Hollenstedt

Wo Amateure lernen, wie Popstars zu singen

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Kein Publikum, trotzdem eine große Show: Michael Ortmüller auf der Powervoice-Bühne.

Kein Publikum, trotzdem eine große Show: Michael Ortmüller auf der Powervoice-Bühne.

Foto: Michael Rauhe

Seit 1987 schleift Vocalcoach Andrés Balhorn Stimmen in seiner Powervoice-Akademie in Hollenstedt – ein Ortsbesuch.

Hollenstedt.  Als der Refrain beginnt, hebt Michael Ortmüller seinen Arm zu einer Art Siegerpose und legt richtig los: „And you tell me over and over and over again my friend. Ah, you don’t believe we’re on the eve of destruction.“ Und dann nimmt er das Mikrofon aus dem Ständer, löst sich von seinem festen Platz, nimmt nun die ganze Bühne für sich ein und spielt mit dem Publikum, als wäre der Saal brechend voll.

Doch in Wahrheit sitzt nur eine Person im Publikum, und das ist Vocalcoach Andrés Balhorn. Man könnte denken, dass das die Sache einfacher macht. Doch wer schon einmal bei Balhorn auf der Bühne stand, der weiß, dass er nicht immer so zufrieden nickt wie jetzt bei Michael Ortmüller. „Wenn etwas nicht passt, dann stoppe ich in der Regel und gehe dazwischen. Und mir wird nachgesagt, dass das dann auch mal provokant sein kann“ sagt der 56-Jährige.

Stramme Nerven und Mut

Wer sich bei Powervoice-Gesangscoach Andrés Balhorn auf die Bühne traut, der braucht bisweilen stramme Nerven und auch etwas Mut, Dinge zu tun, die wenig mit klassischer Gesangsausbildung zu tun haben. Zum Beispiel, sich einen Gymnastikball vor den Körper zu halten, während man singt. Oder während der Performance – als wäre es nicht ohnehin schon schwer genug - auf einer Wackelplatte zu balancieren. Oder sich beim Singen Kopfhörer aufzusetzen, aus denen so laut Störgeräusche kommen, dass man seine eigene Stimme kaum mehr hören kann.

Nun könnte man sagen: Ist halt noch einer dieser unzähligen Trainer mit verrückten Ideen. Was also ist das Besondere an Balhorns Gesangsschule Powervoice, die so ziemlich im Nirgendwo an einem See in Hollenstedt liegt? Balhorn war nach eigenen Worten der erste Pop/Rock-Vocalcoach Deutschlands. „Der gesamte Ausbildungsbereich war bis in die 80er-Jahre auf klassischen Gesang ausgerichtet“, sagt er. Aber Balhorn glaubte damals: „Für Pop-Gesang braucht es eine andere Ausbildung als die klassische, weil es hier nicht auf glockenklare Stimmen ankommt, sondern darauf, dass die Stimme markant und interessant klingt.“

Lehrwerk wurde mehr als 60.000-mal verkauft

Jahrelang arbeitete er gemeinsam mit Akustikern, Ärzten und Logopäden an seiner Methode, bis er 1987 die Powervoice-Akademie gründete. Sein Lehrwerk wurde mittlerweile mehr als 60.000-mal verkauft. Seit der Gründung hat Balhorn mit mehr als 10.000 Sängerinnen und Sängern gearbeitet und mehr als 600 Workshops und Ausbildungen geleitet. Die Marke ist inzwischen so etabliert, dass auch Sängerinnen und Sänger aus Österreich, der Schweiz, aus Asien oder Amerika nach Hollenstedt kommen, um hier mehr aus ihrer Stimme herauszuholen.

Ob und wie viel Talent jemand mitbringe, interessiert Balhorn nicht. Genauso wenig wie das Alter. „Es gibt keine Beschränkung. Singen lernen kann man in jedem Alter“, sagt Balhorn. „Ich habe eine 62-Jährige, die gern Rammstein singt, und mein ältester Schüler war 86 Jahre alt.“

Große Sprünge sind ohne Üben nicht drin

Auch der 67-jährige Michael Ortmüller ist einer von denen, die erst spät mit dem Singen angefangen haben. Bis vor drei Jahren hat er ein Unternehmen für Bootsausrüstung und Segelausstattung in Hamburg geleitet. Fast täglich fuhr er damals an dem Powervoice-Schild vorbei. Als dann der Ruhestand näherrückte, erinnerte er sich an das, was er gern mochte, bevor er Karriere gemacht hat. „Als Teenager saß ich in der Fußgängerzone meiner Heimatstadt Hagen und spielte Friedenslieder auf der Gitarre.“ Und weil er nicht vorhatte, als Rentner „nur noch den Rasen zu mähen“, entschloss er sich eines Tages, nicht an dem Schild vorbeizufahren, sondern anzuhalten. Als man ihn mit offenen Armen empfing, war er überrascht. „Ich dachte, die machen da nur die Leute fit, die an den großen Castingshows teilnehmen“, sagt er.

Als er das erste Mal vorsingen sollte, nahm er seine Gitarre und sang die Lieder von damals. Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey. „Mir ging es vor allen Dingen darum, Spaß zu haben“, sagte er. Doch Balhorn habe ihm auch klargemacht, dass große Sprünge ohne Üben nicht drin sind. Also übte er, schmiss sein Werkzeug aus einem Kellerraum und baute sich stattdessen ein Studio hinein. Und inzwischen singt er sogar manchmal vor Publikum in Bars und bei Open-Stage-Events. Gemeinsam mit Balhorn hat er dafür extra eine Bühnenshow mit Videoinstallation entwickelt.

Kniffe und Tricks

Seit fast drei Jahren kommt Ortmüller regelmäßig zu Powervoice. Meist arbeiten sie an konkreten Stücken. So wie heute an Barry McGuires Klassiker „Eve of Destruction“. Auch beim letzten Refrain rudert Ortmüller wieder kräftig mit den Armen und trifft die hohen Töne souverän. Was aber hat das mit den Armen auf sich? „Das ist ein Trick“, verrät Balhorn. „Durch das Abfedern gegen einen imaginären Widerstand öffnet sich die Rachenwand, und die hohen Töne werden offener.“

Viele seiner Kniffe und Tricks hat sich der Vocalcoach selbst erarbeitet. So hat er unter anderem Videos von Liveauftritten erfolgreicher Sänger studiert und untersucht, wie sie sich bewegen und woher sie ihre Kraft nehmen. So hat er etwa festgestellt, das viele den Kopf beim Singen nicht starr halten, sondern leicht bewegen. „Sonst können Töne nicht ,soulen‘“, sagt Balhorn.

Weitere Infos

  • Powervoice bietet regelmäßig Ausbildungen zum Sänger und zum Vocalcoach an. Auch Einzelunterricht und projektbezogene Arbeiten (etwa für ein Bühnenkonzept oder Album) sind möglich. Beliebt ist auch die sogenannte Stimmanalyse, bei der die eigene Stimme in zwei bis drei Stunden analysiert wird und die Sängerin oder der Sänger passgenaue Übungen mitbekommt. Alle Infos, Termine und Preise unter www.powervoice.de

Bei Michael Ortmüller war es aber vor allen Dingen dieser Trick, der ihm viel gebracht habe: „Ich habe hier gelernt, dass es nicht reicht, ein Lied sauber vorzutragen. Man muss immer auch eine Geschichte erzählen“, sagt er. Musik, das sei inzwischen sein Leben geworden. „Vergangene Nacht habe ich bis vier Uhr in meinem Studio gesessen und an den Songs gebastelt.“ Welche Lieder? „Im Grunde dieselben wie früher. Aber im Unterschied zu damals hören mir die Leute heute auch zu.“