Theaterkritik

Im Malersaal sind Angst und Beklemmung allgegenwärtig

Intensiv und beklemmend: Paul Herwig (im Hintergrund), Ute Hannig und Markus John in „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“.

Intensiv und beklemmend: Paul Herwig (im Hintergrund), Ute Hannig und Markus John in „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“.

Foto: Matthias Horn

Im Malersaal des Schauspielhauses hatte „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ Premiere. Ein Stück über Krieg, Selbstekel und Ohnmacht.

Hamburg. Eine Frau wimmert und stöhnt. „Ruhe“, schreit ein Mann, „du weckst ja das ganze Krankenhaus auf!“ Die Spielfläche im Malersaal ist kahl, nach und nach erfahren die Zuschauer, wo sich die beiden Figuren befinden. Draußen herrscht Krieg, das Krankenhaus ist evakuiert und fast leer, nur die fiebernden Gelbsucht-Patienten sind zurückgelassen worden.

Die beiden Protagonisten heißen Avram und Ora, später schiebt Avram den noch im Rollstuhl sitzenden apathischen Ilan in die düstere Szenerie. Alle sind 16 Jahre alt, man schreibt das Jahr 1967, in dem Israel den Sechs-Tage-Krieg gegen Ägypten gewinnt und das Westjordanland, den Sinai und die Golanhöhen erobert. Avram, Ora und Ilan haben Angst. Sie wissen nicht, was außerhalb der Mauern geschieht.

Dušan David Parízeks Inszenierung von „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ beginnt als Endzeit-Szenario und das gibt den Ton für die kommenden 130 Minuten vor. Die Angst schwingt in jeder Szene mit, Kommunikation ist oft nur durch Schreien möglich. Die Menschen leben in einem permanenten Ausnahmezustand.

Der verbale Realismus ist kaum auszuhalten

Parízek, dessen Bearbeitung von Christoph Heins „Trutz“ im Großen Haus an der Kirchenallee läuft, hat sich David Grossmans 2008 erschienenen 700-Seiten-Roman vorgenommen und daraus einen bewegenden Theaterabend gemacht.

Nachdem der lautstarke Beifall für die Schauspieler und das Regieteam verklungen ist, sitzen die meisten Zuschauer noch minutenlang auf ihren Plätzen und versuchen, das gerade Gesehene zu verarbeiten. Viele von ihnen sprachlos.

Schauspieler mit herausragender Leistung

Diese Überwältigung hat auch mit der Kraft und der Leidenschaft zu tun, mit der sich Uta Hannig, Paul Herwig und Markus John in ihre verschiedenen Figuren gestürzt und sie zum Leben erweckt haben. Es bedarf schon solcher Ausnahmekönner, um diesen oft grausamen Stoff auf die Bühne zu bringen.

Der israelische Friedensaktivist Grossman erzählt in seinem Roman die Geschichte der hübschen Ora, ihrer zwei Männer und ihrer beiden Söhne Adam und Ofer. Es ist eine vertrackte Dreiecksbeziehung, denn Ilan empfindet große Schuld gegenüber seinem besten Freund Avram, der 1973 schwer verwundet aus dem Jom-Kippur-Krieg zurückgekehrt ist.

Immer wieder schreien die Schauspieler sich an

Jahre später kommt es zu einer einmaligen sexuellen Begegnung zwischen Ora und Avram und neun Monate später wird Ofer geboren. Zu einem normalen Familien- oder Liebesleben ist keiner aus diesem Trio fähig. Die Kriege haben sie traumatisiert. Immer wieder schreien die Schauspieler sich an, ein normaler Ton ist kaum möglich. Zu groß sind Oras Wut und Avrams Selbstekel, Hannig und John hauen sich ihre Verzweiflung um die Ohren, doch sie sind auch fähig zu sanften Tönen und Zärtlichkeit.

Parísek, der auch die Theaterfassung geschrieben und die Bühne entworfen hat, benutzt eine detaillierte Sprache, um Avrams Folter durch die Ägypter und seine Verletzungen zu beschreiben. Für die Zuschauer ist dieser verbale Realismus kaum auszuhalten; ebenso wenig die Szene, in der Ilan mit ansehen muss, wie sein Freund verwundet hinter den gegnerischen Linien liegt und er ihn zwar hört, ihm aber nicht helfen kann.

Autobomben und Anschläge sind an der Tagesordnung

Israel, bedroht von verschiedenen Nachbarländern und Milizen, ist ein wehrhafter Staat. Drei Jahre Armeedienst sind für jeden jungen Mann obligatorisch. Doch nicht jeder kehrt unversehrt zu seiner Familie zurück. Raketenangriffe, Autobomben und andere Anschläge sind an der Tagesordnung.

Ora ist froh, dass Ofer seine Militärzeit hinter sich hat. Doch der meldet sich freiwillig bei einer Mobilmachung und schlägt eine lange vereinbarte Wanderung durch Galiläa mit seiner Mutter aus. „Kinder werden vom Militär verstaatlicht“, sagt Ora voller Bitterkeit. Als sie Ofer am Truppensammelplatz verabschiedet, ist die Angst vor seinem Tod zurück.

„Sie überbringen die Nachricht immer zu dritt. Aber es braucht auch jemanden, der die Nachricht entgegennimmt“, überlegt sie. Also macht sie sich in den Norden Israels auf und zwingt Avram, sie zu begleiten. Ora will Ofers möglichen Tod nicht akzeptieren, sie flieht – auch in dem Wissen, dass ihr Protest gegen den Krieg sinnlos ist.

Requisiten benötigt das Schauspieler-Trio nur wenige

Parízek inszeniert diesen vielschichtigen Roman mit einfachen Mitteln. Drei Overhead-Projektoren, die wie Relikte aus einer vergangenen Zeit wirken, projizieren Bilder an die grauen Betonwände des Malersaals: die mit Kreuzen übersäten Wände in Avrams heruntergekommener Wohnung, verlaufendes Blut, mächtige Panzer oder Ausriss-Flächen, die von den Schauspielern für Schattenspiele genutzt werden.

Geräusche werden über ein Metronom erzeugt, die Tierlaute bei der Wanderung besorgt Paul Herwig mit dem Mund. Requisiten benötigt das Schauspieler-Trio nur wenige. Eine Sonnenbrille reicht Markus John etwa, um sich von Avram in einen arabischen Taxifahrer zu verwandeln.

David Grossman und seine Frau konnten der Nachricht vom Tod ihres zweiten Sohnes nicht entfliehen. Am 12. August 2006 fiel Uri im Südlibanon, als sein Panzer von einer Rakete getroffen wurde. Grossman schrieb da bereits an seinem Roman. Er lässt ihn offen enden, genauso wie Parízek seine kluge Inszenierung.

„Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ nächste Vorstellungen 17.2., 18.2., 20.2., jeweils 19.30; Malersaal, Kirchenallee 43, Karten unter www.schauspielhaus.de