Hamburg

"Gier" im Museum statt Theater: Ein Schreihals namens Hitler

Theater im Museum für Hamburgische Geschichte: „Gier“ erzählt von „Weimar – Die erhitzte Republik".

Theater im Museum für Hamburgische Geschichte: „Gier“ erzählt von „Weimar – Die erhitzte Republik".

Foto: Axensprung Theater

Im Museum für Hamburgische Geschichte zeichnet das Axensprung Theater den Niedergang der Weimarer Republik nach.

Hamburg.  Die Weimarer Republik ist ein Teil der Hamburger Geschichte. Weswegen es einleuchtet, dass das Theater Axensprung sein Stück „Gier. Weimar – Die erhitzte Republik“ nicht in einem Theaterbau zur Uraufführung bringt, sondern im Museum für Hamburgische Geschichte. Dessen Foyer eignet sich perfekt für eine Theateraufführung: ausreichend Platz für Zuschauer, mit dem Zugang zum Treppenhaus eine erhöhte Bühne, Raum für eine Revue, in der der Niedergang der Republik spürbar wird.

Davon abgesehen nutzt die Gruppe um Regisseur Erik Schäffler und Produzent Oliver Hermann die besondere Location allerdings nicht aus. Was mit dem Grundkonzept des Axensprung Theaters zu tun hat: zurückhaltende Performance, sparsame Ausstattung, Theater, das schnell und ohne großen Aufwand an unterschiedlichen Orten realisiert werden kann. Inhaltlich ist das nicht wirklich ein Problem, ästhetisch allerdings eine verschenkte Chance, weil „Gier“ so mehr Geschichtsdidaktik ist als echte Kunst. Freilich: Geschichtsdidaktik, die einen diese Umbruchszeit der jüngeren deutschen Geschichte erleben lässt, die also durchaus funktioniert.

Rede kommt auf rechtsradikalen Schreihals namens Hitler

Erzählt wird die Geschichte des Liebespaars Martha (Mignon Rémé) und Luci (Angelina Kamp), die in der jungen Demokratie zwischen Kultur, Zerstreuung, Exzess, Armut und drohenden politischen Verwerfungen ein halbwegs glückliches Leben versuchen. Keine Chance: Durch die Versailler Verträge ist der Spielraum der Republik extrem eingeschränkt, die Wirtschaft kollabiert, und im Hintergrund sammeln Reaktionäre ihre Truppen. Zwischen die Lovestory drängt sich entsprechend immer wieder die Zeitgeschichte, tauchen Finanzminister Matthias Erzberger, Außenminister Walther Rathenau, der rechte Offizier Walther von Lüttwitz auf, die in teils ironischer Rampenrede den fortdauernden Abstieg in den Faschismus referieren.

Die historischen Figuren stehen dabei neben ihrer Rolle, sind nicht nur Stichwortgeber, sondern auch Kommentatoren des Geschehens – was den Sprung in die Gegenwart ermöglicht. Einmal kommt die Rede auf einen rechtsradikalen Schreihals namens Hitler: eine Witzfigur für die Bonvivants, die sich 1924 in der Tanzlokalen auf der Reeperbahn treffen. „Von dem hören wir nichts mehr!“, glaubt einer zu wissen, „Das ist ein Blindgänger!“ ein anderer. Aus der Geschichte weiß man, dass die Großstädter sich da täuschen – in der Provinz denkt man nämlich anders. In Thüringen etwa erhielt die NSDAP 1924 schon 9,3 Prozent der Stimmen. Aber Thüringen ist weit weg.