Festival

30 Jahre Wacken: Eine musikalische Zeitreise

Harte Schale, harter Kern: Slayer-Gitarrist Kerry King kommt zum letzten Mal nach Wacken.

Harte Schale, harter Kern: Slayer-Gitarrist Kerry King kommt zum letzten Mal nach Wacken.

Foto: dpa Picture-Alliance / Mairo Cinquetti / picture alliance / NurPhoto

Das legendäre Festival feiert vom 1. bis zum 3. August Geburtstag. Das Abendblatt liefert dazu die Hörempfehlungen.

Wacken.  80.000 Heavy-Metal-Fans in einem 1800-Seelen-Dorf kann nur eines bedeuten: Das Wacken Open Air beginnt. Was vor 30 Jahren mit gerade mal 800 Besuchern in einer unscheinbaren Sandkuhle in der Nähe des Dorfes Wacken begann, hat sich zu einem der größten Heavy-Metal-Musikfestivals der Welt gemausert.

Die Abendblatt-Redakteure Holger True, Tino Lange und Alexander Josefowicz stellen nach stahlharter interner Debatte 30 Hits und Geheimtipps aus ihren Sammlungen vor:

Metallica: „Master Of Puppets“

In der an Hits reichen Discografie von Metallica sticht „Master Of Puppets“ (1986) hervor. Nicht, weil es die letzte Platte war, auf der Cliff Burton Bass spielte. Nicht, weil es das erste Platin-Thrash-Album war. Sondern weil es Ton für Ton ein Meisterwerk ist.

Gorefest: „Rise To Ruin“

„Rise To Ruin“ war 2007 leider das letzte Album der niederländischen Death-Metal-Pioniere Gorefest, dafür hat sich das Quartett für den Schluss­abschnitt dieses Finales einen mehr als würdigen Abgang aufgehoben: „The End Of It All“ ist 5.45 Minuten langes Herumtrampeln wie Godzilla in Tokio, kein Stein bleibt auf dem anderen.

Oranssi Pazuzu: „Valonielu“

Finnland ist ein Metal-Paradies: Selbst im Dorf-Supermarkt stehen Metal-CDs ganz selbstverständlich zwischen Milch und Mettwurst. Manchmal sogar dieses Juwel der psychedelischen Schwarzmetaller Oranssi Pazuzu aus Tampere, die sich nach einem babylonischen Winddämon benannt haben. Passt schon: Diese Berserker-Truppe fegt alles weg.

Accept: „Balls To The Wall“

Kreator, Sodom, Destruction, Tan­kard. Blind Guardian, Rage. Axxis, Running Wild, Powerwolf. Alles schön und gut, aber beim Stichwort Teutonic Metal kann es nur eine Band geben: Accept. Und das Album von 1983 mit der unzerstörbaren Hymne „Balls To The Wall“.

Helloween: „Keeper Of The Seven Keys Pt. II“

Wir müssen auch eine Lanze brechen für Metal aus Hamburg (und Bremen), für Gamma Ray, Running Wild, Iron Savior und Mantar. Und womit ginge das besser als mit einem der wichtigsten Alben des Power Metals und Speed Metals überhaupt, mit „Keeper Of The Seven Keys Part II“ von Helloween aus dem Jahr 1988?

Entombed: „Wolverine Blues“

Einen feiner verästelten Stammbaum von Subgenres als im Metal sucht man vergebens. Und manchmal braucht es nur ein Album, um einen Zweig hinzuzufügen: Entombed hatte zwei Death-Metal-Alben auf dem Markt, dann kamen die Schweden 1993 mit „Wolverine Blues“ um die Ecke. Langsamer, aber genauso aggressiv: Death’n’Roll.

Black Sabbath: „Paranoid“

Haben die Briten Metal nun erfunden oder nicht? Völlig egal: Tony Iommi, Bill Ward, Geezer Butler und Ozzy Osbourne sind nicht erst seit „Paranoid“ (1970) verantwortlich dafür, dass Teenager Blockflöte und Geige zur Seite legen und was Vernünftiges spielen.

Watain: „Sworn To The Dark“

Feuerfontänen im Dauereinsatz und Grusel-Make-ups als seien sie geradewegs der Hölle entstiegen: Watain ist live ein Ereignis – und auf „Sworn To The Dark“ (2007) längst nicht mehr die musikalische Trümmertruppe der Anfangstage. Stattdessen: wild pulsierender Black Metal mit messerscharfen Riffs und wutschnaubendem Geröchel.

Judas Priest: „Screaming For Vengeance“

Tausendfach schmückt der „Hellion“, der Eisenadler auf dem Albumcover
von „Screaming For Vengeance“ (1982) Metal-Kutten und T-Shirts. Und keine gute Metalparty-Playlist verzichtet neben „Breaking The Law“ oder „Painkiller“ auf „You’ve Got Another Thing Comin’“, dem vielleicht besten Song von Priest! Priest! Priest! Judas Priest!

Opeth: „Blackwater Park“

Opeth-Chef Mikael Åkerfeldt liebt King Crimson ebenso wie härtesten Death Metal – und so klingt seine Band dann auch: Das Beste aus vielen Welten vereint unter dem Etikett Progressive Metal. Auf „Blackwater Park“ (2001) gehen Melancholie und Härte eine besonders fruchtbare Verbindung ein.

Strapping Young Lad: „City“

Strapping Young Lad, eines von geschätzt 724 Projekten des zertifiziert wahnsinnigen, genialen Kanadiers Devin Townsend, lotet Grenzen bis zum Anschlag aus. Das ganze Album „City“ (1997) am Stück durchhören? Unmöglich, ohne dass einem das Gehirn aus den Ohren läuft. Die Stücke sind grandios brachiale Anschläge auf die Sinne.

Green Carnation: „Light Of Day, Day Of Darkness“

Ein Stück, 60 Minuten lang: Mit „Light Of Day ...“ gelang den Norwegern 2001 ein Progressive-Metal-Diamant, der viele Jahre im verborgenen schlummerte, weil Gitarrist Tschort sich nach dem Tod seiner Tochter völlig zurückgezogen hatte. Dieses epische Album behandelt den Schicksalsschlag ebenso wie das Glück der Geburt seines Sohnes.

Down: „NOLA“

Wie kriegt man großartige Bands wie Pantera, Crowbar, Corrosion Of Conformity und Eyehategod unter einen Hut? Mit ihrem Projekt Down, diesem aus dem Sumpf von New Orleans, Louisi­ana, gekrochenen Ding („NOLA“, 1995) mit seinem unstillbaren Hunger auf Southern Rock, Doom Metal und Blues.

Korn: „Korn“

Man kann sie lieben oder hassen, anerkennen muss man, dass Korn 1994 ein neues Genre aus der Taufe gezerrt hat: Den so prägnant wie bekloppt benannten „Nu Metal“, ein Gemenge aus Hip-Hop und Metal. So ebnete die Band den Weg für Unfug wie Limp Bizkit und Coal Chamber, aber auch für
System Of A Down und Slipknot.

Arch Enemy: „Anthems Of Rebellion“

„We Will Rise“, sang Angela Gossow 2003 auf dem fünften Arch-Enemy-Album „Anthems of Rebellion“. Und das ist auch als Empowerment zu verstehen, als Ansporn an Frauen, Vorbildern wie Gossow, Alissa White-Gluz, Doro Pesch, Sabina Classen, Lzzy Hale oder Floor Jansen zu folgen und die Männer-Domäne Heavy Metal weiter aufzubrechen.

Iron Maiden: „Powerslave“

Iron Maiden? Alles hören! „Powerslave“ (1984) bekommt hier den Zuschlag, weil es nicht nur Hits wie „Aces High“ enthält, sondern auch mit der gigantischen, gut 13-minütigen Progmetal-Nummer „Rime Of The Ancient Mariner“ punktet.

Amon Amarth: „Once Sent FromThe Golden Hall“

Die Schweden kommen aus dem Land der Wikinger, sehen aus wie Wikinger und ihre Lieder drehen sich um – richtig – Wikinger. Trotzdem besteht Amon Amarth seit „Once Sent From The Golden Hall“ (1998) darauf, keinen Viking Metal zu spielen, sondern Melodic Death Metal. Und weil man Menschen mit einem Faible für Äxte lieber nicht widerspricht, stimmen wir zu.

Totenmond: „Reich in Rost“

Das Grauen der Gemälde von Jacques Callot, Francisco de Goya, Otto Dix oder Max Beckmann, übertragen in maximal brutalen, dennoch tiefgründigen Doom Metal und Crustcore: Wenn es je eine „Neue Deutsche Härte“ gab, dann ist „Reich in Rost“ (2000) von Totenmond ein kreativer Höhepunkt und tiefer Abgrund zugleich.

The deviL’s Blood: „The Time Of No Time Evermore“

Dass Musiker sich vor ihrem Auftritt mit Tierblut übergießen, ist, nun ja, mindestens ungewöhnlich. Passt aber zu einer Band, die sich live regelmäßig in einen irren Psychedelic-Metal-Rausch spielte. „The Time Of No Time Ever­more“ von 2009 ist ihr Meisterstück.

Rage Against The Machine: „Rage Against The Machine“

Rage Against the Machine platzten
1992 mit ihrem Debütalbum herein wie Steuerprüfer in ein Wettbüro und geben der Generation X ihre Stones/Beatles-Diskussion: Nirvana oder Rage? Letztere gaben mit Rap, Punk, Funk und Metal die Antwort: „We Gotta Take The Power Back“! Die Revolution ist ausgeblieben. Der Soundtrack ist aber schon da.

Bokassa: „Crimson Riders“

Wer wird nach Volbeat und Ghost das nächste große Hardrock-Ding? Metal­lica-Drummer Lars Ulrich schwört auf Bokassa aus Trondheim, und tatsächlich ist das vor vier Wochen erschienene zweite Album „Crimson Riders“ ein Knaller, der ähnlich wie die Landsmänner Kvelertak gewitzt Rock ’n’ Roll, Punk, Metal und Stoner kombiniert.

Motörhead: „Overkill“

Es gibt keine Band, die mehr Einfluss auf den Heavy Metal hatte, ohne Heavy Metal zu spielen. Lemmy Kilmister begann bis zu seinem Tod 2015 jedes Konzert mit dem Satz: „We are Motörhead, and we play Rock ’n’ Roll“, zum Beispiel auf „Overkill“ (1979).

Bokassa: „Crimson Riders“

Wer wird nach Volbeat und Ghost das nächste große Hardrock-Ding? Metal­lica-Drummer Lars Ulrich schwört auf Bokassa aus Trondheim, und tatsächlich ist das vor vier Wochen erschienene zweite Album „Crimson Riders“ ein Knaller, der ähnlich wie die Landsmänner Kvelertak gewitzt Rock ’n’ Roll, Punk, Metal und Stoner kombiniert.

Gojira: „L’Enfant Sauvage“

Gojira kommt nicht aus Skandinavien, England, den USA, oder Deutschland, sondern aus Frankreich. Die Band ist stilistisch bedingt berechenbar und trotzdem wiedererkennbar und hat sich die eigene Nische gezimmert, in der sich wie auf „L’Enfant Sauvage“ (2012) Death Metal mit Progressive- und
Groove-Elementen verschränkt.

Slayer: „Reign In Blood“

So. Da ist das Ding. Auch aus heutiger Sicht ist es beispiellos, wie Slayer 1986 mit „Reign In Blood“ alles vorher Dagewesene in Sachen Hundsgemeinheit in den Schatten stellte. Natürlich gab es später härtere Bands, schnellere, durchgeknalltere. Aber: Sie waren nicht Slayer.

Sepultura: „Chaos A.D.“

Seit 1984 haben die Brasilien-Klopper Sepultura 14 Alben veröffentlicht, aber rechnet man „Arise“ (1991) heraus, braucht man nur eins, das aber dringend: „Chaos A.D.“ war 1993 der erste Schritt in Richtung Tribal-Thrash mit
so mitreißenden wie umwerfenden Nackenbrechern Marke „Refuse/Resist“, „Territory“, „Amen“ und „Propaganda“.

The Sword: „Age Of Winters“

In den Nuller-Jahren gab es eine wahre Flut von sehr guten Retro-Metal-Bands wie Orchid, Red Fang oder Witchcraft, die den Sound von Black Sabbath, Pentagram und Co. in die Moderne übertrugen. Sehr gut gelang das auch den Texanern The Sword auf ihrem Debüt „Age Of Winters“ (2006), Anspieltipps: „Freya“ und „The Horned Goddess“.

Negura Bunget: „Om“

Die mystischen Wälder Transsilvaniens haben es der rumänischen Band Negura Bunget so sehr angetan, dass ihren Ver­öffentlichungen bisweilen Erde und Laub von dort beiliegt. „Om“ (2006), das Magnum opus der Rumänen, braucht indes keine Extras; es ist ein furios-fiebriger Black-Metal-Malstrom.

Mayhem: „De Mysteriis Dom Sathanas“

Ein krächzendes Flüstern, furchterregende Schreie des Wahnsinns, dann wieder eine Art clownesker Operngesang: Mayhem liefern auf diesem Album den Soundtrack des Bösen. Ein musi­kalischer Abgrund voller wilder Wut, 1992/93 in die Studiomikros geknüppelt. An „De Mysteriis ...“ muss sich jedes Black-Metal-Album messen lassen.

Dissection: „Reinkaos“

Jon Nödtveidt (1975–2006) war Satanist und erklärter Menschenfeind. Das ist die eine Seite. Zugleich war er ein brillanter Musiker, der mit seiner Band Dissection Meilensteine des Black Metal schuf. „Reinkaos“ (2006) ist eine nie versiegende Quelle monströser Melodien; Songs wie „Maha Kali“ und „Dark Mother Divine“ bleiben ewig unerreicht.