Hardrock

Ian Paice: „Man darf im Alter nicht faul werden“

| Lesedauer: 9 Minuten
Volker Behrens
Der Mann mit dem richtigen Schwung: Ian Paice bei einem Konzert mit Deep Purple vor drei Jahren in Kopenhagen.

Der Mann mit dem richtigen Schwung: Ian Paice bei einem Konzert mit Deep Purple vor drei Jahren in Kopenhagen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Peter Troest/CITYPRESS24 / picture alliance / CITYPRESS24

Ian Paice war 1968 Gründungsmitglied von Deep Purple. Am Dienstag spielt er mit der Cover-Band Purpendicular in der Fabrik.

Hamburg.  Im Sommer kommt die Hardrock-Band Deep Purple im Rahmen ihrer Abschiedstour zu einem Konzert in den Stadtpark. An den Drums wird dann, wie immer seit der Bandgründung im Jahr 1968, Ian Paice sitzen. Er ist der einzige Musiker, der bei den häufig wechselnden Besetzungen von Anfang an dabei war. Die Musikzeitschrift „Rolling Stone“ sortiert Paice in der Liste der „100 größten Schlagzeuger aller Zeiten“ auf Platz 21 ein und nannte ihn ihn „eine epische Rocklegende. Ohne ihn gäbe es kein Heavy-Metal-Schlagzeug“. Paice selbst hat Ringo Starr als eines seiner Vorbilder genannt, mag aber auch die Musik von Frank Sinatra. Paices Kollege, Deep-Purple-Gitarrist Steve Morse, sagt über seinen Schlagzeuger: „Sein Schwung fühlt sich einfach richtig an. Und seine Dynamik ist großartig.“

130 Millionen Tonträger hat die britische Band Deep Purple im Laufe ihrer langen Karriere verkauft. Zu ihren bekanntesten Stücken zählen „Smoke On The Water“, „Black Night“ und die Ballade „Child In Time“, die erst vor Kurzem bei der Trauerfeier für Jan Fedder im Michel erklang. Kein Wunder, dass es längst auch eine Cover-Band gibt. Purpendicular heißt sie nach dem 15. Album der Band aus dem Jahr 1996. Sie spielt in wenigen Tagen in der Fabrik. Der Schlagzeuger der Band auf dieser Tour heißt: Ian Paice. Wird da jemand zum Epigonen seiner selbst, oder was steckt hinter diesem „Zweitjob“?

Wie lange hat man Sie überreden müssen, bevor Sie bei Purpendicular mitgespielt haben?

Ian Paice: Ich spiele öfter mal in kleinen Bands. Als ich damit vor etwa zehn Jahren begonnen habe, wusste ich nicht, welche Probleme es mit sich bringen kann, wenn man mit halb professionellen Musikern zusammenspielt. Man kann daraus nur etwas Gutes machen, wenn auch die anderen Musiker gut sind. Früher habe ich auch schon mal mit Jungs auf der Bühne gestanden, die alle Begeisterungsfähigkeit der Welt zeigten, aber kein Talent besaßen. Das war richtig schwierig. Durch diese Bands bekomme ich die Gelegenheit zu spielen, wenn mit Deep Purple gerade mal nichts läuft. Es ist für einen Musiker einfach nicht gut, wenn er zwei oder drei Monate nicht spielen kann. Man vergisst Details, die Muskeln schlaffen ab. Ich sitze nur herum, trinke Bier und gucke fern. Es ist wichtig, am Ball zu bleiben.

Stört es Sie, wenn Sie mit dieser Cover-Band nur vor einem kleineren Publikum spielen?

Dafür muss man sein Ego schon mal zur Seite schieben. Natürlich ist es ein Privileg, mit Deep Purple zu spielen. Es wird sich um alles gekümmert, ich bekomme die besten Instrumente, das beste Zubehör und ein großes Publikum. Alles ist perfekt. Wenn ich vor lediglich 300 Leuten auftrete, sorge ich hoffentlich nicht nur dafür, dass es denen gut geht, sondern helfe auch mir, denn für mich ist das wie eine Probe.

Und Purpendicuilar ...

… besteht aus sehr guten Musikern. Wenn jeder auf der Bühne weiß, was er zu tun hat, wird alles ganz leicht und macht mehr Spaß. Der Bandleader Robby Thomas Walsh hat sich da immer sehr clever verhalten. Es gab in der Vergangenheit zwar einige personelle Veränderungen, aber er hat die Kerle immer durch andere gute Kerle ersetzt. Wir brauchen nur fünf Minuten beim Soundcheck oder zehn Minuten in der Garderobe, und dann läuft es wieder. Ich selbst habe nicht die Zeit, um mir eine andere Band zusammenzustellen. Robby erlaubt mir ab und zu, bei seiner Band einzusteigen. Das ist gut für mich, weil ich dann spiele und gut für die Band, weil sie dann etwas mehr Honorar bekommt. Wenn ich danach wieder mit Deep Purple unterwegs bin, bin ich fit.

Was sagen denn Ihre Bandkollegen von Deep Purple dazu?

Nichts, weil ich es ihnen nicht erzählt habe. Sie sagen mir ja auch nicht, wenn sie etwas anderes machen. Wir sind ja keine kleinen Kinder, um die man sich ständig kümmern muss. Wir treffen unsere eigenen Entscheidungen, hoffentlich gute. Unserem Keyboarder Don Airey geht es ähnlich wie mir, der muss auch ständig raus auf die Bühne.

Gibt es Songs, die für Sie mittlerweile schwer zu spielen sind?

Purpendicular sucht manchmal Songs aus, die die aktuelle Besetzung von Deep Purple nicht spielen kann. Zum Beispiel Stücke von David Coverdale, die nichts mit unserem Sänger Ian Gillan zu tun haben, deren Texte er nicht einmal kennt. Für mich bringt es aber großen Spaß, Songs wie „Mistreated“ oder „Burn“ zu spielen. Schwierig wird es nur, wenn sie einen Song aussuchen, an den nicht mal ich mich mehr erinnern kann. Vielleicht habe ich ihn damals nur im Studio gespielt oder zehnmal auf der Bühne, aber vor 40 Jahren.

Mit Deep Purple kommen Sie im Sommer noch einmal für ein Konzert in den Stadtpark. Sind Sie traurig darüber, dass sich die Ära dieser großen Band allmählich dem Ende zuneigt?

Wir wissen zwar, dass es mal ein Ende geben muss, aber noch nicht wann. Wir haben ja auch nie gesagt, das sei unsere letzte Tour, wir haben sie nur „The Long Goodbye“-Tour genannt. Aber der Tag wird kommen, wenn wir nicht mehr können oder wollen. Wenn wir Lust haben, spielen wir einfach. Das Leben ist gut zu uns gewesen. Es wäre verrückt zu sagen, wir machen das nie wieder. Deep Purple ist eine körperlich sehr anstrengende Angelegenheit, und die Uhr tickt. Zu viele Künstler sind schon auf Abschiedstour gegangen und waren sechs Monate später plötzlich wieder da. Oder sie ärgern sich monatelang darüber, schon Abschied genommen zu haben. Das ist so ähnlich, als wenn man angeln geht. Warum soll man damit aufhören, wenn es einem Spaß macht?

War das jetzt nur ein Beispiel, oder angeln Sie wirklich gern?

Ja, das tue ich tatsächlich. Wenn ich losgehe, will ich aber auch etwas zum Essen fangen. Ich angele nicht gern in Flüssen, lieber in Seen oder im Meer.

Sie sind jetzt 71. Spielen Sie mit 80 immer noch?

Die Frage ist, ob ich dann noch hier bin. Vielleicht endet es mal sonnabends in einem Pub mit ein paar Freunden, mit denen ich aus Spaß spiele. Ich bin kein fanatischer, besessener Musiker. Um Ian Paice zu bleiben, muss ich aber auf der Bühne und in der Lage sein, den 15 Jahre alten Jungen in mir zu finden. Man darf im Alter nicht faul werden. Wenn man morgens aufsteht, muss es einen Grund dafür geben. Meiner ist zurzeit noch: am Schlagzeug sitzen.

Sie haben mit Ihrer Musik die Welt gesehen. Welche Erinnerungen haben Sie noch an Hamburg?

Ich kann zurück bis zu den Zeiten des Star Clubs gehen. Mit großer Zuneigung und manchmal etwas Scham denke ich an die drei Wochen zurück, in denen ich dort gespielt habe. So viel Spaß hatte ich vorher in meinem ganzen Leben noch nicht gehabt. Es war völlig verrückt, 24 Stunden am Tag. Ich habe in dieser Zeit nie mein Hotelzimmer gesehen. Es war aufregend und vibrierend. Obwohl das jetzt 50 Jahre her ist, sind die Erinnerungen daran noch kristallklar. Ich bin die Große Freiheit entlanggeschlendert, um rechtzeitig zum Star Club zu kommen, bis mich ein Freund ansprach und sagte: Lass uns ein Bier trinken! Wenn man um vier Uhr morgens aufhört zu spielen, kann man auch nicht gleich ins Bett gehen. Ich habe wunderbare Erinnerungen an Hamburg. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, was das für eine schöne Stadt ist. Die Alster in der Stadtmitte im Sommer – besser kann es eigentlich nirgendwo sein.

Warum gibt es eigentlich so viele Witze über Schlagzeuger?

Keine Ahnung, und viele davon sind ja auch noch so schlecht. Kennen Sie den: Warum wird der Drum-Computer niemals den Menschen ersetzen?

Na?

Weil man sich von der Maschine nicht mal eben 50 Euro leihen kann.

Ian Paice feat. Purpendicular spielt am Di, 4.2., um 20 Uhr in der Fabrik. Deep Purple spielt am Mi, 24.6., um 19 Uhr im Stadtpark.