Aufgeblättert

Krimi-Spannung auf dem Hamburger Dom

Tim Erzberg schickt seine Helgoländer Polizistin Anna Krüger auf den Dom – eigentlich allein um des Vergnügens willen.

Hamburg. Bislang ist Tawni O’Dell eine in Deutschland kaum bekannte Autorin. Gleichwohl die US-Amerikanerin bislang sechs Bücher veröffentlich hat, die in mehr als 40 Ländern erschienen sind. Jetzt ist mit „Wenn Engel brennen“ (Ariadne, übersetzt von Daisy Dunkel, 350 S., 21 Euro) ihr erster (Kriminal-)Roman auf Deutsch erschienen. Und es ist gleich ein großer Wurf geworden: Die Geschichte spielt in einer kleinen verlassenen Ortschaft in Pennsylvania, wo ein junges Mädchen auf grausame Weise zu Tode kommt. Niemand kann sich einen Reim auf die Tat machen, auch nicht Polizeichefin Carnahan, der dieser Fall schwer zu Herzen geht, lässt er doch ihre eigenen Albträume aus frühen Jahren wieder erwachen. Wie O’Dell von den Menschen und ihren Schicksalen in dieser ehemals blühenden Bergbauregion erzählt, geht unter die Haut. Da ist keine Überheblichkeit in O’Dells Blick auf die desaströse Lebenswelt der sozial verwahrlosten Unterschichtler, eher Mitgefühl. So müssen gute Kriminalromane sein: der Realität einen Spiegel vorhaltend, eine packende Geschichte erzählend.


Max Annas hat sich mit seinen ersten Kriminalromanen „Die Farm“ und „Die Mauer“ bereits vor einigen Jahren einen Namen gemacht. Für beide Bücher erhielt er den Deutschen Krimipreis. Mit seinem aktuellen Roman „Mordunter­suchungskommission“ (Rowohlt, 352 S., 20 Euro) geht Annas erstmals in der Zeit zurück und zwar in die DDR des Jahres 1983. An Bahngleisen nahe Jena wird die schlimm entstellte Leiche eines jungen Mannes gefunden, der offenbar aus Mosambik stammt, in einer Unterkunft für ausländische Arbeiter lebt und sein Geld in der DDR verdienen will. Es ist ein recht spektakulärer Fall, dessen sich Oberleutnant Castrop annimmt – und dabei schnell auf eine Reihe von Ungereimtheiten stößt. Niemand hatte wirkliches Interesse am Tod des jungen Mannes, doch Castrop entdeckt verdeckt operierende Gruppen, die eindeutig rassistisches Gedankengut propagieren. Allerdings: Ein Mord mit rassistischem Hintergrund ist in der DDR nicht vorgesehen, darf es also auch nicht geben. Castrop aber ermittelt weiter und begibt sich selbst in Gefahr. Ein politischer Roman mit starkem Zeitkolorit, atmosphärisch fesselnd, der Auftakt ist für eine Serie.


Der Literaturagent Thomas Montasser hat unter dem Pseudonym Tim Erzberg bislang zwei auf der Nordseeinsel Helgoland spielende Kriminalromane geschrieben. In seinem jüngsten Buch „Geisterfahrt“ (HarperCollins, 368 S., 15 Euro) schickt er seine Helgoländer Polizistin Anna Krüger und ihre Kollegen auf den Hamburger Dom, eigentlich allein um des Vergnügens willen. Doch mit dem Spaß ist es schnell vorbei, als die neunjährige Tochter von Annas Chef plötzlich unauffindbar ist. Niemand hat das Mädchen gesehen, spurlos bleibt es verschwunden. Erzberg verschränkt die Suche nach dem Kind mit einem Antiterroreinsatz der Hamburger Polizei: Offenbar ist auf dem Dom ein junger Mann gesichtet worden, der auf einer internationalen Fahndungsliste steht. Ein überaus heikles Kommando für die Einsatzkräfte, denn das Volksfest auf dem Heiligengeistfeld ist an diesem Abend übervoll von Menschen. „Geisterfahrt“ ist ein grundsolider Kriminalroman mit Hamburg-Flair.