Leseförderung

„Jeder fünfte Viertklässler kann nicht sinnentnehmend lesen"

Ein Bild, das immer seltener wird: Rücken an Rücken tauchen zwei Freundinnen auf einer Bank ein in die Welt der Bücher.

Ein Bild, das immer seltener wird: Rücken an Rücken tauchen zwei Freundinnen auf einer Bank ein in die Welt der Bücher.

Foto: imago/imagebroker

Alexander Skipis, Chef vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, fordert ein gesellschaftliches Bündnis für das Lesen.

Hamburg.  Die Krise ist da, es gibt kein Vertun: Die althergebrachte Kulturtechnik des Bücher-Lesens verliert ihre Anhänger. Das schlug sich zuletzt auch in einem Rückgang der Buchkäufer nieder. Das Literaturhaus lädt zu einer dreiteiligen Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Welche Zukunft hat das Lesen“. Das Abendblatt sprach vorab mit Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Er wird am Abschlussabend zu Gast sein.

Muss man sich Sorgen um die Zukunft des Lesens machen?

Alexander Skipis Die Studie „Buchkäufer – quo vadis?“, die der Börsenverein im letzten Jahr durchgeführt hat, hat gezeigt, dass die Menschen das Lesen sehr schätzen. Sie wollen gern mehr lesen, finden aber nicht mehr zum Buch: Weil ihnen die Orientierung fehlt, weil sie zu wenig Zeit haben oder durch Social Media abgelenkt werden. Um die Zukunft des Lesens per se muss man sich nicht sorgen. Die Buchbranche hat aber die Aufgabe, neue Brücken zwischen Büchern und Lesern zu bauen.

Zuletzt versetzte die Zahl von sechs Millionen verlorenen Buchkäufern die Branche in Aufregung. Wie optimistisch sind Sie, dass der Verlust an Lesern nicht nur aufzuhalten, sondern auch umzukehren ist?

Ich bin tatsächlich optimistisch. Die Ergebnisse der Buchkäufer-Studie haben zu einem Wendepunkt in der Branche geführt. Verlage und Buchhandlungen haben erkannt, dass sie die Kunden stärker in den Fokus nehmen müssen. Das zahlt sich aus: Letztes Jahr haben wir 300.000 Buchkäufer zurückgewonnen, das ist der erste Zuwachs seit 2012. Erfreulicherweise zeigt die Altersgruppe der 20- bis 49-Jährigen, aus der in den Vorjahren besonders viele Käufer abgewandert sind, die größten Zuwächse.

Was wissen Sie über das geänderte Freizeitverhalten der verlorenen Kunden? Um das Motto des Abends zu zitieren, dem Sie im Oktober beiwohnen: „Where have all the readers gone?“

Dazu haben wir aus den Befragungen ziemlich eindeutige Erkenntnisse gewonnen. Die Omnipräsenz digitaler Medien hat den Druck auf die Menschen und ihr Zeitbudget enorm erhöht. Die Always-on-Mentalität führt dazu, dass sie sich gehetzt fühlen und ihre Aufmerksamkeitsspanne sich stark verkürzt. In der Folge orientieren sie sich an Medienangeboten, die sie vor allem als bequem empfinden. Sie nutzen nicht weniger Medien als früher, aber große Teile des Medienkonsums haben sich ins Internet verschoben. Statt ein Buch zu lesen, schauen sie häufiger Serien bei Netflix, nutzen Facebook oder Online-Games.

Buchhandlungen sind zuletzt durch Initiativen wie dem Deutschen Buchhandlungspreis oder dem Hamburger Buchhandlungspreis gestärkt worden. Wie nehmen Sie die Stimmung in den Buchhandlungen wahr?

Die Stimmung ist positiv-zukunftsgewandt. Der Buchhandel ist sich bewusst, was er den Kunden heute bieten muss: einen perfekten Online-Service kombiniert mit dem, was ihn vom reinen Online-Handel unterscheidet, also seine Beratungsqualität sowie einen Ort der Kultur, des Austausches und der gesellschaftlichen Debatte. Die Auszeichnungen vor allem durch den von der Kulturstaatsministerin ausgerufenen Deutschen Buchhandlungspreis zeigen, dass auch die Politik anerkennt, welche wichtige Rolle Buchhandlungen in unserer Gesellschaft spielen.

Gibt es derzeit noch Neugründungen von Buchhandlungen in nennenswerter Zahl?

Jedes Jahr werden in Deutschland rund 40 bis 50 Buchhandlungen neu gegründet. Insgesamt ist die Zahl aber rückläufig. Es gibt heute rund 6000 Buchhandlungen, vor 20 Jahren waren es sicherlich noch 1000 bis 2000 mehr. Nichtsdestotrotz verfügt Deutschland über ein im internationalen Vergleich vorbildliches Buchhandelsnetz. Und der Sortimentsbuchhandel ist nach wie vor der stärkste Vertriebsweg: Rund die Hälfte des Umsatzes wird im Handel vor Ort gemacht.

Wird in Schulen und Universitäten das Richtige getan, um bei der jungen Zielgruppe Leselust zu wecken?

Es gibt viele tolle Initiativen zur Leseförderung, etliche davon führen wir selbst zusammen mit Buchhandlungen und Verlagen durch. Ein großes Problem ist aber die hohe Zahl derjenigen, die nicht richtig lesen können und die wir mit solchen Aktionen gar nicht erreichen. Die IGLU-Studie, eine internationale Untersuchung zur Lesefähigkeit von Grundschülern, stellt Deutschland ein desas­tröses Zeugnis aus. Jeder fünfte Viertklässler kann nicht sinnentnehmend lesen, außerdem gibt es kein Land, bei dem Lesekompetenz so stark mit der sozialen Herkunft verbunden ist wie Deutschland. Hier gibt es großen Handlungsbedarf für die Bildungspolitik: Wir brauchen einen Lesepakt für Deutschland – eine bundesweite Strategie zur Leseförderung und letztlich mehr Mittel für Fördermaßnahmen, Schulbibliotheken und für die Ausbildung von Lehrern.

In der Stavanger-Erklärung zur Zukunft des Lesens haben 130 europäische Leseforscher empfohlen, Schüler weiter zum Lesen gedruckter Bücher zu motivieren, weil Informationstexte auf gedrucktem Papier besser rezipiert werden als am Bildschirm. Inwieweit ist das für Sie von Interesse?

Die Leseforschung ist ein außerordentlich wichtiger Bereich. Wenn wir verstehen, wie sich das Leseverhalten verändert und wie Menschen heute lesen, können wir entsprechende Angebote machen – oder auch gegensteuern.

Was kann der Börsenverein, sieht man vom Deutschen Buchpreis oder dem Vorlesewettbewerb für Kinder ab, grundsätzlich tun, um die Lesekultur zu fördern?

Wir organisieren eine ganze Reihe von Leseförderungs- und Literaturvermittlungs-Projekten, etwa die Lesetüte, den Welttag des Buches oder das Gütesiegel Buchkindergarten. Dem Deutschen Buchpreis stellen wir mit dem Deutschen Sachbuchpreis ab nächstem Jahr ein Pendant an die Seite. Außerdem betreiben wir auf der politischen Ebene auch intensiv Lobbying für das Lesen und das Buch, etwa mit der Hamburger Erklärung, die wir mit der Autorin Kirsten Boie in Politik und Öffentlichkeit getragen haben. Leseförderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Braucht es eine gemeinsame Kampagne von Bildungseinrichtungen, Literaturhäusern, Verlagen und Buchhandlungen?

Ja, und zwar dringend. Mit der Initiative der Buchbranche „JETZT EIN BUCH!“ machen wir bereits gemeinsam mit Buchhandlungen und Verlagen Lust auf Bücher und das Lesen. Darüber hinaus brauchen wir eine bundesweite Bewegung zur Förderung der Lesekompetenz. Die Ergebnisse der IGLU-Studie dürfen wir nicht so hinnehmen. Leseförderung muss von einem breiten Bündnis getragen werden. In ihm muss der Buchhandel genauso vertreten sein wie Eltern Lehrer, Unternehmen und Verbände.

„Welche Zukunft hat das Lesen? (1)“ mit Arthur M. Jacobs, Kirsten Boie und Lothar Müller Di 27.8., 19.30 Uhr, Literaturhaus. Jürgen Kaube, Jöran Muuß-Merholz und Sabine Uehlein am 24.9. Sandra Kegel, Ute Schneider und Alexander Skipis am 29.10.