St. Pauli Theater

Lilith Stangenberg – rebellisch, unbezwinglich, faszinierend

Lilith Stangenberg bei der Preisverleihung im St. Pauli Theater.

Lilith Stangenberg bei der Preisverleihung im St. Pauli Theater.

Foto: Markus Scholz / dpa

Die Schauspielerin erhielt im St. Pauli Theater Ulrich-Wildgruber-Preis. Greta-Witze von Kabarettist Deutschmann wenig originell.

Hamburg. Wer Lilith Stangenberg einmal gesehen hat, vergisst das nicht. Im Theater: zuletzt an der Berliner Volksbühne, wo sie Frank Wedekinds „Lulu“ unter Stefan Puchers Regie ins Postfeministische wendete. Im Kino: in Nicolette Krebitz’ „Wild“, wo sie eine Frau spielte, die sich in einen Wolf verwandelt, inklusive blutigem Reißzahn-Sex. Im Fernsehen: als verstörte Vampirin im Bremer Tatort „Blut“. In Hamburg sah man sie zuletzt im Schauspielhaus, in Frank Castorfs Inszenierung von Eugene O’Neills „Der haarige Affe“. Einer Inszenierung, in der die heute 31-Jährige eine gefühlte Ewigkeit lang Kohlen schippen musste. Nackt.

Stangenberg ist eine Schauspielerin, vor der man Angst bekommt. Und während man sie anschaut, verwandelt sich diese Angst in Faszination. Und die Faszination verwandelt sich in Bewunderung. Weil sie sich mit Händen und Füßen der Publikumstauglichkeit verweigert. Der mit 10.000 Euro dotierte Ulrich-Wildgruber-Preis soll laut Selbstverständnis „eigenwillige Begabungen fördern, die in einer Welt von geklonten Fernsehgesichtern besonders aufgefallen sind“ – ein Preis, der wie gemacht scheint für Stangenberg, die die zum 17. Mal verliehene Auszeichnung am Sonntag beim Neujahrsempfang im St. Pauli Theater erhielt, eingerahmt von einem Rück- und Ausblick von Theaterchef Ulrich Waller, Akkordeon-Sentiment von Jakob Neubauer und Artistik des aktuell im Hansa-Theater gastierenden lateinamerikanischen Duo Rodriguez.

Dass Stangenberg noch ein Stück weit anders gestrickt ist, schräger, weiter ab von der Spur wie die ebenfalls eigenwilligen früheren Preisträger Birgit Minichmayr (2002), Alexander Scheer (2008) oder Franz Rogowski (2019), war noch vor der eigentlichen Verleihung im Foyer zu spüren. „Die ist ziemlich exaltiert“, wurde da geflüstert, „Sehr extrem!“ oder auch „Sie ist verrückt. Aber Künstlerinnen müssen ja manchmal so sein.“

Deutschmanns Greta-Witze wirken wenig originell

Und Stangenberg machte Extremes: Sie torpedierte den Gala-Charakter der Preisverleihung. Ließ die Laudation von Alexander Kluge halten, der wegen einer kürzlich überstandenen Augen-OP sein Münchner Domizil nicht verlassen konnte und deswegen per Skype zugeschaltet wurde. Der Kino-Altmeister lobte Stangenbergs „rebellische Natur“ und ein Theater, das bei ihr zu Antitheater werde. Es folgte ein verstörender Kurzfilm namens „Die unbezwingliche Lilith“, mit Stangenberg als brüllendem und schwertschwingendem Samurai. Und schließlich ein kurzes musikalisches Intermezzo, gemeinsam mit Brezel Göring von der nicht minder schrägen Band Stereo Total: Stangenberg sang, grölte, hauchte „Es brennt der Wald“ der polnischen Band Rote Gitarren, blass, hager, auf atemberaubenden High Heels. Wunderbar.

Das allerdings war es dann auch mit Schrägheiten. Kabarettist Matthias Deutschmann enterte die Bühne und absolvierte seinen traditionellen Jahresrückblick: „Jeanne d’Arc wurde verbrannt, Greta Thunberg wird nur verheizt.“ Haha.

Greta-Witze auf Stangenbergs Wahnsinn, Kluges intelligente Laudatio und Songs der „polnischen Beatles“ folgen zu lassen, das muss man sich natürlich erst mal trauen. Aber dann darf man sich auch nicht wundern, wenn man an diesem Tag kein besonders originelles Bild abgibt.