„Hi-Fi“

Dieser Bildband ist aufregender als Basinger in „9 ½ Wochen“

Für High-End-Audio-Fans: Der legendäre Balance-Plattenspieler von Brinkmann, „33rd Anniversary Edition“.

Für High-End-Audio-Fans: Der legendäre Balance-Plattenspieler von Brinkmann, „33rd Anniversary Edition“.

Foto: Michael Rasche

Legendär, spektakulär und richtig teuer: Ein Bildband dokumentiert (und schürt) die Hi-Fi-Begeisterung der Geräte-Besessenen.

Hamburg. Das Skandalfoto findet sich auf Seite 60. Eine junge Frau, Werbemodell der kanadischen Firma Clairtone, fasst auf eine Schallplatte. Mit den Fingern! Für Hi-Fi-Jünger ein Sakrileg, aber immerhin eines, das mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt und aus einer Zeit datiert, als High-End-Audio zum weltweiten Siegeszug ansetzte.

Jedenfalls bei all denen, die besessen genug waren, um für den jeweils potentesten Verstärker, die spektakulärsten Boxen oder das Kassettendeck mit den leisesten Laufgeräuschen ein mittleres Vermögen auszugeben.

Ihren Einkäufen (oder zumindest: ihren Wunschträumen) ist der wunderbare Bildband „Hi-Fi“ von Gideon Schwartz gewidmet, der die Geschichte der audiophilen Begeisterung vom späten 19. Jahrhundert bis heute nachzeichnet. Auf Englisch zwar, aber auch wer „nur“ die Bilder hat, wird dieses Buch wieder und wieder zur Hand nehmen. Einerseits wegen der historischen Werbeanzeigen, die vor Augen führen: Hi-Fi-Fanatismus ist in der Regel Männersache. Vor allem aber wegen der Fotos spektakulärer Geräte, die Design-Kunstwerke sind, museumsreif, längst Sammlerware und bisweilen richtig teuer.

250.000 Euro für ein museumsreifes Boxenpaar

Dabei war auch der Hi-Fi-Markt schon in seinen Anfängen einem Preisverfall unterworfen: Er habe 1947 für sein Ampex-Tonbandgerät 5200 Dollar gezahlt, berichtet etwa Sänger Bing Crosby („White Christmas“), sieben Jahre später war eine vergleichbare Bandmaschine bereits für ein Zehntel des Preises zu haben. Abgesehen davon, dass auch 500 Dollar in den Vereinigten Staaten der 50er-Jahre enorm viel Geld war (das durchschnittliche Jahreseinkommen lag bei ca. 4000 Dollar), musste und muss für manch exquisites Stück richtig tief in die Tasche gegriffen werden.

So kann ein Studer J 37 Multitrack-Aufnahmedeck aus den 60er-Jahren, so eines, mit dem das Beatles-Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ aufgenommen wurde, heute gebraucht durchaus 30.000 Euro kosten. Günstiger: die riesigen Monolith-Boxen der Firma MartinLogan, die aussehen wie gewaltige Holz-Schiefer-Tafeln und schon für 5000 Euro zu haben sind. Auch eine Überlegung wert (mehr aber wohl leider nicht): die Apologue Lautsprecher von Designer Claudio Rotta Loria, die es bis ins New Yorker Museum of Modern Art geschafft haben und für die heute um die 260.000 Euro aufgerufen werden.

Schlichte Eleganz und hohe Funktionalität

Spektakuläre Preise, doch eigentlich geht es in diesem Buch vor allem um das Design, das sich ein ums andere Mal durch schlichte Eleganz auszeichnet, durch klare Formen und hohe Funktionalität. Was meist bedeutet: Je weniger Knöpfe und Schalter, desto besser. Radikale Reduktion zeichnet zum Beispiel den in der „33rd Anniversary Edition“ auf 33 Exemplare limitierten „Balance“-Plattenspieler der Firma Brinkmann aus (großes Foto) aus, der nahezu lautlos läuft und als maximal vibrationsgeschützt gilt. Weniger ist mehr – das stimmt hier in besonderer Weise: Wer überhaupt noch eines dieser Geräte findet, muss etwa 50.000 Euro anlegen.

Echte Hi-Fi-Freaks haben übrigens ein besonderes Vergnügen daran, ihre Objekte der Begierde auf Fotos oder in Filmen zu identifizieren, die mit dem Technik-Thema eigentlich gar nichts zu tun haben. Geradezu ikonografisch ist eine Aufnahme, die Apple-Gründer Steve Jobs vor minimalistischen High-End-Geräten in einem weitgehend leeren Raum zeigt. Legendär natürlich auch das portable Nagra-Bandgerät, mit dem der junge Postbote in Jean-Jacques Beineix’ Film „Diva“ heimlich einen Auftritt der Opernsängerin Cynthia Hawkins aufnimmt.

Nakamichi-RX 505e-Tapedeck in Erotikklassiker

Schon die Gebrauchsanleitung kostet heute ca. 150 Euro, dass es in diesem Buch nicht auftaucht, liegt daran, dass es weniger ein High-End als ein Studio- und Spionage-Gerät war. Und wer an den Erotikklassiker „9 ½ Wochen“ mit Kim Basinger und Mickey Rourke denkt, erinnert sich vermutlich vor allem an die Honig-Eiswürfel-Szenen, dabei gibt es doch auch noch etwas anderes zu entdecken: In seinem stylischen Loft sorgte Rourke mit einem Nakamichi-RX 505e-Tapedeck (ab 1000 Euro) für den passenden Sinnenfreuden-Soundtrack.

Zwar gibt es in diesem Buch kein Foto von Kim Basinger, doch das Gros der Audiophilen wird möglicherweise ohnehin schärfer auf die zahlreichen Abbildungen der Top-Geräte von Herstellern wie Ampex, Naim, Bang & Olufsen, Bowers & Wilkins, Jadis, Linn, Marantz, Quad, Studer-Revox, Threshold oder Thorens sein.

Autor Schwartz ist übrigens verheiratet und hat drei Kinder. Hi-Fi-Begeisterung muss einer fruchtbaren Beziehung also keineswegs entgegen stehen.