Aufgeblättert

Spannung pur: Die stärksten Krimis im April

Wallace Stroby lässt seine Heldin auf sympathische Art über Leichen gehen. Roman von James Sallis ist ein kleines Meisterwerk.

Hamburg. Spätestens als US-Autor James Sallis 2008 für seinen fulminanten Stuntman-Roman „Driver“ den Deutschen Krimi Preis erhielt, stand sein Name auch hierzulande für höchste kriminalliterarische Qualität. Die Verfilmung mit Ryan Gosling tat da ihr Übriges. Jüngst nun ist Sallis’ Roman „Willnot“ (Liebeskind, Deutsch v. J. Bürger/K. Bielfeldt, 224 Seiten, 20 Euro) erschienen, erneut ein kleines, dunkles Meisterwerk. Sallis lässt seine Geschichte in der amerikanischen Kleinstadt Willnot spielen, wo Leichen, tief vergraben in einer Grube, entdeckt werden.

Der Landarzt wird zu Hilfe gerufen, ratlos aber ist er; alle anderen, die mit dem Fall betraut werden, sind es auch. Kein Motiv weit und breit für diese schreckliche Tat. Bis eines Tages ein ehemaliger Patient des Arztes auftaucht – und kurz darauf das FBI, das den Mann offenbar des Mordes verdächtigt. Doch der ist wieder untergetaucht. Sallis erzählt verknappt, skizziert punktgenau seine Charaktere, baut sorgsam Spannung auf. Da sitzt jeder Satz, Sallis’ Werk trifft Kopf und Herz.

Er war Polizeireporter und arbeitete als Buch- und Filmkritiker, bevor er begann, Kriminalromane zu schreiben. Vier dieser Romane von Wallace Stroby sind bereits erschienen, das Besondere an seinen Geschichten: Die Heldin Crissa ­Stone ist eine Kriminelle, gleichermaßen cool wie einfühlsam, kompromisslos wie sensibel. Strobys Kunst: Er zeichnet seine Figur sympathisch, auch wenn er sie über Leichen gehen lässt. In „Der Teufel will mehr“ (Pendragon, Dt. v. Alf Mayer, 318 S., 17 Euro) bekommt es Stone mit Raubkunst zu tun.

Für einen Sammler aus Los Angeles soll sie einen Kunsttransport überfallen. In den Lkw befinden sich millionenschwere Werke, die ursprünglich aus dem Irak stammen und dorthin zurückgebracht werden sollen. Crissa ­Stone nimmt den Auftrag an – und vertraut den falschen Leuten. Gleichwohl man beim Lesen immer zu wissen glaubt, worauf alles hinausläuft, ist es eine packende Story, atemlose Krimikunst. Die schlechte Nachricht: „Der Teufel will mehr“ ist der letzte Band der Reihe.

Der junge deutsche Autor Philipp Reinartz, 1985 geboren, hat eine Flüchtlingsfamilie aus dem Senegal in das Zen­trum seines Kriminalromans „Fremdland“ (Goldmann, 320 S., 10 Euro) gestellt. Zu dritt sind sie nach einer langen Reise illegal nach Deutschland gekommen, voller Hoffnungen, voller Illusionen, hier Arbeit und Wohlstand zu finden. Als der Mann jedoch keinen Job bekommt, rutscht er in die Drogenszene ab und kommt in Konflikt mit der Polizei. Deren Methoden im Umgang mit dem Senegalesen allerdings sind schikanös.

Kommissar Jerusalem Schmitt von der Berliner Mordkommission hat es derweil mit einem mysteriösen Mord in einem Altenheim zu tun, die Ermittlungen aber treten auf der Stelle, niemand kann sich einen Reim auf die Tat machen. Reinartz erzählt seine Geschichte auf zwei zeitlichen Ebenen: Die Vorfälle um die Familie aus dem Senegal liegen bereits 20 Jahre zurück, am Ende gab es damals vier Tote. Doch letztlich findet Schmitt eine Spur, die beide Taten miteinander verbindet. Das alles ist höchst spannend erzählt, dramaturgisch schlüssig komponiert und sprachlich pointiert. Ein deutscher Krimiautor mit Zukunft.