Hamburg

Drei Jahre Elbphilharmonie – so geht es jetzt weiter

Auch als Fotomotiv ist die Elbphilharmonie ausgesprochen beliebt. Zwölf Millionen Menschen waren inzwischen auf der Plaza.

Auch als Fotomotiv ist die Elbphilharmonie ausgesprochen beliebt. Zwölf Millionen Menschen waren inzwischen auf der Plaza.

Foto: Marcelo Hernandez

Seit Eröffnung sind fast alle Konzerte ausverkauft. Daran dürfte sich so schnell nichts ändern – aber man kommt nun besser an Tickets.

Hamburg.  Drei Jahre sind eine aufschlussreiche Zeiteinheit, um sich die historischen Dimensionen der Elbphilharmonie klarzumachen: Vor genau drei Jahren, am 11. Januar 2017, fand das Eröffnungskonzert statt und längst kann sich niemand mehr die erblühte Musikstadt Hamburg ohne sie vorstellen. Sie ist visionäres Wahrzeichen, vielleicht sogar schon für die Kulturnation Deutschland, Gelddruckmaschine für die Hotellerie und Image-Politur für den klassischen hanseatischen Pfeffersack.

Die Elbphilharmonie ist pures Stadtmarketing-Gold, eine Erlebnis-Immo­bilie für Konzertbesucher, international anziehender Touristenmagnet – und immer wieder auch vermeintliche Skandalverursacherin. Denn kaum kollabiert ein gemietetes Mischpult, soll sofort die Akustik mies und schuld sein; kaum verfehlt ein berühmter Tenor zwar nicht die Töne, aber eine für das jeweilige Stück sinnvolle Bühnenposition, soll natürlich sofort die Akustik mies und schuld sein. Über die angeblich dramatisch fehlenden Damen-WCs redet, Gott sei Dank, inzwischen niemand mehr.

Bau der Elbphilharmonie sollte nur drei Jahre dauern

Kleine Rückblende: Drei Jahre, das war einmal der Zeitraum, den man sehr optimistisch für den gesamten Bau veranschlagt hatte. Im Mai 2010, gut drei Jahre nach der symbolischen Grundsteinlegung im April 2007, fand dann lediglich das symbolische Richtfest statt. Wenige Tage, nachdem die Bürgerschaft den ersten Parlamentarischen Untersuchungsausschuss eingesetzt hatte. Dort sollte geklärt werden, wer warum wann und wie welchen der vielen verheerenden, peinlichen, teuren Planungsfehler verbockt hatte.

Und jetzt? Jetzt kann es passieren, dass man an einem ganz normalen Konzertabend neben einer italienischen Studentin sitzt, die an der Abendkasse die allerletzte Karte erwischt hat. Die für zwei Tage in Hamburg war und der man dafür auch einen Besuch der Elbphilharmonie empfohlen hatte. Die vorher keinerlei Ahnung gehabt hatte, wie der Große Saal überhaupt aussieht. Und die beim ersten Blick in ihn weinen musste, weil es sie komplett umgehauen hat, wie schön und einzigartig dieser Raum ist. Und das alles, bevor der erste Ton erklang.

Auslastung im Großen Saal lag zuletzt bei 98,9 Prozent

Natürlich kann man diese Sensation auch in Zahlen ausdrücken und abfeiern. Alle Jahre wieder gibt es neue Angaben, die gern als „Rekord“ bezeichnet werden, obwohl es nicht nur in dieser Stadt keine Vergleichsgrößen gibt, die man damit übertrumpfen könnte. Denn die einzige Vergleichsgröße für die Elbphilharmonie ist sie selbst. Sind also „nur noch“ 98,9 Prozent Auslastung im Großen Saal schon ein Grund zu Sorge oder gar Abstiegs-Häme, während andere Konzerthaus-Intendanten für solche Zahlen beten? Eigentlich alles im Großen Saal ist ausverkauft, doch nun nicht mehr sofort, sondern später, was in der späteren Bilanz aber keinen Unterscheid macht.

Was heißt es letztlich, dass sich die Besucherzahlen von Klassik-Konzerten verdreifacht haben? Das Angebot ist entsprechend größer, die Qualität erst recht. Die Elbphilharmonie ist Wirtschafts- und Suchtfaktor; als Stammgast leidet man Phantomschmerzen, sobald die Da-sein-Dosis reduziert wird.

Die zweite Lebensphase der Elbphilharmonie hat begonnen

Als im Juni 2019 die Zehn-Millionen-Marke bei den Plaza-Besuchern erreicht wurde (inzwischen sind es zwölf Millionen), war es eine junge Familie aus Portugal, die von Kultursenator und Intendant mit Blümchen und Konzertkarten für den zweiten Besuch beschenkt wurde. Sie waren in ein Konzerthaus gekommen, obwohl sie dort gar kein Konzert, die zentrale Aufgabe des Hauses also, leibhaftig erlebt hätten. Wer fährt nach Paris, um sich verzückt nur neben den Eiffelturm zu stellen? Wem genügt der Louvre, ganz ohne „Mona Lisa“, nur von außen?

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Intendant Christoph Lieben-Seutter hat recht, wenn er sagt, dass praktisch alle Stars und Top-Orchester bis auf das Los Angeles Philharmonic schon da waren, viele mehrfach. Das heißt aber auch: Zukünftig wird es nicht mehr genügen, die großen Namen nur, mit welchem Programm auch immer, wieder und wieder einzuladen. Es ginge, klar, doch es wäre zu wenig. Die zweite Lebensphase des Konzerthauses hat begonnen: Ab jetzt sollte es noch mehr auf die inneren Werte ankommen. In der Elbphilharmonie, dort, wo ziemlich alle unbedingt auftreten wollen, ist das kein Problem.

NDR und Philharmoniker haben die Laeiszhalle verlassen

Zwei Kilometer Luftlinie entfernt ist es eines. Die Laeiszhalle, das gute alte Gegenstück zum Designer-Bau, wird chronisch unter Wert bespielt. Im Gegensatz zum Schwestern-Saal an der Elbe hat dort nichts grundsätzlich Neues das Programm bereichert. Die Symphoniker sind noch da, dort, wo sie immer waren. Ebenso fast alle ProArte-Pianisten, dazu gibt es einige Termine vom „Alten Werk“. Im Gegenteil, es ist ärmer geworden, weil NDR und Philharmoniker die Laeiszhalle komplett verlassen haben. Auch das frühere Residenz-Orchesterchen Ensemble Resonanz spielt nun entweder im eigenen Resonanzraum oder in der Elbphilharmonie.

Konsequente Nachrücker sind nicht in Sicht, eine Handvoll dramaturgisch klug inszenierte Programme von Ex-NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock sind löblich, gleichen das Defizit aber nicht aus. Viele Lücken im Kalender füllt B-Ware, dazu kommen beliebige Pop- und Sonst-was-Termine, weil das CCH wegen des Umbaus nicht zur Verfügung steht. Und auch die hiesigen Ensembles möchten, wer möchte es ihnen verübeln, im Zweifelsfall lieber in der schicken Elbphilharmonie spielen, um so das Musikleben zu pflegen und zu bereichern.

Wenn der Generalintendant, seit 2007 für Wohl und Glanz beider Häuser verantwortlich, neulich beklagte, die Konzerte in der Laeiszhalle seien „hartes Brot“ und „viel schwerer zu verkaufen“, gibt es niemanden, an den er die Bewäl­tigung dieser Herausforderung wegdelegieren könnte. Die nächsten drei Jahre werden – allerdings anders als die ersten drei – spannend werden. Und Lieben-Seutters derzeitiger Vertrag endet 2024.