Konzertkritik

Elbphilharmonie: Wenn Kitsch zu Leidenschaft gemacht wird

Eva Milner von Hundreds wärhend eines Konzert im Fritzclub im Postbahnhof in Berlin

Eva Milner von Hundreds wärhend eines Konzert im Fritzclub im Postbahnhof in Berlin

Foto: imago images / Future Image

Das Elektropop-Duo Hundreds feiert seinen zehnten Geburtstag in der ausverkauften Elbphilharmonie.

Hamburg. Das Publikum bei den Hundreds sieht toll aus. Aber die Hornbrillen mögen noch so teuer sein, die Bärte noch so gepflegt und die Kurzhaarfrisuren noch so eigenwillig – spätestens als das Geschwisterduo Eva und Philipp Milner am Sonntagabend den großen Saal der Elbphilharmonie betritt, schaut man nicht mehr verliebt in die Ränge, sondern nur noch auf die Bühne. Auf ihn im stilvollen schwarzen Anzug, auf sie im Glitzerkleid, mit schwarzen Leggings und barfuß. Und man ist verzaubert, noch bevor die ersten Töne erklingen.

Das Hamburger Duo feiert parallel seinen zehnten Bandgeburtstag und die Premiere des fünften Tonträgers „The Current“, der im März erscheinen soll und den Stil der Vorgänger weitertreibt: eingängiger Elektropop, der von Eva Milners klarer, kräftiger Stimme lebt; Elektropop, der Widerhaken einbaut, wenn er droht, zu lieblich zu werden, und der sich an zuckersüße Melodien traut, wenn die Widerhaken die Songs ins Kauzige, Unzugängliche drängen. Musik, die sich manchmal als Avantgarde tarnt, in Wahrheit aber aufs große Publikum schielt. Dass die Milner-Geschwister mehrere echte Hits hatten, kommt so wenig von ungefähr wie dass die Elbphilharmonie schon seit Monaten ausverkauft ist.

In 90 Minuten durchmisst das Programm die Hundreds-Diskografie

Live wird das Duo schon seit längerem von Schlagzeuger Florian Wienczny verstärkt; in der Regel sorgt der für eine brachiale Härte, die den Schönklang der Studioaufnahmen konsequent bricht. In der Elbphilharmonie nimmt sich Wienczny allerdings zurück, in Stücken wie „Machine“ spielt er ein akustisches Drumkit, auf dem er weniger durch technoide Gradlinigkeit als durch vertrackte Rhythmik überzeugt. Ein wenig doppelt das Schlagzeugspiel hier die Stimmung der Kompositionen, ein Aspekt der energetischen Hundreds-Liveauftritte fehlt diesmal. Aber auch hier: Widerhaken! Zum Jubiläum wird die Band vom Kammerensemble Berlin Strings begleitet, und anstatt die Stücke ins Musicalhafte zu verzerren, skelettiert der Streichereinsatz die Songs. Reduktion statt Aufpumpen.

In 90 Minuten durchmisst das Programm die Hundreds-Diskografie: das poppige „Happy Virus“, der Hit „Circus“, der neue Song „Ready Shaking Silent“, die hingetupften Synthieakkorde von „Aftermath“. Philipp Milner verschanzt sich hinter seinen Keyboardungetümen, Wienczny hinter dem Schlagzeug, zwei Nerds, die hochkonzentriert eine sehr, sehr komplizierte Arbeit erledigen, die Streicher sorgen für die Bodenhaftung. Und Eva Milner tanzt. Das nämlich ist, neben der Qualität der Songs, ein weiterer, nicht zu unterschlagender Aspekt dieses Auftritts: das Tanzen der Sängerin. Milner tanzt unbeholfen, versunken, glücklich, manchmal wippt sie nur arhythmisch vom linken auf den rechten Fuß – „Dance Like Nobody’s Watching“ ist das eigentlich. Und sieht wunderschön aus, wie alles schön aussieht, was mit Leidenschaft gemacht wird.

Als letzte Zugabe: „I Love My Harbour“, ein ganz alter Song, ein Liebeslied an die Hundreds-Heimatstadt Hamburg. Bei jeder anderen Band würde man abwinken, ranschmeißerisch, kitschig, aber wenn Milner das singt, dann ist es herzerwärmend. Vielleicht beschreibt das den Zauber dieses Konzerts am Besten: dass Eva und Philipp Milner es schaffen, aus Kitsch Leidenschaft zu machen.