Interview

Kultursenator: „Ich kann Klaus-Michael Kühne verstehen“

Kultursenator, Buchautor, Leser: Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD).

Kultursenator, Buchautor, Leser: Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD).

Foto: Michael Rauhe

Carsten Brosda über den Literaturstandort Hamburg, das Harbour Front Festival und informelle Treffen mit Schriftstellern.

Hamburg.  Spätestens, als Carsten Brosda zum unerst-todernsten Musik-Wettkampf gegen Rainer Moritz antrat und dort mit Country- und Songwritersongs gegen den am Schwanenwik favorisierten Schlager zu Felde zog, weiß man: Der Mann ist gerne im Literaturhaus zu Gast. Wobei er als Kultursenator immer auch andere Einladungen hat – in „dieser an Kultur so reichen Stadt“ habe er immer die Wahl, wie er im Abendblatt verrät. Thema des Gesprächs war aber aus Anlass der am 16. Oktober beginnenden Frankfurter Buchmesse vor allem die Literatur. Dass diese dem 45-Jährigen viel bedeutet, verrät unter anderem seine eigene Autorentätigkeit: Unlängst erschien seit Politikstudie „Die Zerstörung: Warum wir für den gesellschaftlichen Zusammenhalt streiten müssen“.

Hamburger Abendblatt: Was lesen Sie zurzeit?

Carsten Brosda: Ich habe gerade angefangen, Amin Nassehis „Muster“ zu lesen, eine Theorie der digitalen Gesellschaft. Noch bin ich aber am Anfang, kann also noch kein fundiertes Urteil abgeben. Außerdem habe ich gerade „Der erste Lehrer“ von Tschingis Aitmatow angefangen, das mir Henning Venske geschenkt hat. Ich liebe es, Bücher auf Empfehlung zu lesen, weil man da gleich mehrfach etwas lernt – auch über die Menschen, die einem wichtig sind. Ansonsten zeigt das auch: Ich lese oft zwei, drei Bücher gleichzeitig. Meistens ein belletristisches Werk und daneben Sachbücher.

Trügt der Eindruck, oder ist Ihnen die Literatur unter den Künsten nach der Popmusik am nächsten?

Brosda: Sie ist mir zumindest sehr nahe. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht gelesen habe. Es gibt natürlich Wellenbewegungen und immer wieder Lebensabschnitte, in denen die Zeit fehlt: unmittelbar nach der Geburt der Kinder etwa, wo man aufgrund von Müdigkeit oft nach zwei Seiten eingeschlafen ist. Es gibt auch Phasen in der Politik, in denen man am Tag so viele Akten gelesen hat, dass man am Abend den eigentlich notwendigen Ausgleich durch einen vernünftig geschriebenen Text nicht mehr hinbekommt.

Man könnte sagen, dass der oberste Kulturbeauftragte einer großen Stadt nicht ganz überraschend auch ein Leser ist. Aber es lesen weniger Menschen als früher. Wie nehmen Sie die Lesekultur in unserer Gesellschaft wahr?

Brosda: Ich bin überzeugt, dass das Buch als Medium erstaunlich robust ist. Digital verflüchtigen wird es sich, wie es momentan 1aussieht, jedenfalls nicht. Nach wie vor wird viel gelesen. Lesen ist ein Urbedürfnis. Ich stelle eher fest, dass viele Menschen im Laufe ihrer Biografie dazu neigen, sich beim Lesen nicht mehr so herausfordern zu lassen, dass sie im Lesen mehr die Zerstreuung als die Anregung suchen. Aber generell suchen viele heute als Ausgleich zum immer schnelleren und hektischeren Medienkonsum des Alltags die bewusste Entschleunigung. Sie findet sich im langsamen Medium des Buches, in dem sich Gedanken entfalten können, durch die wir uns in Geschichten hineinziehen lassen. Es wird auch, was mich bei aller Unübersichtlichkeit positiv stimmt, immer noch wahnsinnig viel publiziert. Man muss sich vor allem anstrengen, das Gute zu finden. Da hilft ein Netzwerk von Freunden, eine ordentliche Rezension in den Medien oder die Buchhandlung.

Nachdem die Kulturpolitik zuletzt mit Buchhandlungspreisen den Buchhandel stärkte, rücken jetzt Verlage in den Mittelpunkt. Wie kann Politik Verlage strukturell unterstützen?

Brosda: Indem man zum Beispiel wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters einen Preis für unabhängige Verlage auslobt. Er wird auf der Frankfurter Buchmesse erstmals vergeben. Hier in Hamburg haben wir seit vielen Jahren den privat finanzierten K. H. Zillmer Verlegerpreis, der einzelne kleinere und unabhängige Verlage in Deutschland, die auch mal Bücher für die Nische machen, für ihre Arbeit auszeichnet. Außerdem haben sich in Hamburg 30 unabhängige Verlage gerade zu LuV – Liste unabhängiger Verlage zusammengeschlossen und planen gemeinsame Aktionen, mit Unterstützung der Kulturbehörde. Darüber hinaus sollten wir aber auch in grundsätzlichere Richtungen denken. Auf der Leipziger Buchmesse hat sich die Kulturministerkonferenz, deren Vorsitzender ich noch bis Jahresende bin, mit Vertretern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und unabhängigen Verlagen unterhalten, wie denn eine andernorts schon praktizierte Programmförderung aussehen könnte.

Stichwort Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit – wollen das die Verlage denn eigentlich?

Brosda: Vorher gab es eine lange Diskussion darüber. Aber mittlerweile sind die Verlage in ihren Überlegungen durchaus an den Punkt gekommen, dass es ökonomisch sinnvoll sein könnte, wenn sie weiter ihre ambitionierten Programme machen möchten. Im Länderkreis reden wir daher derzeit darüber, ob wir eine Förderung hinbekommen. Ob sich alle 16 Länder, also auch die ohne nennenswerte Verlagslandschaft, darüber einig werden, wird sich zeigen. Ich würde es mir wünschen.

Welche Bedeutung hat der Rowohlt-Umzug für Hamburg?

Brosda: Eine Stadt kann nicht genug Verlage haben. Für das literarische Leben Hamburgs ist das Heranrücken des Verlags auch an seine Autoren wichtig. Außerdem bringt sich der neue Verleger Florian Illies in die Debatten der Stadt ein, erst kürzlich saß ich mit ihm auf einem Podium auf der Geburtstagsveranstaltung der Kunsthalle. Ich bin mir sicher, das wird noch mehr werden. Das tut der Stadt gut.

Die nächste Tagung des Schriftstellerverbandes PEN findet 2021 in Hamburg statt – im 100. Jahre des PEN International-Bestehens. Wie kam es dazu?

Brosda: Regula Venske, die in Hamburg lebende Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland, machte den Vorschlag. Mit dem damaligen Bürgermeister Olaf Scholz vereinbarten wir dann, dass wir das gemeinsam wollen. Die Initiative ging von PEN aus, nicht von der Stadt – und wir freuen uns sehr, dass wir diese Tagung bei uns veranstalten können.

Das Harbour Front Literaturfestival geht dieser Tage zu Ende. Es ist seine elfte Ausgabe. Wie sehen Sie die Strahlkraft des Lesefests?

Brosda: Es ist ein Festival, das ganz viel daraus zieht, dass Hamburg so einzigartige Veranstaltungsorte entlang der Elbe hat. Durch die großen Namen macht es die Literatur in Hamburg auch bei denen attraktiv, die sonst vielleicht nicht auf Lesungen gehen. Es ist das große international ausgerichtete Fest, das Hamburg braucht und das nicht nur, um sich als Literaturstandort profilieren zu können. Natürlich gibt es bei Festivals dieser Art Aufs und Abs, was die Besucherresonanz angeht. Natürlich kann man immer dieses oder jenes anders machen. Weiterentwicklung ist bei so einem großen Festival immer wichtig. Aber ich habe mir zu eigen gemacht, derlei nicht über die Zeitung zu kommunizieren, sondern in direkten Gesprächen mit den Veranstaltern.

Geldgeber Klaus-Michael Kühne fordert regelmäßig ein, dass die Stadt genauso viel Geld gibt wie er, also ihr finanzielles Engagement mehr als verdoppelt. In diesem Jahr drohte er unverhohlener als zuletzt mit dem schrittweisen Rückzug, brachte ein finanzielles Engagement etwa von der Hafenwirtschaft ins Spiel, appellierte aber einmal mehr vor allem an die Stadt. Was halten Sie davon?

Brosda: In diesem Jahr gab es in meiner Wahrnehmung eine qualitativ andere Ankündigung als bisher. Ich habe Klaus-Michael Kühne so verstanden, dass er sein finanzielles Engagement 2020 tatsächlich reduzieren will, was ich bedauern würde. Es gibt in der Stadt bei ganz vielen Projekten und Institutionen verschiedene Verhältnisse, was die Aufteilung der Finanzierung zwischen Privaten und der öffentlichen Hand angeht. Ich verstehe Herrn Kühne, wenn er sich in Bezug auf das Festival finanzielle Augenhöhe wünscht. Aber diese Logik kann sich die Stadt nur schwer zu eigen machen, weil es oft umgekehrt ist und wir ja auch nicht nur fördern, wenn Private die Hälfte dazugeben. Es muss jeweils klappen, das ist wichtig. Im konkreten Fall würde es vor allem bedeuten, dass das Geld dann an anderer Stelle, für andere Literaturbelange, fehlen würde. Umschichten innerhalb eines Gesamtkonstruktes ist also schlicht keine Alternative. Ich hoffe, dass Herr Kühne auch von anderen so verstanden wurde, dass er durchaus auch andere Wirtschaftsakteure in der Pflicht sieht. Wir als Stadt werden unseren substanziellen Beitrag weiter leisten, das ist sicher. Wenn es notwendig sein wollte, werden wir mit den Festivalmachern ins Gespräch darüber gehen, wie andere Finanziers gewonnen werden können.

Was tut die Kulturbehörde dafür, jemanden wie Kühne bei der Stange zu halten oder andere Sponsoren einzuwerben?

Brosda: Die Einwerbung ist ein normaler Vorgang. Man muss auch sagen, dass Herr Kühne das Festival jetzt schon sehr lange fördert. Oft sind wir über drei Jahre froh, die sich ein Geldgeber verpflichtet, er macht es seit über zehn. Eine erstaunlich lange Strecke. Bei Veranstaltungen mit hohem privaten Finanzierungsbedarf muss man regelmäßig neu schauen. Was das Fundraising grundsätzlich angeht, haben wir hier in der Behörde eine Kollegin, die Kulturveranstalter bei der Konzeption und der Ansprache berät und unterstützt. Zum Beispiel wie man einzelne Teilbereiche für Sponsoren attraktiv machen kann. Es kann vorkommen, dass ich dann auch noch einmal zum Telefonhörer greife, um einen möglichen Förderer zu überzeugen. Obwohl man dabei den Einfluss der Stadt auch nie überschätzen darf.

Der wichtigste Literaturvermittler in der Stadt, das Literaturhaus, wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Als Nicht-Performance-Anstalt braucht es wesentlich weniger institutionelle Förderung als Theater oder Orchester. Sind Sie deswegen so gerne am Schwanenwik?

Brosda: Na ja, eigentlich war es so, dass man sich da lange kaum hintrauen konnte, weil die Förderung so lange nicht erhöht wurde. Zuletzt haben wir das Budget endlich deutlich erhöhen können, nach mehr als zwei Jahrzehnten. Unabhängig davon bin ich da aber gerne, weil ich den Ort und die Stimmung mag. Rainer Moritz bekommt es mit seinem Team hin, eine sehr angenehme Atmosphäre zu schaffen, die frei von jeglichem Dünkel ist.

Welche Herausforderungen sehen Sie für das Literaturhaus?

Brosda: Baulich ist die Modernisierung noch nicht abgeschlossen, da müssen wir sehen, wie wir den Großen Saal hinbekommen. Darüber hinaus darf sich auch das Literaturhaus weiterhin nicht selbst genug sein mit seinem Stammpublikum. Das Programm ist aktuell so gestaltet, dass zwischen Schlagerabend und philosophischer Diskussion eine große Bandbreite abgedeckt wird. Diese Attraktivität muss das Haus beibehalten. Die vielleicht größere Herausforderung ist aber: Wie mache ich das Literaturhaus auch künftig in Kreisen bekannt, die nicht natürlicherweise ins Literaturhaus gehen? Es geht auch um das Informieren über das literarische Leben in der Stadt. Das wird seit einiger Zeit im Literaturhaus als literarischem Knotenpunkt der Stadt gebündelt. Und es geht ganz grundsätzlich auch im Literaturhaus darum, wie man junge Menschen ans Lesen heranführt. Und das funktioniert heute natürlich anders als vor 30 Jahren.

Der Literaturkalender in Hamburg ist ziemlich dick geworden. Auch, weil das Harbour Front Festival neben einer Kernzeit noch diverse Nachspiele gibt. Könnte eine Übersättigung drohen, oder kann es aus Ihrer Sicht nicht genug Lesungen geben?

Brosda: Normativ kann es nicht genug Lesungen geben, empirisch aber schon, wenn es dem Publikum zu viel wird. Wenn letzteres so wäre, halte ich alle Handelnden für klug genug, gegenzusteuern. Ich habe jedoch das Gefühl, dass die Sorge oft erstaunlich unbegründet ist, dass zu viel Konkurrenz schädlich sein könnte. Nach der Eröffnung der Elbphilharmonie ist die Laeiszhalle eben nicht aus der Mode gekommen. Im Gegenteil: Das Konzertpublikum hat sich insgesamt verdreifacht. Das Angebot ist einfach gut. Das Interesse an Klassik geht übrigens nicht zulasten anderer Kulturangebote. Auch das ist ein Argument für die These: Es gibt kein Zuviel. Die Leute nehmen insgesamt mehr Kultur wahr. In Hamburg haben wir, was das Kulturangebot angeht, Luft nach oben. Da geht noch mehr. Ich nehme schon länger freudig überrascht zur Kenntnis, dass alle Kultureinrichtungen nach dem Auftauchen des neuen Akteurs Elbphilharmonie die Qualität der eigenen Programme noch attraktiver gestalten wollen.

An welchen Stellschrauben hat die Kulturbehörde zuletzt gedreht, was plant sie künftig im literarischen Feld?

Brosda: Wir haben die Hamburger Literaturpreise reformiert. Unter anderem vergeben wir künftig auch einen Preis für das Hamburger Buch des Jahres und zeichnen auch Comics sowie Kinder- und Jugendliteratur aus. Der „Ziegel“, unser Jahrbuch für Hamburger Literatur, hat einen neuen Verlag und ein neues Erscheinungsbild bekommen. Wir arbeiten daran, eine norddeutsche Literaturplattform für das Internet zu entwickeln und planen auch Workshops zum Austausch für Hamburger Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Außerdem ist eine „Read Parade“ durch die Innenstadt angedacht, die der Literaturszene mehr Sichtbarkeit verschaffen soll. Da sollen nach Möglichkeit alle Hamburger Literaturinitiativen eingebunden werden.

Wären darüber hinaus Schriftstellerresidenzen und/oder ein Siegfried-Lenz-Haus Dinge, die der Literaturstadt Hamburg ein noch schärferes Profil geben könnten?

Brosda: Was Residenzen angeht, gibt es Überlegungen. Auch mit Lenz kann man in der Stadt sicherlich noch mehr machen als aktuell. Da müssen wir zunächst ausloten, ob die Stiftung und der Hoffmann und Campe Verlag mit im Boot wären.

Ich habe gehört, dass Sie bereits zwei Mal informelle Treffen mit Hamburger Autorinnen und Autoren in der Oberhafenkantine hatten. Was kam dabei herum?

Brosda: Wir hatten Lust, einen anregenden Abend zu verbringen, aus dem wir schlauer herausgehen. Das kam dann auch so. Wir haben über alles geredet: Wie wohnt man als Kreativer in der Stadt, wer arbeitet an welchen Projekten, wie führt man junge Menschen ans Lesen heran, was kann man gegen den Druck von rechts auf die Kunst tun. Es gab keine Agenda. Getroffen, gegessen, geredet, wie in der guten, alten Zeit, bin ich fast geneigt zu sagen. Die Terminsuche ist nie leicht, aber wir werden das wiederholen.