Konzertkritik

Elbphilharmonie: Rock-Schuppen für stilvoll Gealterte

Bryan Ferry, ein englischer Dandy, der sich auch mit 73 noch sehen und hören lassen kann.

Bryan Ferry, ein englischer Dandy, der sich auch mit 73 noch sehen und hören lassen kann.

Foto: Jazz Archiv/Rainer Merkel / Jazzarchiv

Melancholie, Hüftschung, Augenglitzern – Roxy-Music-Gründer Bryan Ferry gibt mit seiner exzellenten Band ein umjubeltes Konzert.

Hamburg. Am Ende saß keiner der 2100 Besucher mehr auf seinem Sitz. „Let’s Stick Together“ hauchte, krächzte, sang und sprach Bryan Ferry mit seiner nach wie vor markanten Stimme ins Mikrophon, tänzelte gewohnt ungelenk über die Bühne des Großen Saals, überließ seinen Mit-Musikanten noch einmal reichlich Platz für ausgiebige Solo-Parts und verwandelte die Elbphilharmonie sozusagen im Handumdrehen in einen soliden Rock-Schuppen. Den Zusammenhalt einzufordern, ist nicht die schlechteste Botschaft. In diesen Zeiten. Und beim gemeinsamen stilvollen Älterwerden.

„In Bryan Ferrys Show-Persönlichkeit vereinigen sich Frank Sinatras romantische Schwermut, Elvis Presleys Hüftschwung-Erotik, Mick Jaggers dämonisches Augenglitzern und Errol Flynns prahlerisches Heldentum“, schrieb der „Rolling Stone“ vor vielen, vielen Jahren über den britischen Songschreiber, der Generationen von Musikern mit seiner Art des Komponierens geprägt hat.

Ferry hat eine erstklassige Band dabei

Nun ist der legendäre Gründer von Roxy Music 73 Jahre alt und wieder mal auf Welttournee. Er hat klugerweise sämtliche Hits, die Hälfte der 22 Stücke sind Roxy-Music-Songs, im Gepäck. Und verbindet – am Mikrophon, am Keyboard oder auch mal mit der Mundharmonika – tatsächlich noch Melancholie, Hüftschwung und Augenglitzern. Nur das prahlerische Heldentum, das kann man wohl in diesem Alter getrost abgeben. Und das Rampenlicht zumindest zeitweise, da man ja sowieso für das Gesamtkunstwerk zuständig ist, generös auch mal den Jüngeren überlassen.

Neun exzellente Musiker hat Bryan Ferry dabei, alleine sie lohnen das Kommen. Wobei Chris Spedding an der Gitarre und Jorja Chalmers am Tenorsaxophon, die allerdings ständig zu viel Hall auf ihr Instrument beigemischt bekommen hat, schon so eine Art Langzeitbegleiter von Ferry sind.

Großartig und gnadenlos pünktlich ist Luke Holland, 25, am Schlagzeug, der bereits mit 19 Jahren mit wirbelnden Sticks in seinen Youtube-Videos bis zu fünf Millionen Fans erreichte. Der junge Drummer und das Urgestein Neil Jason am Bass, der schon mit John Lennon, Mick Jagger, Michael Jackson und den Dire Straits musiziert hat, sorgen für einen fantastischen Groove, auf den knapp zwei Stunden lang alle anderen Bandmitglieder sehr komfortabel aufsetzen können. Eine Entdeckung ist der belgische Gitarrist und Songwriter Tom Vanstiphout, 44, der, mal zurückhaltend, mal mitreißend, auf ständig wechselnden Gitarren immer genau die richtigen Töne spielt.

Regelmäßiger Gast in Hamburg

Alle Neune aber unterwerfen sich in jeder Sekunde dem eleganten schlanken Tonangeber in Maßanzug und Krawatte. Mit kurzen Fingerzeigen oder knappem Kopfnicken reguliert Bryan Ferry fast unbemerkt bei allen Songs immer wieder die Einsätze und die Lautstärke der einzelnen Instrumentalisten. Ein über all die Jahrzehnte vornehm gebliebener Gentleman, dessen Beschreibung der ersten Karriere-Jahre fast schon legendär ist: „Andere Bands wollten Hotelzimmer verwüsten, Roxy Music wollten sie neu einrichten.“

Bei „Schöner Wohnen“ half auch Bryan Ferrys unverwechselbare Stimme, die sehr entscheidend gewesen ist für diesen neuen Sound in der Rockmusik, dem man flugs den Namen Artrock oder Glamrock gegeben hat. Ja, sie ist dünner geworden. Kräftig oder kreischend war sie nie. Weshalb es für die so wichtigen Ton-Experten sicherlich nicht leichter geworden ist, bei den pompösen Live-Auftritten am Mischpult zu sitzen und die richtigen Regler zu ziehen.

In der Elbphilharmonie stimmt der Sound nach den ersten drei Stücken. Und es hilft natürlich, dass das Publikum, das mit Ferry älter geworden ist, von Beginn an auf seiner Seite ist. Kein Wunder, denn der Brite ist im Grunde ein regelmäßiger Gast in Hamburg. Und wenn man so will, hat sich der Sohn eines Bergwerksangestellten aus dem britischen Durham County und Absolvent einer Privatschule an der Elbe in den letzten Jahren ganz nach oben gespielt. Vor vier Jahren gastierte der ausgebildete Kunstlehrer, nachdem er den Auftritt wegen einer Kehlkopfentzündung um ein Jahr hatte verschieben müssen, noch im nicht besonders stilvollen CCH. Vor zwei Jahren trat er im ausverkauften Mehr! Theater am Großmarkt auf. Und nun freut er sich sichtbar, seine Kunst „hier in diesem wundervollen, fantastischen Saal“ darbieten zu dürfen. Der natürlich ebenfalls seit langem ausverkauft ist. Wie das halt heute üblich ist, wenn Legenden konzertieren.

Am Ende dann: ein Bob-Dylan-Cover

„Wenn man so lange Platten macht wie ich, wird man automatisch zu einer Establishment-Figur, selbst wenn du selber glaubst, dass du die Avantgarde umarmst“, hat Bryan Ferry gesagt, „die meisten Leute erwarten, dass man einen bestimmten Abschnitt einer Entwicklung endlos reproduziert“. Er erfüllt diese Erwartungen an diesem munteren Abend. Auch dank zahlreicher Coversongs, die Bryan Ferry seit Beginn seiner Karriere immer fest in seinem musikalischen Repertoire gehabt hat. Auch in Hamburg erklingen im letzten tanzbaren Konzertdrittel neben „Let’s Stick together“ (Wilbert Harrison) noch „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ von Bob Dylan und „Shame, Shame, Shame“ von Jimmy Reed. Bevor sich Bryan Ferry dann erschöpft lächelnd, in alle Richtungen winkend von seinen glücklichen Fans verabschiedet. Bis zum nächsten Mal.