Musikfestival

Hitzacker – auf dem Weg in eine neue Harmonik

Auftritt in Hitzacker: das Kuss Quartett

Auftritt in Hitzacker: das Kuss Quartett

Foto: Rüdiger Schestag

Die Sommerlichen Musiktage begannen mit Schönberg, Bach und außergewöhnlichen Interpreten. Einer davon: ein Duduk-Spieler.

Hitzacker.  Wer oben auf dem kleinen Grünen Hügel in Hitzacker steht, kann von der Terrasse des Konzertsaals Verdo einen traumhaften Ausblick genießen: über den Lauf der Elbe bis in die Weite der mecklenburgische Flusslandschaft, ins frühere DDR-Gebiet. Es waren auch diese Aussicht und die besondere geografische Lage von Hitzacker an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, die Oliver Wille zu seinem diesjährigen Programmkonzept inspiriert haben. Der findige Festivalintendant – selbst in Ostberlin aufgewachsen – widmet die Sommerlichen Musiktage, 30 Jahre nach dem Mauerfall, dem Motto „...grenzenlos....“.

Wie perspektivenreich Wille das Thema umkreist und durchdringt, deutete schon das Eröffnungswochenende an. Für das Auftaktkonzert mit seinen hochkonzentrierten Kollegen vom Kuss Quartett hatte er Werke von Aribert Reimann mit Schönbergs zweitem Streichquartett konfrontiert: ein Stück des Aufbruchs, das die Sicherheit der Dur-Moll-Tonalität verlässt, um in neue Regionen der Harmonik vorzustoßen – und das, angeregt von der Lyrik des Dichters Stefan George, die Besetzung des Streichquartetts um eine Sopranstimme erweitert. „Ich fühle luft von anderem planeten.“

Das soulige Brustregister

Diesen anspruchsvollen Vokalpart sang die phänomenale Sarah Maria Sun, gebettet auf die Streicherklänge. Mit einem Mix aus Klarheit, instrumentaler Mischbereitschaft und nervöser Sinnlichkeit. Die Sopranistin und Stimmakrobatin gehört sicher zu den derzeit aufregendsten Grenzüberschreiterinnen des Musikbetriebs. Ihre staunenswerte Wandlungsfähigkeit, ihre Lust und ihr technisches Vermögen, ins Extrem und noch ein Stück darüber hinaus zu gehen, blitzten auch in der Musik von Reimann und einer Zugabe von John Cage auf, in der die vorher noch gleißend hell flirrende Stimme plötzlich ins beinahe soulige Brustregister abtaucht.

Dass sich die Programmidee des Festivals eben nicht nur im Repertoire, sondern genau so in der Auswahl der Interpreten konkretisiert, belegte auch der Auftritt des britischen Cellisten Steven Isserlis. Gemeinsam mit seiner Klavierpartnerin Connie Shih spielte er Werke von Bach, Schumann und Adès – und demonstrierte mit einer glühenden Ausdruckskraft und mit teilweise irrwitzig hohen Flageoletttönen jenseits des Griffbretts, wie wenig auch ihn die gewohnten Grenzen von Interpretation und Instrument interessieren.

Zwischen Klassik und Volksmusik

Nach den zwei Höhepunkten auf dem Hügel lud Oliver Wille noch zu einem Spätabendkonzert in die St. Johanniskirche, unten in der malerischen, von Fachwerkhäusern geprägten Altstadt von Hitzacker. Hier erlebten die Besucher eine faszinierende Begegnung seines Kuss Quartetts mit dem armenischen Duduk-Spieler Emmanuel Hovhannisyan. Vier sensible Streicher trafen da auf den zugleich sanften und rauen, wie von Schwermut verhangenen Bläser-Sound und nahmen mitunter dessen Färbung an; die Trennlinien zwischen Klassik und Volksmusik, zwischen Westeuropa und Kaukasus verschwammen, ganz im Sinne des Festivalmottos. Der stimmungsvolle Ausklang eines prallvollen und intensiven Auftakts, der neugierig macht und – wie in Hitzacker üblich – viele spannende Gespräche anregt. (Stä)

Sommerliche Musiktage Hitzacker noch bis 4.8. Tickets (41,- bis 27,-) unter T. 05862941430. musiktage-hitzacker.de