Hamburg

Das ist die Frühjahrs-Lektüre aus Hamburg und der Welt

Die amerikanische Autorin Siri Hustvedt liest Anfang April im Hamburger Schauspielhaus aus ihrem neuen Essayband.

Die amerikanische Autorin Siri Hustvedt liest Anfang April im Hamburger Schauspielhaus aus ihrem neuen Essayband.

Foto: dpa Picture-Alliance / Miquel Llop / picture alliance / NurPhoto

Der große Überblick über den literarischen Saisonbeginn 2019: Neue Bücher, schreibende Sänger, Schauspieler und Lesungen.

Hamburg.  Der Hamburg-Roman des Jahres 2019 dürfte ein Buch mit dem Titel „Große Freiheit“ werden. Mehr Lokalkolorierung geht nämlich nicht. Rocko Schamoni, der Autor des im März erscheinenden Romans, tut es auch in anderer Hinsicht seinem langjährigen Wegbegleiter Heinz Strunk („Studio Braun“) gleich, der in „Der Goldene Handschuh“ – sicher ein ganz genauso schmissiger Titel – ebenfalls eine Geschichte vom Kiez erzählte.

Schamonis erstes fiktionales Buch seit 2014 handelt von Wolfgang „Wolli“ Köhler, einem historischen und 2017 gestorbenen Zuhälter. Schamoni führte bis zum Tod der Rotlicht-Legende viele Gespräche mit Wolfgang Köhler. „Große Freiheit“ erzählt die frühen Jahre des Mannes, der nach Hamburg übersiedelt, um der Enge der Nachkriegszeit zu entkommen. Hier findet er, es ist der Beginn der 60er-Jahre, auf dem Kiez eine für ihn völlig neue Grenzenlosigkeit, eine große Freiheit: der zu werden, der er werden will, ohne sich um Moralvorstellungen zu scheren. Ein klassischer Erzählstoff – und die Beatles kommen auch vor.

Das literarische Frühjahr hat noch weitere Hamburgensien im Programm. Etwa Wolf Biermanns (Foto) Band „Barbara: Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“ (erscheint im März). Biermann erzählt, so verspricht der Verlag, „unerhörte Liebesgeschichten von außergewöhnlichen Menschen“. Menschen, wohlgemerkt, deren Weg Biermann kreuzte. Da wäre eine Geliebte Bert Brechts. Da wäre ein Mann, der sich für Rembrandt hält. Da wäre Biermanns eigene Großmutter – und sein Sohn. Und viele mehr.

Andreas Maier schreibt in „Die Familie“ (Juni) seinen autobiografischen Zyklus fort. Und Saša Stanišics Me­moir „Herkunft“ erscheint im März, es stellt unter anderem die wichtige Frage nach Heimat in der globalisierten Welt. Marie-Alice Schultz’ Debüt „Mikadowälder“ erscheint im April bei Rowohlt. In einem Verlagsprogramm, das noch die Handschrift der gerade erst abgelösten Verlegerin Barbara Laugwitz trägt: Mit Johan Harstads epischem „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ (März) wird dabei bereits das Norwegen-Jahr (Gastland auf der Frankfurter Buchmesse) eingeläutet.

Barnes lotet Abgründe der Liebe aus

Was die internationale Literatur angeht, stehen in den kommenden Monaten einige namhafte Autoren neu in den Regalen der Buchhandlungen: Julian Barnes’ Liebesgeschichte „Die einzige Geschichte“ (Februar) erzählt von der Beziehung eines Teenagers zu einer 30 Jahren älteren Frau. Es geht um das Ausloten menschlicher Abgründe. Aber so gewaltig wie bei Bernhard Schlinks Megabestseller „Der Vorleser“ dürften sie schwerlich sein; wir sind gespannt.

Ian McEwans (Foto links) neuer Roman „Maschinen wie ich“ (März) handelt vom Eindringen der künstlichen Intelligenz in das Alltagsleben. Barnes’ und McEwans­ englischer Autorenkollege Alan Hollinghurst hat, endlich, ebenfalls einen neuen Roman geschrieben: „Die Sparsholt Affäre“, im Original bereits 2017 erschienen, kommt im Frühjahr auf Deutsch heraus. Am 20. März stellt Hollinghurst ihn im Literaturhaus vor. Auch englisch, aber andere Seite des großen Teiches: Der großartige Gary Shteyngart versucht sich in „Willkommen in Lake Success“ an der Great American Novel (April). Auch Siri Hustvedt weilt auf Einladung des Literaturhauses in Hamburg. Sie liest aus ihrem mindestens interessant betitelten Essayband „Eine Frau sieht auf Männer, die auf Frauen schauen“ im Schauspielhaus – und zwar am 8. April. Der Karten-Vorverkauf hat hier bereits begonnen.

Blicken wir auf die andere Seite des Rheins: Die Französin Leïla Slimani (Foto links) erzählt in „All das zu verlieren“ (Mai) von einer modernen Madame Bovary, während Édouard Louis in „Wer hat meinen Vater umgebracht“ (Januar) seine immer auch aufs Soziologische schielende und noch junge Lebensgeschichte fortschreibt. Dass in Frankreich derzeit nicht unbedingt die schlechtesten Bücher geschrieben werden, spiegelt sich auch im Geheimnis, das sich zuletzt um den neuen Michel Houellebecq („Elementarteilchen“, „Unterwerfung“) rankte: Erscheinen wird er am 7. Januar, alles andere wurde erst einmal nicht verraten. Weil er heute aber bereits im französischen Original zu haben ist, kennt man Titel („Serotonin“) und Thema nun: Es geht unter anderem um einen gelbwestenartigen Aufstand auf dem Lande. Houellebecq, der Seher also – einmal mehr. Schön, dass Literatur manchmal noch auf diese Weise ins rechte Licht gerückt werden kann!

An der Literatur versuchen sich 2019 auch wieder Popmusiker: Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow (Foto) zielt in „Aus dem Dachsbau“ (Februar) ganz auf sich, auf sein Herkommen, seine kulturellen Prägungen, auf die Kunst. Natürlich, möchte man sagen. Die eigene Nabelschau ist ein literarisches Topos unserer Zeit, und sehr oft liefert sie Erkenntnisgewinne für das eigene Erleben oder ist zumindest fesselnd, interessant, relevant. Nur leider haben gerade Musiker immer schon oft sehr schlechte Bücher geschrieben. Was im Übrigen auch für Schauspieler gilt. Apropos, Axel Milbergs erster Roman „Düsternbrook“ erscheint im Mai. Und gleich zurück zur Musik: Unter dem Namen Bela B Felsenheimer veröffentlicht der Die-Ärzte-Musiker seinen ersten Roman „Scharnow“ Ende Februar – Lesung am 10.4. im Uebel & Gefährlich.

Ewald Lienen liest im Literaturhaus

Was letzteres, also Lesungen angeht, ist naturgemäß das Literaturhaus am Schwanenwik der erste Anlaufpunkt für Literaturfreunde. Neben den bereits Genannten treten bekannte und aufgrund der Qualität, für die sie stehen, auch erwartbare Autoren wie Abbas Khider (20.2., neues Buch: „Deutsch für alle – Das endgültige Lehrbuch) und Alina Bronsky („Der Zopf meiner Großmutter“, 21.5.) auf. Dass der ehemalige Trainer des FC St. Pauli, Ewald Lienen, am 29. April im Literaturhaus liest, macht dagegen unmissverständlich klar, dass der Mann nun auch erstmals unter die Buchautoren gegangen ist. „Ich war schon immer ein Rebell: Mein Leben mit dem Fußball“ erscheint Anfang April. Jede Wette, dass es um Längen besser ist als die allermeisten Sportlerbiografien.

Zum kleinen, feinen Frühjahrsfestival „High Voltage“ (10.–16. April) hat das Literaturhaus Ian Kershaw (neues Sachbuch: „Achterbahn Europa – Europa 1950–2017“), Meike Winnemuth („Bin im Garten“ – auch sie also voll im literarischen Trend der Naturbücher), Doris Knecht („Weg“), Charles Lewinsky („Der Stotterer“), Marion Brasch („Lieber woanders“) und den Soziologen Heinz Bude („Solidarität“) eingeladen.

Ein Krimi-Höhepunkt dürfte Friedrichs­ Anis „All die unbewohnten Zimmer“ (erscheint allerdings erst im Juni) sein. Einen runden Geburtstag gibt es auch zu feiern. Hans Magnus Enzensberger wird im November 90 Jahre alt. Schon im Mai bringt sein Stamm-Verlag Suhrkamp Enzensbergers originelle Ode an die Menschheit mit dem Titel „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“ heraus.

Es gilt übrigens wie immer, dass das Lektüre-Jahr 2019 wie jedes andere auch mit Überraschungen, Neuentdeckungen und Autoren dienen wird, an die jetzt noch niemand denkt.