Cuxhaven

55.000 Hip-Hop-Fans feiern beim Deichbrand-Festival

Gemeinschaftserlebnis Deichbrand-Festival: Bunte Ballons und ein Riesenrad gehören unbedingt dazu.

Gemeinschaftserlebnis Deichbrand-Festival: Bunte Ballons und ein Riesenrad gehören unbedingt dazu.

Foto: Arnd Hartmann

Samy Deluxe, Fettes Brot und Top-DJ sorgen für Partystimmung – auch bei der Ü70-Fraktion. Tod einer 26-Jährigen überschattet Festival.

Cuxhaven. Wenn geschätzt 40.000 Menschen Samy Deluxe feiern, ist die Pop-Welt scheinbar doch noch einigermaßen in Ordnung. Beim Deichbrand-Festival auf dem Seeflughafen Cuxhaven/Nordholz zeigt der Hamburger Rapper wie gewohnt Haltung und glänzt mit gesellschaftskritischen Texten. Auf der sogenannten Fire Stage von seinem Unplugged-Ensemble inklusive Streichern begleitet, macht er auch Werbung für die Aktivisten von „Viva Con Agua“, die mit Mülleimern übers Gelände ziehen und Pfandbecher einsammeln.

„Das Geld ist für ein Projekt in Uganda. Damit die Leute dort sauberes Wasser trinken können, was für uns eine Selbstverständlichkeit ist“, erklärt der Hip-Hop-Künstler. Seit Ende der 90er-Jahre gehört Samy zu den Schnellsprechern der Szene. Er ist sozial und politisch engagiert und trägt seine Überzeugungen nach außen, Party-Spaß gehört bei seinen Songs ebenfalls dazu – genau wie das bei seinen afroamerikanischen Vorbildern in den 80er- und 90er-Jahren üblich war.

Unmittelbar danach geht das Programm auf der Water Stage mit Bonez MC und RAF Camora weiter, ebenfalls Rapper einer jüngeren Generation. „Klingt wie bei Orang-Utans zu Hause“, moniert eine Festivalbesucherin, die gerade noch bei Samy Deluxe ausgelassen getanzt und mitgesungen hatte, aber von den schlichten Texten und simplen Beats des Duos aus Hamburg und Berlin so gar nicht erbaut ist. In der Tat: Eleganter Wortwitz ist nicht die Sache der 187 Straßenbande, zu der Bonez MC gehört und die immer wieder durch Polizeieinsätze gegen einzelne Mitglieder für Schlagzeilen sorgt.

55.000 Zuschauer beim Deichbrand-Festival

Das Deichbrand-Festival, zu dem in diesem Jahr mehr als 55.000 Zuschauer gekommen sind, legt zwar einen Schwerpunkt auf Hip-Hop, doch auch andere wichtige Genres populärer Musik sind hier vertreten. Zu den Headlinern gehören Rockbands wie Biffy Clyro, 30 Seconds To Mars oder The Kooks und auch die Electro-Szene hat einen eigenen Bereich, genannt Electric Island.

Unter einer futuristisch anmutenden Konstruktion aus bunten Quadern wechseln sich von mittags bis tief in die Nacht im Zwei-Stunden-Takt eine Reihe erstklassiger DJs ab, die sonst in den hippen Clubs in London, Ibiza oder Moskau auflegen. Mit Charlotte de Witte, Nina Hepburn, Anahit Vardanyan und Annett Gapstream sind überraschend viele weibliche Plattendreherinnen am Start. Auch die britische Techno-Legende Dave Clark ist nach einer längeren Pause wieder an den Turntables zu erleben.

Fettes Brot gehört zu den Abräumern des Festivals

Zu den Stars des diesjährigen Festivals zählt ohne Zweifel Jared Leto, der nicht nur Sänger der Rockband 30 Seconds To Mars ist, sondern auch ein hoch bezahlter Hollywood-Schauspieler. Leto schmeißt sich ans Publikum ran, lobt Deutschland über den grünen Klee und sucht den engen Kontakt zu den Fans. Er holt eine Rabea aus Lübeck auf die Bühne, die etwas Gelbes auf ihrem Kopf balanciert. „What is that?“, fragte Leto. „Das ist ,Amadeus’ aus ,Bibi und Tina’“, kommt als Antwort. Gelächter im Publikum und Fragezeichen in den Augen des Rockstars, denn von dem Pferd aus der Kinderbuchserie hat er natürlich noch nie gehört.

Für absolute Partystimmung sorgt am Freitagabend Fettes Brot. Nach seinem Helgoland-Auftritt am Mittwoch präsentiert das Trio zum ersten Mal sein neues Programm auf einer großen Bühne. Vor der Water Stage wird ausgelassen getanzt und mitgesungen, denn Nummern wie „Emanuela“ und „Schwule Mädchen“ sind längst zu Klassikern deutscher Popmusik geworden. Ganz eindeutig: Fettes Brot liegt in der Applaus-Skala beim Deichbrand sehr weit vorn.

Im Vergleich zu anderen Festivals ist die Altersstruktur beim Deichbrand ungewöhnlich. Hier sind Jahr für Jahr alle Altersgruppen vertreten. Schüler, die sich den Eintritt vom Taschengeld abgespart haben, genauso wie Rentnerpaare der Generation Ü70, aber auch auffällig viele Besucher, die den 50. Geburtstag gerade hinter sich haben.

Frau leblos im Zelt entdeckt

In Cuxhaven und den vielen umliegenden Dörfern gehört es inzwischen einfach dazu, sich ein Deichbrand-Ticket zu kaufen und die ausgesprochen relaxte Atomsphäre des wieder einmal hervorragend organisierten Festivals zu erleben. Dass viele vom Line-up vermutlich nur Fettes Brot kennen, tut der Begeisterung keinen Abbruch, zumal auch das Wetter mitspielt, die Regen und Gewitterfront zieht rasch über das Festivalgelände hinweg.

Ein Drama dann allerdings am Sonntagvormittag: Eine 26-Jährige wird leblos in ihrem Zelt aufgefunden. Trotz Reanimation durch Rettungskräfte kann der Notarzt nur noch den Tod der Besucherin feststellen. Hinweise auf Fremdverschulden oder Drogenkonsum gibt es laut Polizei nach ersten Erkenntnissen nicht.