Festival-Auftakt

Brasilianer sorgen für spektakuläre Movimentos-Eröffnung

Die Sao Paulo Dance Company in einer Szene aus „Agora“.

Die Sao Paulo Dance Company in einer Szene aus „Agora“.

Foto: Matthias Leitzke

Die Sao Paulo Dance Company begeistert zum Auftakt der diesjährigen Festwochen in der neuen Halle der Autostadt in Wolfsburg.

Wolfsburg.. Die Zeichen stehen auf Veränderung bei Movimentos Festwochen der Autostadt – jedenfalls was in den Spielort angeht. Erstmals gehen sie nicht in dem Industriedenkmal Kraftwerk über die Bühne, sondern im gerade fertig gestellten Neubau Hafen 1. Der lockt mit einem dem Kraftwerk nachempfundenen Saal für bis zu 1000 Zuschauer und hübscher Terrasse. Von außen allerdings ist es eher ein nüchterner Zweckbau als ein großer architektonischer Wurf.

Zur Einweihung der Stätte reiste die Sao Paulo Dance Company mit einer inhaltlich und ästhetisch sehr diversen Trilogie an. Der größte Coup gleich zu Beginn: Die Uraufführung von „Trick, Cell, Play“ des kanadischen Choreografen Edouard Lock, international renommiert durch die Arbeiten mit seiner mittlerweile aufgelösten Company La La La Human Steps und der Choreografie einer legendären David-Bowie-Tournee. Sechs Tänzerinnen und acht Tänzer drehen und schwingen sich meist auf Spitze in einen waghalsigen Hochenergietanz. Szenisch lebt das Werk, das sich lose von der Idee kultureller Erinnerung leiten lässt, von der Wiederholung, den eckigen Gesten, den Spreizungen und Dehnungen.

In Lichtkegeln kommen die Tanzenden nicht von der Stelle, verbinden sich und vereinzeln doch zugleich auf sehr düstere Weise. Es ist keine gefällige Illustration der live gespielten Kammermusiken von Gavin Bryars, die sich aus arrangierten Arien großer Opern zusammensetzen, vielmehr ein sperriges Formexperiment, das auf tolle, radikale Weise bewusst macht, wie flüchtig Erinnerungen sind, wie zentral aber auch für die Zukunft der Menschheit.

Cassi Abranches’ Choreografie „Agora“ feiert Europapremiere

Nach der Pause wird es deutlich kulinarischer. In „Gnawa“ hat sich der eher der Neoklassik verpflichtete Choreograf Nacho Duato 2005 erstaunlich weit in ein zeitgenössisches Bewegungsvokabular vorgewagt. Zur mystischen Musik der Sufi-Bruderschaft in Marokko vollführen die Tänzerinnen und Tänzer tiefe, spirituelle Tänze und synchrone Gruppentableaus. Sensationell gelingen die Soli mit eindrucksvoll ineinanderfließenden Hebe- und Drehfiguren.

Die abschließende Europapremiere von Cassi Abranches’ Choreografie „Agora“ wiederum feiert das Hier und Jetzt, die Unentrinnbarkeit der Zeit als fröhliche polyrhythmische Sause. Getrieben von afrobrasilianischer Schlagwerkmusik, die an den psychedelischen Rock der 1960er-Jahre erinnert, werden die Tänzerinnen und Tänzer in den farbenfrohen Kostümen von Janaina de Catro zu einem einzigen flanierenden Körper. Die Präzision und Dynamik dieser jungen, erst 2008 ins Leben gegründeten Tanzkompanie, die zu den führenden der Welt zählt, begeistert. Die Choreografie führt vor Augen, dass man in keiner anderen Disziplin so sehr an den Augenblick gebunden ist, wie im Tanz.

Das Festival ist in diesem Jahr, den Bauarbeiten geschuldet, ausnahmsweise in den Sommer verlegt und konzentriert auf fünf Tanzproduktionen. Ein schmales aber entschiedenes Programm. Ringen um Erinnerung, Kampf der Elemente, Unausweichlichkeit der Zeit, ein starker Auftakt und gute Aussichten für die weiteren Movimentos Festwochen.

Movimentos Festwochen der Autostadt bis 25.8., Hafen 1, Autostadt in Wolfsburg, Infos und Programm unter www.movimentos.de