Album-Kritik

Enno Bunger: Pop, der tröstet wie ein guter Freund

Enno Bungers neues Album beginnt mit dem Lied „Kalifornien“, wo er auf Ideensuche war.

Enno Bungers neues Album beginnt mit dem Lied „Kalifornien“, wo er auf Ideensuche war.

Foto: Dennis Dirksen

Der Hamburger Sänger Enno Bunger bietet auf „Was berührt, das bleibt“ eine Schulter für alle, die verlieren und vermissen.

Hamburg. „Catwoman kämpft mit ihrem Kater, Spider-Man hat gerade kein Netz, Batman findet hier keinen Parkplatz, Wonder Woman hat dich versetzt – du suchst überall nach einem Helden, doch hier ist niemand, der einen Clark Kent,“ singt Enno Bunger auf seinem neuen Album „Was berührt, das bleibt“. Da kommt doch mal der Ostfriese beim seit 2011 in Hamburg lebenden Sänger und Songschreiber hervor.

Aber traditionell gibt es auf der Bühne bei seinen Konzerten mehr zu lachen als auf seinen vier Alben. Enno Bunger steht für Schwermut, oder auch den Mut, sich simplen Alles-super-Liebesliedchen und Partyhymnen zu verweigern. In seinen Liedern kommt kein Weltenretter und alles wird gut. „Superhelden sind Fantasien aus der Kindheit, früher wollte ich sein wie Batman oder Superman. Aber du musst dein eigener Held werden und deine eigene Superkraft entwickeln und das Beste daraus machen“, sagt Enno Bunger beim Treffen im Hotel The George an der Alster. Schon eine starke Schulter zum Anlehnen kann so eine Superkraft sein, denn die brauchte der 32 Jahre alte Musiker in den vergangenen Monaten ebenso, wie er sie anderen bieten musste.

Die Freundin von Enno Bungers bestem Freund starb an Krebs

„Das Jahr war der Worst Case, der negative Lottogewinn. Zunächst sind Lena, die Freundin meines besten Freundes und nur wenige Monate später auch Sarah, die Frau, die ich liebe, an Krebs erkrankt. Sarah ist inzwischen wieder gesund. Lena ist leider gestorben. Das ist die Ausgangslage des Albums.“ Und so ist das Lied „Bucketlist“ als zweites Lied des Albums für Bunger eigentlich das Finale: „Erfülle dir deine Träume, solange du Zeit hast. So banal das klingt, am Sterbebett kann es zu spät sein.“

Persönliche Erfahrungen und Rückschläge, bestimmen seit nunmehr zehn Jahren den Liedcharakter des Altonaers. „Meine Alben sind Therapien für mich, mit ihnen verarbeite ich künstlerisch Krisen und überwinde meine Tiefpunkte.“ Überwiegend sind die Krisen damit tatsächlich abgeschlossen. Das Album „Wir sind vorbei“ zum Beispiel beendete 2012 mit seiner sechs Monate langen Vorbereitung eine Trennungsphase, und wenn es dann bei Konzerten mit dem Publikum geteilt wird, ist es nicht mehr Bungers Geschichte. Viele Bekannte und Fans schreiben ihm dann Nachrichten oder äußern im Gespräch, wie sehr sie von Songs getröstet oder berührt worden. „Da steht dann in einer SMS, das jemand nach einem persönlichen Verlust nach zwei Jahren endlich weinen konnte. Das ist das größte Kompliment, das ich mir vorstellen kann.“

Am 18. Oktober spielen Bunger & Band in der Großen Freiheit 36

Nur selten passiert es, geschehen vor vier Wochen bei einem Konzert in St. Arbogast (Vorarlberg, Österreich), dass Bunger die Vergangenheit einholt, ein Lied für den Moment zu traurig ist und spontan aus dem Programm fliegt. Und ob alle neuen Lieder für das Konzert am 18. Oktober in der Großen Freiheit 36 („Ein lang gehegter Traum, hoffentlich kommen ein paar Leute“) gemacht sind, wird von Bunger und Band diskutiert. „Da sind schon einige Lieder dabei, die ich derzeit wirklich nicht jeden Abend unbedingt singen muss.“

Dabei passen sie perfekt auf eine große Bühne. Die Arrangements und Kompositionen von Songs wie „Wolken aus Beton“ (kein Hamburg-Lied), „Kalifornien“ oder „One-Life Stand“ sind noch vielseitiger, aufwendiger, elektronischer und progressiver geworden als auf dem Vorgänger „Flüssiges Glück“ (2015). Von Lied zu Lied springen die hörbaren Einflüsse, von Coldplay, Keane und 90er-Jahre-Britpop zu Bob Dylan und Billy Joel. „Coldplay und Keane waren tatsächlich meine ursprünglichen Einflüsse, als ich abgefangen habe, Songs zu schreiben. Mittlerweile aber gar nicht mehr, da inspirieren mich eher Bon Iver, Bruce Springsteen und – sehr viel Hip-Hop“. So sucht sich Bunger für jeden Song als Rahmen ein jeweiliges Genre heraus, „wobei meine Stimme meine Möglichkeiten begrenzt“. Bunger singt, rappt, es puckern Elektrobeats, Synthies türmen sich auf, aber auch nur Gesang, Klavier und Schlagzeug sind in „Weichzeichnungsfilter“ zu hören. „Wenn das progressiv ist, ja, gut, dann ist es eben Progressive Pop.“

Enno Bungers kommende Lieder sollen politischer werden

Mal sehen, ob „Bucketlist“ es auf die Bühne der Freiheit schafft. Enno Bungers persönliche Liste mit Vorhaben ist jedenfalls sehr lang. Mal ein Instrumental-Projekt ohne Texte angehen, Reisen, Konzerte. Und etwas, das in der deutschen Songschreiber-Szene mit ihren vielen gefühligen Vorname-Nachname-Barden eher ungewöhnlich ist. „Ich möchte in nächster Zeit wieder mehr politischere Lieder wie ,Wo bleiben die Beschwerden?’ schreiben. Ich habe da großen Bedarf gerade. Da gibt es einiges klarzustellen und aufzuzeigen“. Der Schwermut und der Mut mögen ihn, der Menschlichkeit und Menschenwürde als Künstler und als Privatperson schon immer vertreten hat, dabei nicht verlassen.

Enno Bunger: „Was berührt, das bleibt“ Album (Columbia) im Handel, Konzert: Fr 18.10., Große Freiheit 36, Karten zu 26,- im Vorverkauf; www.ennobunger.de