Kultur

Wie Hamburg geflüchteten Künstlern hilft

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Jan Haarmeyer
Der syrische Schauspieler Shahin Sheikho vom „Intro“-Projekt der Kulturbehörde und Felicia Grau vom Theater Zeppelin vor dem HoheLuftschiff am Isebekkanal.

Der syrische Schauspieler Shahin Sheikho vom „Intro“-Projekt der Kulturbehörde und Felicia Grau vom Theater Zeppelin vor dem HoheLuftschiff am Isebekkanal.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Mit dem Projekt „Intro“ unterstützt die Stadt neun Schauspieler, Literaten, Maler und Filmemacher aus aller Welt.

Hamburg.  Sie geben Malkurse in St. Georg, drehen Filme auf St. Pauli oder veranstalten Workshops mit Kindern und Jugendlichen in Eimsbüttel. Sie kommen aus Simbabwe und Kirgisistan, aus Syrien und der Türkei, aus Libyen und Nigeria. Neun geflüchtete Künstler aus aller Welt leben seit einem halben Jahr in Hamburg und arbeiten mit verschiedenen Kulturinstitutionen zusammen.

„Intro“ nennt sich das Projekt der Kulturbehörde, das die Schauspieler, Tänzer, Maler, Musiker und Filmemacher ein Jahr lang unterstützt, damit sie in der Kunstszene der Stadt Fuß fassen – und diese mit ihrem Können bereichern können.

Sidar Kurt kommt aus Istanbul. Ein Literat, ein Dichter, ein Geschichtenerzähler. „Ich habe immer geschrieben“, sagt der 29-jährige Kurde. Nach dem Abitur hat er ein eigenes Magazin herausgegeben und in den Cafés und Kneipen verkauft. Und er hatte eine Radioshow. Nach den Protesten in Istanbul im Mai 2013 gegen ein geplantes Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks hatte er das Gefühl, in der Türkei nicht mehr alles sagen und alles schreiben zu können, was er denkt und fühlt.

Geht die Sprache verloren, geht auch Kultur verloren

Sidar ging zum Kunststudium nach Heidelberg, engagierte sich im dortigen Kunstverein „Es lebe der König!“, organisierte Literaturfestivals, veröffentlichte kleine Gedichtbände, machte Stand-up-Comedy. Seine Texte landeten auch bei Murat Yeginer. Der Oberspielleiter am Ohnsorg-Theater erkannte eine „Riesenbegabung“, und als Kultursenator Carsten Brosda im vergangenen Sommer das „Intro“-Projekt vorstellte, war klar, dass Sidar Kurt fortan am Heidi-Kabel-Platz wirken sollte. „Er hat einen scharfen Blick, sieht sehr schnell Zusammenhänge und ist genau der richtige Mann für uns, weil seine Kunst sprachbasiert ist“, sagt Yeginer.

Sidar sitzt daneben und lächelt. Erzählt, dass er jetzt jeden Montag ein Plattdeutsch-Coaching macht. „Plattdeutsch zu lernen hilft mir auch, noch besser Deutsch zu sprechen.“ Er findet es sehr wichtig, dass eine Sprache bleibt. Nicht einfach verschwindet. „Wenn die Sprache verloren geht, geht auch ein Stück Kultur verloren.“ Als Kurde in der Türkei, sagt er, könne er das „sehr gut nachfühlen“.

Im Generationenclub des Theaters wird er selbst auf der Bühne stehen, er macht Regie-Hospitanz und wird danach eine eigenständige Assistenz für ein Stück bekommen. „Wir wollen Sidar über den August hinaus bei uns einbinden“, sagt Murat Yeginer. Er sei ein „Tausendsassa, der auch mal gegen die Wand rennt“. Nur Kaffee kochen könne er nicht.

Gulzat Matisacova dreht Film über türkische Community

Ihre Heimat verlassen hat auch Gulzat Matisacova, deren Lebensmittelpunkt nun St. Pauli ist. Die 30-Jährige kommt aus Kirgisistan, ist in der Hauptstadt Bischkek zur Schule gegangen. Nach dem Abschluss hat sie ein Studium für Dokumentarfilm begonnen und an „Doc Nomads“, einem internationalen Projekt für Dokumentarfilmer, teilgenommen. Sie war in Portugal, Ungarn und Belgien.

Jetzt sitzt Gulzat im Kölibri, dem Stadtteilzentrum am Hein-Köllisch-Platz, und erzählt von ihrem spannenden Filmprojekt. Hier trifft sie seit einigen Wochen regelmäßig Frauen der türkischen Community auf St. Pauli, um mit ihnen einen Film über ihren Alltag und „bislang ungehörte Geschichten“ zu drehen. Es geht ihr um eine Annäherung an die größte Gruppe mit ausländischen Wurzeln in Hamburg, von der so wenig bekannt ist. „Dafür braucht man gegenseitiges Vertrauen und Geduld.“ Die Frauen haben sehr unterschiedliche Lebenswege, die sie bis hierher geführt haben. Was sie eint? „Der Wunsch nach Respekt, nach Freunden, nach Liebe, nach einem Zuhause.“

Die Künstler erhalten 1500 Euro pro Monat

Im Oktober soll der Film auf einem kleinen Festival im Kölibri Premiere feiern. Für Gulzat ist das „Intro“-Projekt auch deshalb so wunderbar, weil es „eine Brücke zwischen uns und den Institutionen in der Stadt ist“.

Das ist es wohl, was Carsten Brosda (SPD) mit dem Projekt auch im Sinn hatte. Dass beide Seiten davon profitieren. „Unsere Gesellschaft und damit auch unsere Kultur werden immer vielfältiger. Mit ,Intro‘ geben wir professionellen Künstlern, die ihre Herkunftsländer verlassen mussten, eine Perspektive und führen sie mit den Kultureinrichtungen unserer Stadt zusammen“, sagt er.

Die Künstler erhalten 1500 Euro, die Einrichtungen 500 Euro pro Monat. Es sei beeindruckend zu sehen, wie durch „Intro“ der kulturelle Austausch gelebt wird und alle Seiten von der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen künstlerischen Perspektiven profitieren. „Nicht nur die Kreativen und die Kultureinrichtungen haben etwas von ,Intro‘, es fördert auch die Integration und bereichert die Kulturstadt Hamburg.“

"Happy Nightmare" erzählt Geschichte eines jungen Geflüchteten

Das sieht auch Shahin Sheikho so, der zusammen mit Theater-Chefin Felicia Grau im HoheLuftschiff am Isebekkanal sitzt. Draußen schüttet es wie aus Eimern, hier drinnen im Theater Zeppelin werden schon seit Jahren die ganz Kleinen in die spannende Theaterwelt entführt. Von Meermädchen, von Pippi oder von Frieda und dem Frosch. Vor vier Jahren ist Shahin mit seiner Familie aus Syrien geflohen, als die Bomben seine Heimatstadt Aleppo in Schutt und Asche legten.

Er hat in Aleppo eine Theaterschule besucht und Dokumentarfilme gedreht. Eine Zeit lang hat er in Istanbul gelebt, mit Theatergruppen und für einen syrischen Fernsehkanal gearbeitet, bevor er seinen Eltern und seinen drei jüngeren Schwestern nach Hamburg folgte.

Im Oktober hat Shahin Sheiko auf Kampnagel ein erstes Projekt realisiert. In „Happy Nightmare“ erzählte er auf der Bühne eindrucksvoll die Geschichte eines jungen Geflüchteten, der jede Nacht Albträume hat und sich umbringen möchte. Daran jedoch scheitert und dann wieder in den nächsten Albtraum verfällt. Eine Dynamik, aus der er sich nicht mehr befreien kann.

Dank „Intro“ bekommen die Künstler vor allem eines: Zeit

Auf dem HoheLuftschiff wird er im März einen Filmworkshop für Kinder ab zwölf Jahren zum Thema Klimaschutz anbieten: „Die Rückkehr des Mogli“. Und am kommenden Sonnabend organisiert er auf dem Schiff einen Abend mit Texten und Musik (siehe Info).

„Für uns alle ist ,Intro‘ sehr wichtig“, sagt er. Geflüchtete Künstler müssten sich nach ihrer Flucht in einem fremden Land wieder ganz neu aufstellen.

Neue Kontakte knüpfen, die Sprache lernen, mit der eigenen Arbeit Geld verdienen, sich selbst versichern, Anträge schreiben. Dank „Intro“ bekämen sie das alles und dazu vor allem eines: Zeit. „Zeit, die man braucht, wenn alles wieder bei null anfängt“, sagt Shahin.