Lesung

Was Menschen im 18. Jahrhundert einander schrieben

Das Literaturhaus am Schwanenwik.

Das Literaturhaus am Schwanenwik.

Foto: Andreas Laible

Im Literaturhaus waren Briefe Thema, die ihre Empfänger nie erreichten. Die Schauspielerin Lina Beckmann las aus ihnen.

Hamburg. Es dauerte nicht so lange, bis den Besucherinnen und Besuchern jener sicher nicht ganz gewöhnlichen Literaturhaus-Veranstaltung der Gedanke kam: Das hier, das ist sehr wohl Literatur. Oder mindestens literaturverdächtig. „Prize Papers“ war die Veranstaltung der NDR-Reihe „Der Norden liest“ betitelt. Prize, das ist englisch für „Prise“. Seefeste Zeitgenossen wissen, was eine Prise ist: die Beute, die ein Freibeuter beim im Übrigen seerechtlich geregelten Kapern eines Schiffes macht.

Und das konnten eben auch Briefe sein, die beim Freibeuten das Schiff wechselten – und deswegen nie bei ihren Empfängern ankamen. Gleich 4088 Kisten, gefüllt mit jenen schriftlichen und mehr oder weniger privaten Dokumenten, wurden kürzlich von einer Oldenburger Forschungsgruppe untersucht. Bislang lagen sie in einem Londoner Archiv.

Einzigartige Fundstücke

Nun sind sie erstklassige Quellen für die Expansionsbemühungen der Europäer vor allem im 18. Jahrhundert und, damit verbunden, ganz grundsätzlich das Weltbild, die Lebensumstände und Mentalität der Händler, Kolonisatoren, Reisenden und Seefahrer im Speziellen und der westlichen Gesellschaft im Allgemeinen. Im Gespräch mit Moderatorin Julia Westlake stellte die Historikerin Dagmar Freist die einzigartigen Fundstücke in Hamburg vor, die Schauspielerin Lina Beckmann las aus ihnen.

Die Unmittelbarkeit der Briefe, erklärte die Forscherin Freist, sei faszinierend. Als Wissenschaftlerin suche sie Distanz, „aber unemotional lese ich sie deswegen nicht immer“. Bislang seien 19 unterschiedliche Sprachen in dem Konvolut von insgesamt etwa 160.000 Briefen aufgetaucht.

Violinistinnen sorgten für Atmosphäre

Es ist also vor allem erst einmal Übersetzungs-, aber auch Dechiffrierungsarbeit der handschriftlichen Zeugnisse, die derzeit von den Forschern geleistet wird. Danach werden sie, wie in den Leseteilen des stellenweise sehr vergnüglichen, aber auch entlarvenden Abends deutlich wurde, reich belohnt. Die überseeischen Aktivitäten der Abendländer waren ohne Sklaverei nicht denkbar, und so mochte man etwa den Ausführungen eines Angestellten aus Jamaika, der dem Plantagenbesitzer vom Wert und von der Arbeit der „Neger“ berichtete, nicht gern folgen. Das tat man dann schon lieber, als man den reiseberichtartigen Zeilen eines französischen Musikers und Abenteurers lauschte oder den Eindrücken einer Händlerin.

Dass die Liebe, dass die Sorge um die Familie in den Briefen keine kleine Rolle spielte, überraschte dagegen nicht. Anrührend, was da zu Gehör kam, etwa, wenn sich ein Vater brieflich um die sichere Überfahrt seiner Kinder sorgte. Ob es um die Zeugnisse und Bekenntnisse von Reedern, Händlern, Missionaren oder Abenteurern ging: Sie erzählten alle auch etwas über die kleinen und großen, die allzu menschlichen Dramen. Stoff für Literatur, wie gesagt. Für Atmosphäre und die Wiederbelebung der damals typischen Salonmusik sorgten im Literaturhaus die Bremer Violinistinnen María Carrasco Gil und Alice Vaz.