Interview

Florian Illies: „Bücher brauchen keinen Denkmalschutz“

Verleger Florian Illies an seiner neuen Wirkungsstätte: den Räumlichkeiten des Rowohlt Verlages im Bieberhaus.

Verleger Florian Illies an seiner neuen Wirkungsstätte: den Räumlichkeiten des Rowohlt Verlages im Bieberhaus.

Foto: Andreas Laible

Mit seinem neuen Verleger, Bestsellerautor Florian Illies, zieht der Rowohlt Verlag von Reinbek nach Hamburg. Ein Gespräch.

Hamburg.  Es sieht so idyllisch aus wie immer. Nur dass beim Rowohlt-Verlag in Reinbek Umzugswagen stehen und Umzugskisten, die in ebenjene gehievt werden. Am 15. März schließen hier die Tore, und drei Tage später geht es in Hamburg weiter. Rowohlt schlägt mit dem Umzug ins Bieberhaus am Hauptbahnhof ein neues Kapitel seiner Verlagsgeschichte auf. Mit einem neuen Verleger an der Spitze dieser so traditionsreichen literarischen Unternehmung: Seit vergangenem November verantwortet Florian Illies (47) die Geschäfte. Die Personalie sorgte zunächst für einigen Unmut nicht zuletzt bei den Rowohlt-Autoren. Illies’ hochangesehene Vorgängerin Barbara Laugwitz musste trotz guter Zahlen gehen.

Wie ist es Ihnen in den ersten Monaten bei Rowohlt ergangen?

Gut! Ich bin froh, wie offen mich der ganze Verlag aufgenommen hat. Und ich bin dankbar, die besondere Atmosphäre des Verlagsgebäudes in Reinbek noch eingeatmet zu haben. Da hat architektonisch die alte Bundesrepublik überlebt – und zugleich entstanden genau dort, inmitten der mächtigen Buchen des Sachsenwaldes, Bücher von größter Internationalität und Modernität. Nun wandert diese Rowohltkultur aus Reinbek wieder nach Hamburg, dort, wo der Verlag schon einmal saß, so wie er auch schon in Berlin war und in Leipzig. An den ersten Ort sandte Franz Kafka sein erstes Manuskript, an den anderen Hemingway und Fallada – und hier in Reinbek spielte Henry Miller mit Heinrich Maria Ledig Rowohlt monatelang Tischtennis. Dieses Ping Pong zwischen den Zeiten, den Kontinenten, den Genres, das ist ein fester Teil der DNA von Rowohlt.

Sie folgen bei Rowohlt auf Barbara Laugwitz. Nach all den Turbulenzen um diesen Wechsel – wie sind Sie von den Rowohlt-Leuten aufgenommen worden?

Sehr positiv. Ich habe vom ersten Tag an erlebt, dass die Mitarbeiter die beiden Vorgänge voneinander trennen – auf der einen Seite der Weggang von Barbara Laugwitz, auf der anderen die Personalie Florian Illies. Ich bin außerordentlich offen aufgenommen worden.

Wie haben Sie die Protestnote der Rowohlt-Autoren gegen die Laugwitz-Ablösung wahrgenommen?

Sie entsprach unbedingt dem Rowohlt-Geist. In diesem Verlag besteht eine enge Beziehung zu den Autoren – in allen Abteilungen. Ich habe die Protestnote als Akt der Solidarität mit einer geschätzten Verlegerin betrachtet. Seither führen meine Kollegen und ich viele Gespräche mit Autorinnen und Autoren, und ich hoffe sehr, dass es mir gelingt, ihr Vertrauen zu gewinnen und den Zusammenhalt der Rowohlt-Familie zu stärken.

Sie sprachen vom Rowohlt-Geist. Was verbinden Sie noch mit dem Verlag?

Rowohlt hat es immer verstanden, ungewöhnliche Dinge auf selbstverständliche Weise nebeneinander existieren zu lassen. Neben hanseatischer Noblesse und der Abwesenheit von Dünkel...

... schließen die sich tatsächlich immer aus?

(lacht) Ja, sehen Sie, bei Rowohlt geht das ganz offensichtlich. Noblesse kann sich auch darin ausdrücken, was man für seine Autoren tut. Und Dünkel schließt sich aus, wenn man seit 111 Jahren weiß, dass Verlegen heißt, alle Gruppen von Lesern anzusprechen. Zu Rowohlt gehört für mich auch eine Bereitschaft zur permanenter Erneuerung und Veränderung – auch in technischer Hinsicht, etwa Rowohlts Rotationsromane, die im Namen rororo bis heute weiterleben.

Was bedeutet nun der Umzug zurück nach Hamburg, in die Innenstadt?

Vor dem Fenster der Kolleginnen und Kollegen, wo bis diese Woche ein Apfelbaum stand, steht jetzt ein Hauptbahnhof. Das ist nicht nur akustisch eine Veränderung…. Aber ich bin begeistert, dass sich der ganze Umzug im Verlag ohne Melancholie und Nostalgie vollzieht. Im Gegenteil herrscht, zumindest nach norddeutschen Maßstäben, geradezu Euphorie. Sie freuen sich auf den neuen Standort. Literatur ist einerseits unabhängig von dem Ort, an dem sie entsteht. Andererseits kann ein Verlagsort unterschwellig eben doch die Texte beeinflussen, die dort erscheinen. Insofern ist der Umzug eine Chance, sich an einem völlig anderem Ort zu verändern, zu wachsen Das Arbeiten wird im Bieberhaus anders sein. Ob man in der großen Stadt nun schnellere, rauere, hektischere Romane macht? Vielleicht ja auch genau das Gegenteil, weil man spürt, wie wichtig für die Menschen, die in der schnellen, lauten Wirklichkeit leben, die stillen Bücher sind. Das kann man nicht vorher wissen – das ist ja das Aufregende von Veränderungen.

Ist Rowohlt Ihre bislang größte Herausforderung?

Ja! Aber nicht nur die Leber wächst mit ihren Aufgaben. Eine Herausforderung ist das Verlegen vor allem, auch wegen des Verlustes von sechs Millionen Lesern über die vergangenen Jahre – und dem Aufmerksamkeitsstaubsauger Handy und der gesamten veränderten Lesegewohnheit durch die Digitalisierung.

Die Lesekultur befindet sich in der Krise. Mit welcher Medizin lässt sich die literarische Depression kurieren?

Erst einmal: Die Literaturbranche ist gefühlt immer in der Krise – also ungefähr seit dem Beginn des Buchdrucks. Lesen Sie die Briefe Goethes - oder die von Ernst Rowohlt, immer droht das Ende der Lesekultur. Aber dieses melancholische Grundsummen darf einen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Branche innerhalb eines fundamentalen Paradigmenwechsels steht, den die Musikbranche gerade hinter sich hat. Der Kampf um das Gut der Aufmerksamkeit wird im digitalen Zeitalter so massiv gekämpft wie selten zuvor – und es geht jetzt darum, die Bücher wieder strahlen zu lassen, den Besuch in der Buchhandlung wieder als einen Akt des Zu-sich-Selbst-findens zu etablieren. Wir alle, die wir Bücher lieben und Bücher auf die Welt bringen, dürfen nicht in die Haltung verfallen, das Buch als schützenswertes Kulturgut zu betrachten. Das wäre Denkmalschutz. Doch den brauchen Bücher nicht. Im Gegenteil, das Buch ist ein durchsetzungsfähiges, quicklebendiges Medium. Gerade das haptische Erlebnis ist durch nichts zu ersetzen, es wird darum gehen, dass das Buch als begehrenswertes Objekt angesehen wird – und zwar von denen, die das Lesen derzeit weniger interessiert als vorher. Das müssen wir enthusiastisch tun, aber nicht zu pädagogisch. Das funktioniert nicht. Die Menschen müssen auch selbst merken, was ihnen entgeht.

Das Buch als Gegengift?

Ja. Ich setze auch auf die Selbsterkenntnis, das Befremden über die viel zu vielen Minuten und Stunden, die man mit dem Smartphone verbracht hat. Der große gesellschaftliche Trend zu einem achtsamen und gesunden Leben wird wieder verstärkt den Blick lenken auf die positiven Energie, die das Lesen auslöst, bei allen, denen es gelingt, sich darauf einzulassen. Man muss erlebt haben, dass eine halbe Stunde in einem Roman bereichernder sein kann als eine halbe Stunde am Smartphone.

Welche Art von Büchern möchten Sie grundsätzlich machen?

Gute! Also solche, die die Menschen berühren. Die sie dazu bringen, es sich in der Bahnhofsbuchhandlung unbedingt kaufen zu müssen, auch wenn sie dadurch fast den Zug verpassen. Die ein Buch im Zug lesen und dann fast vergessen, an ihrer Station auszusteigen. Das sind die Bücher, die wir bei Rowohlt machen und machen wollen.

Ihre Familie hat einen Hamburgbezug. Erzählen Sie.

Im Alstertal gibt es eine Illiesbrücke – benannt nach dem Hamburger Künstler Arthur Illies, einem entfernten Vorfahren, der vor allem im Holzschnitt wunderbar duftige Jugendstilwerke geschaffen hat. Meine Großeltern sind in Altona aufgewachsen, also ich habe viel hanseatisches Erbmaterial in mir, erst mit der Geburt meines Vaters zogen sie nach Berlin. Man sieht: auch die Existenz an diesen beiden Orten liegt in meiner DNA. Wegen der bedeutenden anderen Träger meines Nachnamens ist Hamburg zudem der einzige Ort der Welt, an dem Illies immer richtig ausgesprochen wird, das hat auch was für sich und ich werde immer bei Abendessen besonders gesetzt, weil man meint, mit meinem Bruder oder Vater im Hockeyclub gewesen zu sein. Aber unabhängig von allen echten oder vermuteten Genen: Ich finde Hamburg einfach wunderschön. An den weißen Fassaden der Stadthäuser kann ich mich nicht sattsehen, an der Grandezza der Alster und der strotzenden Kraft der Elbe…

Es gibt aber leider auch den meist null selbstironisch gemeinten und dann immer irritierenden Satz von der „schönsten Stadt der Welt“, Sie kennen ihn vielleicht.

Ja und wissen sie was das Lustigste ist: Es könnte wahr sein.

Als Sie vergangenen Herbst bei Felix Jud lasen, formulierte die Buchhändlerin Marina Krauth den als Aufforderung daherkommenden Wunsch, sie würden künftig „sicherlich das Hamburger Kulturleben aufmischen“.

Ich freue mich, dass ich nun mit Rowohlt zwischen der Hamburger Kunsthalle, den Deichtorhallen, dem Schauspielhaus und dem Literaturhaus sitze. Wenn ich am Schreibtisch sitzen werde, dann schaue ich aufs Schauspielhaus, in einer Konferenz auf die Kunsthalle, das empfinde ich als stimulierend. Und wir werden dafür sorgen, dass Rowohlt selbst ein Teil dieses Hamburger Kulturlebens wird. Und ich persönlich kann zwar nichts Substanzielles beitragen zur Akustikfrage in der Elbphilharmonie – aber meine Augen sagen mir, dass diese Architektur auf Jahrzehnte das Wahrzeichen dieser Stadt sein wird. Und wenn man unter aufmischen versteht, dass ich den Hamburgern zurufen will, dass Sie zu Hunderten in die Säle der Kunsthalle strömen sollen, wo es die schönste Sammlung deutscher Ölstudien des 19. Jahrhunderts gibt und dass sie alle die Bücher unserer wunderbaren Hamburger Autoren Carmen Korn, Ildiko von Kürthy, Petra Oelker und Heinz Strunk lesen sollen, dann ja!

Was unterscheidet Hamburg von Berlin?

Alles. Sie ergänzen sich dabei perfekt: In Hamburg die Schönheit. In Berlin die, tja, wie soll man sagen… In Hamburg scheint alles fertig. In Berlin wird nichts fertig. Die positive Energie von beidem zusammenzuführen – darin liegt eine herrliche Herausforderung.