Rockmusik

Ian Gillan: Neue Töne vom alten Deep-Purple-Sänger

Sehr cool: Ian
Gillan bei seinen
Aufnahmen mit
den Javelins

Sehr cool: Ian Gillan bei seinen Aufnahmen mit den Javelins

Foto: earlMUSIC / Dennis-Dirksen

Seit fast einem halben Jahrhundert steht er bei Deep Purple am Mikrofon. Jetzt hat er in Hamburg ein neues Album aufgenommen.

Hamburg. Wenn er noch ein paar Monate durchhält, kann Ian Gillan von sich behaupten, seit 50 Jahren der Sänger von Deep Purple zu sein. Seit 1969 steht er – mit Unterbrechungen – bei der Band am Mikrofon. Die Briten haben mit Titeln wie „Smoke On The Water“, „Black Night“ und Alben wie „In Rock“, „Machine Head“ oder „Made In Japan“ Rockgeschichte geschrieben und schätzungsweise 150 Millionen Tonträger verkauft. Gerade sind die Musiker wieder auf US-Tour. Und doch gab es für den 73-Jährigen ein musikalisches Leben vor Deep Purple.

Eine seiner früheren Bands hieß The Javelins. Die Musiker – außer Gillan sind alle Amateure geblieben – haben sich nie ganz aus den Augen verloren und trafen sich im März in Hamburg, um in den Chameleon Studios am Alten Teichweg ein neues Album aufzunehmen. „Ian Gillan & The Javelins“ seit 31. August in den Läden – enthält Coverversionen von Titeln, die Elvis Presley, Chuck Berry und Ray Charles bekannt gemacht haben. Ein Anruf beim Musiker in seinem Urlaubsdomizil.

Was machen Sie gerade, Mr. Gillan?

Ian Gillan: Ich bin vorhin geschwommen und sitze jetzt mit einer Tasse Tee in meinem Studio in der Algarve, in Portugal. Ich habe mir hier vor zehn Jahren einen kleinen Platz als Zufluchtsort gekauft. Meine Familie kommt hierher, damit wir ein paar schöne Wochen verbringen können.

Das neue Album hört sich an, als hätten Sie und Ihre Kollegen viel Spaß bei den Aufnahmen gehabt.

Gillan: Den hatten wir. Als ich mir am Morgen nach den ersten Aufnahmen die Songs angehört habe, war ich erstaunt. Wir haben sechs Wochen geprobt. Die Jungs haben mehr oder weniger seit 54 Jahren keine Musik mehr gemacht. Sie konnten sich musikalisch nicht entwickeln und sind Amateure geblieben. Einige waren in Kneipenbands aktiv. Und sie hören sich heute noch genauso an wie 1962. Ich habe gedacht: Mein Gott, das ist ja gar nicht retro, das ist authentisch. Wenn man sich heute Profis zusammensuchen würde – die könnten gar nicht mehr so einfach und unkultiviert spielen. Sie kämpfen mit ihren drei Akkorden. Das war auch meine Lehrzeit. Es war eine Zeitreise. Wir haben zehn Songs am ersten und sechs am zweiten Tag aufgenommen. Das Album haben wir in fünf Tagen geschafft. Es blieb genug Zeit, um Bier zu trinken und die alten Geschichten auf den neuesten Stand zu bringen.

„Javelin“ heißt Speer. Waren Sie Leichtathletikfans oder wollten Sie nur sagen, dass Sie spitz und scharf waren?

Gillan: Haha, nein. Das bezieht sich auf eine Automarke, den Jowett. Das Modell Javelin war ein supercooles Gefährt, das aussah wie ein amerikanisches Gangster-Auto aus den 40ern. Die Marke wurde dann nach Schweden verkauft und wurde zu einer Grundlage des Volvo. Ich habe aber in der Schule viel Leichtathletik gemacht. Meine Disziplinen waren Speerwurf und Stabhochsprung. Mit dem Bandnamen hatte das allerdings nichts zu tun.

Stabhochsprung ist technisch sehr anspruchsvoll.

Gillan: Das stimmt, besonders wenn man nur die unflexiblen Aluminium-Stäbe hat. Ich habe nie einen von den biegsamen benutzen können. Die waren damals noch neu.

Wie lange hatten Sie Ihre alten Bandkollegen nicht gesehen?

Gillan: Wir haben vor ein paar Jahren eine Wiedersehensparty auf einem Themse-Dampfer gefeiert. Danach bin ich mit dem Rhythmusgitarristen Tony Tacon und dem Lead-Gitarristen Gordon Fairminer in Verbindung geblieben. Ich habe sie dann zu Weihnachten angerufen und so weiter. Gordon ist mit seiner Familie zu einem Deep-Purple-Konzert nach Oslo gekommen, Tony hat unsere Auftritte in Manchester und Birmingham gesehen. Wir haben lockeren Kontakt gehalten, wie alte Freunde. Aber natürlich hatte jeder von ihnen auch noch sein eigenes Leben.

War es schwer, sich auf die Titel des Albums zu einigen?

Gillan: Nein. Wir haben einfach eine Liste gemacht, die immer länger wurde. Wir haben uns darauf geeinigt, nur Titel von unseren Original-Setlists zu nehmen. Die haben wir dann an Steve Morris geschickt. Ohne ihn wäre dieses Album nicht entstanden.

Warum haben Sie Hamburg ausgesucht, um das neue Album aufzunehmen?

Gillan: Die Wahl war offensichtlich, denn unser Plattenlabel kommt aus Hamburg. Unser Manager Max Vaccaro hatte alles für uns hergerichtet. Mit dem Produzenten Eike Freese haben wir vorher schon an Deep-Purple-Projekten gearbeitet. Alles schien also perfekt zu sein. Sie haben uns in einem Hotel untergebracht, und wir sind jeden Morgen zur Arbeit gegangen, wie brave kleine Jungs. Die Stadt hat uns das Leben leicht gemacht.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Hamburg denken?

Gillan: Unsere frühen Jahre. Deutschland brummte damals vor Musik. Vielleicht hatte das etwas mit dem Stil der Clubs in Hamburg, Frankfurt, Köln und München zu tun. In England gab es zwar auch Clubs wie das Marquee und den Cavern Club, aber dort gab es nicht fünf Bands pro Nacht sowie acht Konzerte an den Wochenenden. Vielen meiner Freunde, die ich heute noch in Deutschland habe, bin ich schon 1966 und 1967 zum ersten Mal begegnet. Ich kenne Hamburg schon sehr lange und habe dort viele gute Freunde. Wenn man das erste Mal die Welt bereist, sieht man sich das Taj Mahal, die Oper in Sydney und den Kreml an. Beim nächsten Mal entdeckt man dann die Bars und Restaurants. Beim nächsten Mal merkt man, dass man unterwegs Freundschaften geschlossen hat. Darauf freue ich mich sehr: alte Freunde wiederzutreffen. Deshalb ist Hamburg in meinem Leben eine sehr wichtige Stadt.

Ihr Terminkalender ist immer noch sehr voll. Bis Dezember stehen Touren in den USA, Mexiko und Japan an. Hat Ihre Weltläufigkeit Ihre Einstellung zum Brexit beeinflusst?

Gillan: Irgendwie schon. Aber in Bezug auf Brexit kursieren viel Propaganda und Verwirrung. Meine Meinung dazu hat sich herausgebildet, als ich von meiner und von Ihrer Regierung angewidert war. Das Europäische Parlament war ja geradezu neutralisiert. Niemand wollte verantwortlich sein und die, die es hätten unterschreiben müssen, machten es einfach nicht. Es wurde viel Geld im Klo heruntergespült. Ich fand die ganze Einstellung inakzeptabel. Ich schreibe schon seit 20 Jahren über Brexit. In Großbritannien hat die schweigende Mehrheit für ihn gestimmt. Man hört nicht viel von ihnen, sie machen bei Umfragen nicht mit.

Es sind ganz normale Leute, denen auffiel, dass die gemeinsame Agrar- und Fischereipolitik nicht so gut waren. Es gibt zu viele Regeln und Regularien. Bauernhöfe wurden in Golfplätze umgewandelt. In erster Linie war es aber ein Machtmissbrauch und der totale Verlust von Demokratie. Dabei fand ich die Europäische Gemeinschaft und den gemeinsamen Markt brillant. Aber da wurden zu viele Dinge überstürzt. Die meisten meiner Freunde mögen über diese Dinge gar nicht mehr reden. Die EU-Position uns gegenüber hat etwas Bestrafendes. Ich bin nicht sehr optimistisch, wie die Sache ausgeht. Andererseits wird sich die Situation schon irgendwann wieder beruhigen, und ich hoffe doch sehr, dass wir gute Freunde bleiben können.

Würden Sie heute noch eine Karriere als Sänger starten? Hatten Sie überhaupt einen Plan B?

Gillan: Hatte ich nicht. Ich war nie besonders ambitioniert, habe das Leben genossen und die Dinge so genommen, wie sie kamen. Ich war auch ein kleiner Rebell und gegen das Establishment. Das hatte wohl mit meinem familiären Hintergrund zu tun. Mein Vater war ein linker Gewerkschafter, meine Mutter eine rechte Lehrerin. Keiner von beiden war extrem, aber sie haben mir ein gutes Gefühl für Politik und gegenwärtige Ereignisse mitgegeben. Ich sollte eigentlich eine akademische Karriere einschlagen, das habe ich aber nicht geschafft. Ich wurde umgeleitet. Aber das war auch unvermeidbar, denn meine Familie steckte voller Musik. Mein Opa war Opernsänger, mein Onkel war Jazzpianist. Ich habe im Kirchenchor gesungen. Mein Leben war schon voller Musik als ich Elvis mit ­„Heartbreak Hotel“ hörte. Das änderte alles. Als Sänger kann man herumgehen, pfeifen und singen mit den Händen in den Taschen. Man braucht keine Ausrüstung, kann unter der Dusche und im Auto singen. Das mache ich heute noch.

Welche Musik hören Sie privat?

Gillan: Big Bands, Blues, Flamenco-Musik mit Leuten wie Paco di Lucia. Das perlt.

Gab es eine Zeit in Ihrem Leben, als Sie nichts mit Musik zu tun hatten?

Gillan: Ich habe von 1973 bis 1975 eine kleine Pause gemacht. Mich hatte der professionelle Musikbetrieb desillusioniert. Das Ganze ist ja auch ein großer Kampf. Man muss das Handwerk lernen und sich wie ein Profi verhalten. Wenn man den Schritt vom Halbprofi zum Berufsmusiker macht, bist du nicht mehr von denselben Leuten umgeben. Dann fährt nicht mehr der Onkel deines Freundes den Tourbus. Das tun dann Leute, die nur das Geld interessiert. Einige arbeiten aber auch leidenschaftlich für die Musik. Worauf man sich nicht wirklich vorbereiten kann, ist, wie man mit Erfolg umgeht. Plötzlich hat man Geld und ist von Ja-Sagern umgeben. Keiner sagt mehr zu dir: Halt die Klappe und benimm dich!

Aber das geht jungen Fußballern oder Filmstars ja genau so. Dann kam Purple-Bassist Roger Glover zu mir und hat mich gebeten in der Royal Albert Hall zu singen, weil der angekündigte Ronnie James Dio nicht auftauchte, um bei „The Butterfly Ball“ zu singen. Ich stand gar nicht im Programm, trug einen Anzug und ausnahmsweise kurze Haare. Auf die Bühne bin ich im Dunkeln gegangen. Die Zuschauer sind aufgestanden und haben sieben Minuten lang applaudiert, als sie mich erkannten. Da habe ich gedacht: Wow, ich hole wohl besser meine Gitarre wieder heraus und schreibe ein paar neue Songs. Das habe ich am nächsten Tag auch gemacht. Da merkte ich, was ich vermisst hatte, und dass wohl doch ich mich ändern musste und nicht alle anderen.

Ian Gillan mit Deep Purple und The Javelins

Ihre Stimme ist Ihr Instrument. Was machen Sie, damit sie im Alter von 73 Jahren noch so in Form ist?

Gillan: Das hat etwas mit dem allgemeinen Wohlbefinden zu tun. Ich bemühe mich innerhalb meines Spektrums zu singen und fit zu bleiben. Früher geschah das ganz natürlich, heute muss man schon ein wenig dafür arbeiten. Meine Diät und meine Einstellung haben sich verändert. Ich kann heute auch nicht mehr stabhochspringen. Deep Purple geht es aber sehr gut, wir stecken noch voller Power. Die Musik macht uns viel Freude. Man kümmert sich gut um mich, und ich fühle mich gesund. Solange es meiner Stimme so gut geht, schaue ich optimistisch in die Zukunft.

Von Frank Zappa gibt es die Album-Reihe „You Can’t Do That On Stage Anymore“. Trifft dieses Motto auch schon auf Sie zu – abgesehen vom Stabhochsprung?

Gillan: Natürlich. Die Stimme verändert sich. Man verliert etwas, gewinnt aber auch etwas dazu. Das hat mir auch Luciano Pavarotti bestätigt. Ein Held meiner Jugend war der aus London stammende Sänger Cliff Bennett. Er hatte eine fantastische Stimme, und ich habe versucht ihn zu kopieren, konnte aber nie den Biss entwickeln, um diese hohen Töne zu treffen. Die Stimme sollte beseelter klingen. Das habe ich erst mit 50 geschafft. Plötzlich öffnete sich mir eine neue Tür. Aber dann gibt es natürlich auch „Child In Time“. Das war eigentlich kein Song, sondern eine olympische Disziplin. Man muss jung sein, wenn man das singen will. Stimmen verändern sich, also musste der Song leider gehen. Meine Stimme ist um einen Ton abgesackt. Wenn ich wollte, könnte ich wohl noch so schreien, aber wir wollen die Sache ja auch würdevoll zu Ende bringen.