Literatur

Nobles Duo: Peter Handke und Olga Tokarczuk

Peter Handke und Olga Tokarczuk

Peter Handke und Olga Tokarczuk

Foto: dpa

Ein Österreicher und eine Polin erhalten für 2018 und 2019 die höchste Literaturauszeichnung, die im vergangenen Jahr ausfiel.

Ist Peter Handke eine komplizierte Wahl, zumal in dem Jahr, in dem sich der Nobelpreis für Literatur erst wieder berappeln muss? Dem Österreicher wurde die Auszeichnung für 2019 zuerkannt, Olga Tokarczuk diejenige für 2018 (siehe nebenstehender Text). Nach dem peinlichen und peinvollen Skandal um das mittlerweile ausgetretene Akademie-Mitglied Katarina Frostenson und ihren Ehemann Jean-Claude Arnault war die Schwedische Akademie in eine so tiefe Krise geraten, dass auf eine Vergabe im vergangenen Jahr verzichtet wurde; deshalb nun die Doppelkür.

Also, ist Handke ein würdiger Preisträger? Nach literarischen Maßstäben zweifellos. Das Werk des 1942 geborenen Sohnes einer Kärntner Slowenin und eines Deutschen, der im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtssoldat in Kärnten stationiert war, ist eines der reichhaltigsten der Gegenwartsliteratur. Handke ist Romancier, Dramatiker, Lyriker, Übersetzer. Außerdem hat er Dreh- und Hörbücher verfasst und kulturgeschichtliche Betrachtungen. Jeder Abiturient sollte von Titeln wie „Publikumsbeschimpfung“ (Handkes bekanntestes Bühnenstück, 1966) und „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (sein bekanntestes Erzählwerk, 1970) zumindest schon mal gehört haben. Zu Recht gilt der „frühe Handke“ – bei einer seit fünfeinhalb Jahrzehnten währenden Schriftstellerkarriere ist dieser Teil des Werks tatsächlich lange her – als der bei Weitem zugänglichste.

Mutwillige Zerstörung des eigenen Ansehens?

„Wunschloses Unglück“, Handkes (auto-)biografisches Werk über seine Mutter, die sich 1971 das Leben nahm, ist ein zeitlos schönes Stück Literatur. Handke wurde damals, in den Siebzigerjahren, zu den Vertretern der sogenannten Neuen Subjektivität gezählt. Was nichts anderes hieß, dass der Blick auf das Persönliche das ewige Politisieren der Gesellschaftserneuer von 68 und danach ablöste.

Wer wollte, konnte dann, Jahrzehnte später, eine Ironie darin erkennen, dass Handke sich mit genuin politischen Ansichten so deutlich ins Abseits stellte, dass man kurzweilig eine mutwillige, irrlichternde Zerstörung des eigenen Ansehens vermutete. 1996, die Jugoslawienkriege hielten Europa in Atem, bezog Handke eine proserbische Position. Die er nach der Veröffentlichung seines Buchs „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ nicht mehr verließ. 2006 hielt er bei der Beerdigung Slobodan Miloševićs eine Grabrede, und nach etlichen Kapiteln der Debatte um Preisverzichte oder die Freiheit der Kunst darf man wohl sagen: Bei Handke fällt den meisten heute auch umgehend Jugoslawien ein.

Politisch fragwürdige Texte

Man darf nun auch spekulieren, ob er mit seinen moralisch klar anfechtbaren und politisch fragwürdigen Texten selbst dafür sorgte, dass er beim Literaturnobelpreis lange übergangen wurde. Wenn dem so wäre, dann wäre für die Schwedische Akademie Handkes Sündenfall jetzt verjährt. Vielleicht hat sie aber, nun in neuer Besetzung, auch schlicht den direktesten Weg gewählt, um das dichterische Werk selbst in den Mittelpunkt zu rücken. Und die Poesie von der Politik zu trennen.

Handke habe „mit linguistischem Einfallsreichtum die Peripherie und die Spezifität der menschlichen Erfahrung erforscht“, begründet die Akademie die Wahl. Mit dem linguistischen Einfallsreichtum ist die sprachverliebte, langsame, immer originelle und sich manchmal absichtsvoll gegen den unmittelbaren Zugriff verschließende Prosa eines Sprachästheten gemeint. Eines Sprachästheten, der, um eine Redewendung zu benutzen, die Handke selbst nicht einmal denken würde, zuletzt das einzige „heiße Eisen“ des deutschen Sprachraums im Nobel-Feuer gewesen sein dürfte. Seine Auszeichnung wird Germanisten in der ganzen Welt freuen.


Die Entscheidungen der Nobelpreis-Jury, die gleichbedeutend mit der Schwedischen Akademie ist, waren für viele Beobachter schon immer unergründlich. Nur uninteressant waren sie nie. In diesem Jahr des Nobelpreis-Doppels durfte man gleich doppelt gespannt auf die parallele Ausrufung sein. Aber wer hätte vorher die Kombi-Wette Peter Handke/Olga Tokarczuk platziert? Zwei Europäer zu ehren, wo doch kontinentale Diversität eine sehr gegenwärtige Idee gewesen wäre, das konnte man durchaus eine kleine Überraschung nennen. Die Geschlechterfrage wurde paritätisch beantwortet, das dann doch.

Olga Tokarczuk, die sich künftig die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2018 nennen darf (aber wahrscheinlich immer mit dem Gedanken an 2019 die Sektkorken knallen lässt), ist in gewisser Weise eine ideale Preisträgerin. Sie repräsentiert all diejenigen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die durch den Nobelpreis überhaupt erst größere Bekanntheit jenseits ihres Heimatlandes erlangen. Tokarczuk, 1962 in Sulechów in Westpolen geboren, ist die erste polnische Preisträgerin seit Wisława Szymborska im Jahr 1996. In ihrer Heimat zählt sie zu den viel gelesenen Gegenwartsautorinnen. Und zu den von den Mächtigen geschmähten: Rechtskonservative und regierungstreue Medien nehmen Tokarczuk, die etwa die Fremdenfeindlichkeit in Polen und den Umgang mit Regierungskritikern anprangert, regelmäßig unter Beschuss.

Beleg für die Kraft des Nobelpreises

Die Symbolik, die die Verleihung an eine bisweilen Verfemte zu entfalten vermag – Tokarczuk berichtete in der Vergangenheit auch von Morddrohungen –, war stets ein Beleg für die Kraft des Nobelpreises. Insofern schon mal: keine Einwände. Das betrifft freilich auch die Themen ihres Werks. Das wichtigste Buch der studierten Psychologin ist jetzt im Zürcher Kampa-Verlag auf Deutsch erschienen: das knapp 1200 Seiten lange „Die Jakobsbücher“. Ein Historienroman, der von der historischen Figur des Jakob Frank inspiriert ist, der im 19. Jahrhundert lebte, als „Luther der Juden“ galt, zum Islam und Katholizismus konvertierte und durch Mitteleuropa zog. Man kann dieses Buch im Kontext der modernen Migrationen lesen, im Original erschien es 2014. Die Jury nahm in ihrer Begründung explizit auf „Die Jakobsbücher“ Bezug: In dem Werk zeige sich die Fähigkeit der Literatur, etwas zu erfassen, das fast über das menschliche Verstehen hinausgehe.

Im vergangenen Jahr erhielt die Schriftstellerin für „Unrast“ den Booker Prize, wodurch sie im englischen Sprachraum breiter rezipiert wurde. Auf Deutsch war das von 2008 stammende Reisebuch bereits 2009 erschienen, in dem es um Menschen als Wesen der permanenten Bewegung geht. Ein Text voller Geschichten, von einer sprachmächtigen Erzählerin. Daniel Kampa, ihr aktueller Verleger im deutschsprachigen Raum, bezeichnete Tokarczuk als eine Autorin, „die der Welt guttut“, was in seiner Allgemeinheit schon wieder entwaffnend ist. Außerdem sagte Kampa: „Poetisch, politisch, realistisch, mythisch, philosophisch, märchenhaft – Tokarczuks Geschichten beleuchten die zahllosen Facetten des menschlichen Daseins, ob in Gegenwart oder Historie.“

Spuren im Unterbewusstsein

Das Nobelkomitee hob außerdem Tokarczuk Prosawerk „Taghaus, Nachthaus“ (1998, auf Deutsch 2001) hervor, in dem die Geschichte eines Dorfes in Niederschlesien erzählt wird: Es ist das Grenzland zwischen Polen und Tschechien, das Geschichten gebiert und im Unterbewussten seine Spuren hinterlässt. Der Kampa Verlag will die bislang auf Deutsch erschienen Bücher Olga Tokarczuk schnellstmöglich wieder lieferbar machen; ihr bislang jüngstes, in Polen gerade publiziertes Werk soll 2020 erscheinen. Es gilt, eine große europäische Autorin zu entdecken.