gedacht.“

Heide: Ich habe meiner Schwester zu ihrem 60. Geburtstag ein Gemälde geschenkt. Es war ein sehr persönliches Bild. Ich habe sie als leuchtenden Stern gemalt, die Menschen, die ihren Lebensweg begleitet haben, habe ich unterschiedliche Leuchtintensität gegeben. Je strahlender, desto intensiver waren sie für sie aus meiner Sicht. Ich habe ihr das verpackte Bild bei der Party gegeben mit der ausdrücklichen Bitte, das Geschenk ja nicht vor den Gästen zu öffnen. Sie riss die Packung natürlich dennoch auf, war zunächst irritiert. Aber zwei Wochen später hat sie mich angerufen und gesagt, wie gut ihr das Bild gefällt. Da war ich sehr stolz.