Literatur

Mittelpunkt des ersten Taddeo-Romans ist die Fleischeslust

Lisa Taddeo lebt in Connecticut und weiß viel über das Begehren und manches über das Leid.

Lisa Taddeo lebt in Connecticut und weiß viel über das Begehren und manches über das Leid.

Foto: Diane von Schoen

US-Autorin Lisa Taddeo hat ein Debüt vorgelegt, das in ihrer Heimat schon jetzt als Sensation gehandelt wird. Es geht vor allem um Sex.

Hamburg.  Man muss diesen ersten Satz zitieren, erste Sätze sind wichtig. Ganz grundsätzlich. Der erste Satz von Lisa Taddeos Buch „Drei Frauen“ lautet: „Als meine Mutter jung war, folgte ihr jeden Morgen ein Mann zur Arbeit, der nur wenige Meter hinter ihr masturbierte.“

Kein schöner Satz, kein „Ilsebill salzte nach“, nein: ein ungeheuerlicher Satz. Vor allem ungeheuer effektvoll. Der Rezensent las jedenfalls gebannt weiter und war dabei sicher nicht der einzige: „Three Women“ wurde im vergangenen Jahr sowohl in den USA als auch in Großbritannien gelesen wie blöd. Das wird auch daran liegen, dass es eine gut geschriebene, dramaturgisch geschickt arrangierte Geschichte erzählt, besonders aber daran, dass diese Geschichte vom weiblichen Begehren handelt, von Liebesbeziehungen, von Sex.

Feuer und Schmerz der weiblichen Lust

Und man fragt sich bei der Lektüre nicht lange, warum auf dem Einband nicht die Bezeichnung „Roman“ prangt und warum die im Prolog auftretende Ich-Erzählerin keine Erfindung ist, sondern die Autorin Lisa Taddeo selbst. „Three Women“ ist ihr erstes Buch, die 40-jährige Journalistin trat vorher bereits als Short-Story-Autorin in Erscheinung. Taddeo berichtet in jenem Prolog von ihren Recherchen, die sich über viele Jahre erstreckten und sie sechsmal durch ihr Heimatland führten. „Ich bin aufgebrochen, um vom Feuer und vom Schmerz der weiblichen Lust zu erzählen, damit andere Frauen und Männer erst einmal verstehen können, bevor sie urteilen“, schreibt die Autorin.

Also ist der erste, der oben zitierte Satz ihres Berichts – ein nüchterner Bericht, der dennoch so fesselnd wie ein Roman ist – nicht nur der maximal wirkmächtige Beginn eines Textes, er ist auch eine Art Erklärung, warum Taddeo mit ihren Geschlechtsgenossinnen über deren Sexleben sprach. Mit der Mutter, einer aus Italien stammenden Obstverkäuferin, sprach sie nämlich nie darüber, wie diese die sexuellen Übergriffe empfand: „Sie war nicht die Art Frau, die Gefallen daran gefunden hätte. Aber wirklich wissen kann ich es nicht. Meine Mutter sprach nie über ihre Fantasien.“

Leiden an männlicher Dominanz beim Sex

Umso mehr taten dies die drei Frauen in „Three Women“, deren Schicksale abwechselnd beleuchtet werden. Männliches Begehren interessierte Taddeo auch, war aber in ihren Augen, nun ja, zu knapp bemessen: „Und während die Lust der Männer mit dem finalen Schuss erlosch, flackerte die Lust der Frauen an diesem Punkt gerade erst auf.“ Und so sind es nun also Maggie, Lina und Sloane, deren Geschichten erzählt werden. Maggie, die als Schülerin in North Dakota eine Affäre mit ihrem Lehrer hat, die Jahre später Gegenstand zweier Gerichtsprozesse wird.

Bereits als junge Frau hat sie eine extreme Form von Desillusionierung erfahren. Lina, die in Indiana lebt, eine Affäre mit ihrer Highschoolliebe beginnt und sich nach zehn Jahren Ehe vom Vater ihrer zwei Kinder trennt. Seine Lust ist erloschen, sie ist depressiv, nimmt Tabletten, hat einen Therapeuten. Sloane, die aus der New Yorker Upperclass stammt und in Rhode Island ein Restaurant mit ihrem Mann betreibt. Ihr Mann steht darauf, ihr beim Sex mit anderen Männern und Frauen zuzusehen. Sie selbst ist nicht immer Herrin ihrer eigenen Wünsche. Bei allen dreien spielt das auf manchmal irritierende Weise hingenommene Leiden an männlicher Dominanz eine große Rolle: Die geile Frau als unheilige Erdulderin von Zuständen, die anders als früher leicht zu überwinden wären.

Es geht auch um gebrochene Herzen

In „Drei Frauen“ geht es neben der körperlichen Liebe um gebrochene Herzen, Machtspiele, Tabus, die immer mal mehr, mal weniger, Klischees sind. Ehebruch ist das größte von allen, und auch im Falle des Lehrers, der sich auf eine Liaison mit der aus schwierigen Verhältnissen stammenden Maggie einlässt, ist die Sehnsucht nach erotischer Sensation, Bestätigung und der Steigerung des Lebensgefühls nicht von der Hand zu weisen. Natürlich und gegen die Intention der Autorin wäre es auch interessant gewesen, jene maskuline Perspektive zu verstehen. Gerade, weil sie mutmaßlich den Blick freigibt auf Ausbeutung und die Verführung Minderjähriger.

Das menschliche, allzu menschliche Drama des Narzissmus – hier in der speziellen Form des männlichen Egoismus – und der Eitelkeiten, die zur handelsüblichen Liebeshandlung gehören, entblättert sich vor den Lesern minutiös, wie hier überhaupt exakt erzählt wird. Das ist der psychologischen Herangehensweise geschuldet. Die Sprache der Seele besteht aus vielen Sätzen. Kein Wunder, dass so nicht unbedingt, nimmt man einmal Sloane aus, ungewöhnliche Schicksale romanhafte Züge bekommen.

Wobei letztgenannte Sloane, die sexuell offen in vielerlei Hinsicht ist, wahlweise unglaubwürdig erscheint – oder unterbelichtet wie im Grunde alle Personen in diesem Intim-Stück. Welche aus frühem Kindheitserleben mitgeschleppte gestörte Familienbeziehungen in ihrem Leben eine Rolle spielen, welche Traumata, all das wird hinreichend deutlich. Und dennoch bleibt vieles unklar: Warum will die Tochter aus besserem Hause ihr Leben lang nichts anderes als kellnern? In der Engführung aufs Sexuelle bleibt auch bei den anderen Figuren vieles außen vor.

Aber dieses Buch wollte Lisa Taddeo nicht schreiben. Zwar geht es in „Drei Frauen“ am Rande ganz grundsätzlich auch um die allgemeine Sehnsucht, erkannt zu werden. Und en passant erfährt man etwas über die abgeschlagene, untere Mittelschicht. Im Mittelpunkt jedoch: die Fleischeslust. In den Lina gewidmeten Kapiteln wird Taddeo häufiger als in den anderen beiden explizit. Was zu der Frage führt, ob die Bettszenen die clever berechnete Porno-Beimischung seitens der Autorin sind.

„Es gibt keine Frau, die sich nicht mit schmerzendem Magen und wild klopfendem Herz in dem wiederfinden wird, was Maggie, Lina und Sloane durchmachen“, schrieb der „Guardian“. Das stimmt eher nicht: Aber wie leichtfertig über Begehren hinweggegangen werden kann, davon erzählt dieses Buch.