Hamburg

Florian Illies: Das ist mein Lieblingsbild in der Kunsthalle

Rowohlt-Chef und Autor Florian Illies.

Rowohlt-Chef und Autor Florian Illies.

Foto: Andreas Laible

Zum 150. Geburtstag der Hamburger Kunsthalle: Rowohlt-Chef und Bestsellerautor Florian Illies über seinen persönlichen Superstar.

Florian Illies ist Kunstliebhaber. Da trifft es sich, dass sein Verlag erst kürzlich in die Nachbarschaft der Kunsthalle zog. Dort nämlich hat er einen Favoriten.


Mein Lieblingsbild in der Hamburger Kunsthalle? Ich könnte Dutzende nennen, die mir in den Sinn kommen, wenn ich die Augen schließe. Es sind vor allem die deutschen Maler des 19. Jahrhunderts, die sehr viele meiner Hamburger Lieblingsbilder gemalt haben: die wildwütigen Charlotte-Bildnisse von Corinth etwa, die metallisch-kühlen Italienstudien von Heinrich Reinhold, Runges warmherzige „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ mit seiner floralen Fantastik, Adolf Menzels unheimliche Atelierwand mit ihrem flackernden Albtraumlicht oder der kleine Holunderstrauch von Christian Friedrich Gille, ein einziges grün-braunes All-over-Gestrüpp. Es sind immer Gemälde, die aus den fernen Tiefen kommen und doch schon hineinreichen in die Gegenwart unserer Empfindungen. Und genau das kann ein Künstler besser als alle anderen: Caspar David Friedrich Superstar.

Die Hamburger Kunsthalle verfügt über einen wunderbar breiten und großen Bestand an Werken dieses zugleich eigentümlichsten wie berühmtesten Künstlers des 19. Jahrhunderts. Wer den Zug nimmt von Dresden nach Hamburg, diesen herrlich langsam fahrenden Intercity aus alten Zeiten, und zwischendurch Palatschinken isst und Knödel, der kann an einem Tag, wenn er sich sputet, morgens in Dresden Friedrichs „Großes Gehege“ sehen, mittags in Berlin dann den „Mönch am Meer“, um dann nachmittags in Hamburg zur Krönung den „Wanderer über dem Nebelmeer“ zu besuchen und das „Eismeer“. Das sind die zwei berühmtesten Friedrichs der Kunsthalle, das mythische Bild über die Rolle des Menschen in der Natur einerseits und zum anderen das über die apokalyptische Schönheit des Eises.

Ein kaum bekanntes Bild von Friedrich ist mir ans Herz gewachsen

Mir aber ist über die Jahrzehnte, in denen ich die Kunst des 19. Jahrhunderts erst still und dann immer leidenschaftlicher liebe, ein ganz kleines und kaum bekanntes Bild von Friedrich noch mehr ans Herz gewachsen. Es trägt den Titel „Ziehende Wolken“, ist nur 18 mal 24 Zentimeter klein – und enthält doch die ganze Welt.

Es ist ein quer gestreiftes Bild: Oben scheinen, einem Vorhang gleich, die Wolken zu stehen, dahinter in einer zweiten, weiter entfernten Ebene verziehen sich gerade die Regenwolken nach einem Gewitter, hinter ihnen die Berge, vor ihnen der Streifen sattes Grün, ganz vorne der Wall düsterer Steine. Was wie ein vor Ort gemalter Natureindruck von größter Prägnanz wirkt, ist, wie immer bei Friedrich, eine Mischung aus Erinnerung und Fantasie. In einem Brief aus dem Jahre 1820 nennt er das Bildchen „Erinnerung an den Brocken von der Höhe“, die Harzreise, auf der die vorbereitenden Studien entstanden, unternahm er 1810. In zehn Jahren haben sich also in Friedrichs Kopf die Nebel gelichtet. Und verdichtet. Die Wolken verzogen. Und zusammengeballt. Der Wind scheint von links zu kommen und weiter hinten von rechts. Ein großes Hin und Her. Sehr viele Ebenen. Was also sehen wir hier? Ich glaube, wir sehen mitten hinein in Caspar David Friedrichs Kopf.

Für Caspar David Friedrich sind Wolken Lebewesen

Er nimmt das Bild der Natur, um in sich hineinzuschauen mit seinem inneren Auge, er malt den Nebel und die Wolken, und eigentlich erzählt er vom Wesen des Menschen. Von der Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit in unser aller Köpfen, von den vielen Dingen, die im selben Moment geschehen und gedacht werden und verarbeitet werden müssen und die doch oft nicht in dieselbe Richtung gehen. Die oft noch nebulös sind. Die widerstreitenden Dynamiken eines undurchschaubaren Wetterwechsels im Gebirge wird für Friedrich zu einem Symbolbild für das, was wir heute Multitasking nennen.

Wolken sind für Friedrich nicht einfach Wolken. Deshalb sagte er Goethe ab, der ihn gebeten hatte, die verschiedenen Wolkenformen wissenschaftlich in Öl auf Leinwand zu dokumentieren. Für Friedrich sind Wolken Lebewesen. Sie stehen auf diesem Bild auch für den Einzug von Bewegung in die Landschaftsmalerei. Und sie spiegeln – wie es sein Freund und Malerkollege Carl Gustav Carus formulierte – mustergültig die seelischen Gemütszustände: „Wie ziehende Wolken im steten Wandel begriffen, so die inneren Zustände des Menschen. Alles, was in seiner Brust widerklingt, ein Erhellen und Verfinstern, ein Entwickeln und Auflösen, ein Bilden und Zerstören, alles schwebt in den Gebilden der Wolkenregionen vor unseren Sinnen.“

Wenn wir neumodischen Gemüter also täglich hören, dass uns nur das Meditieren helfen könne gegen das Gewitter der Erwartungen und die digitale Überforderung des „stetigen Wandels“, dann sollten wir uns an dieses kleine Bild erinnern. Denn dass man die Gedanken kommen und gehen lassen solle wie Wolken, das kann man von niemandem so gut lernen wie vom größten deutschen Meditationskünstler Caspar David Friedrich.

Das Jubiläum der Hamburger Kunsthalle

Die Hamburger Kunsthalle wird in diesem Jahr 150 Jahre alt. Erinnert wird an das Jubiläum das ganze Jahr, nachdrücklich gefeiert aber besonders in drei Wochen.

Am Sonnabend, 31.8., und Sonntag, 1.9., können Interessierte bei freiem Eintritt die Kunsthalle erleben: mit Führungen, Lesungen, Filmen und Party. Am 31.8. (14 Uhr) treffen dort u. a. Kunsthallenchef Alexander Klar, Kultursenator Carsten Brosda und Florian Illies zum Podiumsgespräch aufeinander. Weitere Infos: www.hamburger-kunsthalle.de

Der Autor

Florian Illies, Jahrgang 1971, begann seine Karriere bei der „FAZ“. Er schrieb Bestseller wie „Generation Golf“ und „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“. 2011 wechselte er als Kunsthändler zur Villa Grisebach nach Berlin. Seit 2017 ist er einer von fünf Herausgebern der „Zeit“, seit 2019 verlegerischer Geschäftsführer bei Rowohlt.