Weltweit einmaliges Projekt

Was Donald Trump mit Hamburgs Staatsarchiv zu tun hat

Das Projekt zur digitalen Erschließung der Auswandererlisten im Staatsarchiv lief unter der Leitung von Paul Flamme.

Das Projekt zur digitalen Erschließung der Auswandererlisten im Staatsarchiv lief unter der Leitung von Paul Flamme.

Foto: Marcelo Hernandez / Funke Foto Services

Die Hamburger Archivare haben die Daten aller Auswanderer nach Amerika digitalisiert. Sechs Millionen Datensätze sind verfügbar.

Hamburg.  Paul Flamme blättert in einem großformatigen historischen Band, der im Keller des Hamburger Staatsarchivs lagert. „Schauen Sie mal hier“, sagt der Historiker und zeigt auf einen handgeschriebenen Eintrag. Es handelt sich um die Passagierlisten der „Pennsylvania“, die 1895 in Dienst der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) gestellt und für kurze Zeit das größte in Fahrt befindliche Schiff der Welt gewesen ist.

342 Passagiere hatten in der 1. und 2. Klasse Platz, und noch einmal 2380 Menschen absolvierten die meist neun Tage dauernde Atlantik-Überfahrt im Zwischendeck. Unter den Passagieren, die am 1. Juli 1905 Hamburg in Richtung New York verließen, waren auch Fred und Elisabeth Trump mit ihrer zehn Monate alten Tochter, die ebenfalls Elisabeth hieß.

„Das ist vielleicht jetzt eine Besonderheit, dass der Großvater des heutigen amerikanischen Präsidenten über Hamburg nach Amerika ausgewandert ist“, sagt Paul Flamme „aber das zeigt uns eben auch sehr deutlich, dass hinter jedem der insgesamt sechs Millionen Namen eine spannende Lebensgeschichte steckt“. Und diese Geschichten sind nun für jeden Menschen auf der ganzen Welt zugänglich.

Meilenstein für die Migrationsforschung

In Hamburg wird ein weltweit einzigartiger historischer Schatz aufbewahrt. Die Quelle enthält für die Zeit von 1850 bis 1934 die Passagierlisten der Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben über den Hamburger Hafen ausgewandert sind. Das Material lagert in 555 handschriftlich geführten Bänden im sogenannten Folio- oder Großfolioformat. Vor 20 Jahren begann „LinkToYourRoots“, das Projekt zur digitalen Erschließung der Auswandererlisten im Staatsarchiv unter der Leitung von Paul Flamme. Jetzt ist es erfolgreich beendet worden. Ein Meilenstein für die internationale Migrations- und Familienforschung.

Rund zehn Prozent aller europäischen Überseeauswanderer verließen den Kontinent über Hamburg, doch nur in der Hansestadt sind die Nachweise über die Passagiere erhalten geblieben. In Bremen, Rotterdam oder Le Havre existieren diese Aufzeichnungen nicht mehr. Warum? „Oft haben die Listen den Krieg nicht überlebt, oder man hat vielleicht auch den historischen Wert nicht erkannt“, sagt Flamme. In den Listen stehen die persönlichen Daten der Auswanderer samt Herkunftsort, beruflicher Qualifikation und Auswanderungsziel. „Manchmal sind die Angaben auch noch durch verschiedenste Anmerkungen ergänzt worden“, sagt Paul Flamme, „und dank dieser detaillierten Aufzeichnungen eignet sich die Quelle hervorragend für die Erforschung historischer Migrationsprozesse“.

Wertvolle Zeugnisse für Nachkommen

Daneben könnten insbesondere die Nachkommen von Auswanderern die häufig in Vergessenheit geratenen Lebensumstände ihrer Vorfahren ermitteln. „Das Wissen über die Herkunftsorte der Vorfahren ermöglicht erst die weitere Erforschung der Familiengeschichte“, sagt Flamme, „und nicht selten entscheiden sich die Angehörigen dann für eine Reise nach Hamburg und von hier aus in die Ursprungsorte der Vorfahren“.

Die größte Herausforderung, so Flamme, habe anfangs darin bestanden, geeignete Mitarbeiter zu finden. Sie mussten in der Lage sein, exakt zu arbeiten, die teilweise schwer leserlichen Schriften von den unterschiedlichen Schreibern zu entziffern, Abkürzungen und Herkunftsorte zu recherchieren und diese Daten dann korrekt digital zu übertragen. „Wir haben jeden Eintrag gegengelesen und überprüft“, sagt Flamme. Besonders schwierig sei das Übertragen der Daten gewesen, die nach der Beschlagnahme der deutschen Handelsflotte in Folge des Ersten Weltkrieges erstellt wurden. „Das Auswanderungsamt dokumentierte die dann auf Frachtern und ausländischen Schiffen stattfindende Auswanderung nämlich nur noch durch formlose, unvollständige und unstrukturierte Zettel, aus denen die notwendigen Informationen häufig mühsam und unter Hinzuziehung zusätzlicher Quellen ermittelt werden mussten.“

Manche Akten kaum noch lesbar

Ohne die Förderung durch die Sozialbehörde wäre die digitale Erfassung der Auswandererlisten nicht möglich gewesen. Das Vorhaben wurde als Modellprojekt zur beruflichen Integration von Schwerbehinderten ins Leben gerufen. Es startete 1999 mit 27 Stellen, am Ende waren noch acht Mitarbeiter beteiligt. Drei Dauer-Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung wurden in der Ballinstadt geschaffen, mehrere Mitarbeiter konnten woanders in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden.

Manche handgeschriebenen Akten befanden sich in einem bedauernswerten Zustand. „Es drohte der Zerfall der Listen durch die säurebildenden Stoffe des verwendeten Papiers und durch Tintenfraß“, sagt Flamme. „Bei einigen Einträgen war das Lesen der Informationen bereits unmöglich. Die fortgesetzte intensive Nutzung hätte zu ihrer Zerstörung geführt.“ Da es sich bei den Listen um eine einmalige historische Quelle handelt, entschied das Staatsarchiv, neben der Bereitstellung von „Digitalisaten“, also den Endprodukten der Digitalisierung, die Folianten mit hohem Aufwand zu restaurieren und zu entsäuern.

Neue Ansätze für die Forschung

Die Vermarktungsrechte an der Datenbank hat die Kulturbehörde auf den Betreiber des 2007 eröffneten Auswanderermuseum BallinStadt, die Leisure Work Group GmbH (LWG), übertragen. Dieser reichte die Rechte an den amerikanischen Marktführer für genealogische Dienstleistungen, Ancestry.com, weiter. Die Verträge legen auch fest, dass das komplette Angebot des US-Unternehmens mit 20 Milliarden historischen Dokumenten sowohl im Lesesaal des Staatsarchivs als auch im Familienforschungszentrum BallinStadt kostenfrei genutzt werden kann.

Mit einem kostenpflichtigen Abonnement können Nutzer aber auch direkt auf der Internetseite von Ancestry.com nach ihren Vorfahren recherchieren. Sie brauchen dazu im Grunde nur den Namen, dann erscheint eine Liste mit allen weiteren Angaben der möglichen Personen wie Vorname, Geburtsdatum, Wohnort, Beruf und Abfahrtsdatum bis hin zum Schiffsnamen. Bei den Treffern erscheinen jeweils auch die eingescannten Originalakten, die man für den persönlichen Gebrauch ausdrucken kann.

„Die digitale Erschließung der Daten eröffnet Historikern und Migrationsforschern jetzt ganz neue Ansätze für ihre Forschung“, sagt Flamme. Aktuell gebe es ein Projekt an der Yale University in New Haven (USA). „Dort wird nun der Einfluss deutscher Immigranten auf die Entwicklung der US-amerikanischen Ökonomie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts untersucht.“ Rund 45 Millionen Amerikaner, das sind knapp 15 Prozent der Bevölkerung, gaben 2016 „German“ als ihre Hauptabstammung an. Die aus Hamburg gelieferten Daten werden mit US-Zensus-Daten kombiniert, um so die individuellen Lebenswege und beruflichen Entwicklungen von Millionen von deutschen und europäischen Einwanderern nachzuzeichnen.

Damals waren Deutsche Wirtschaftsflüchtlinge

Weiteres Projekt-Ergebnisse sind Bücher (wie Gerhard Fuchs’ Roman „Die Auswanderer“) und Broschüren, Stadtrundgänge (durch die Neustadt und die Speicherstadt) und Ausstellungen (im Zollmuseum oder auf der „Cap San Diego“) sowie Videofilme („Krakau-Hamburg-New York“, eine Geschichte der Auswanderung über Hamburg).

„Die Nutzung der Daten trägt deutlich zum Erfolg des Auswanderermuseums bei“, sagt BallinStadt-Geschäftsführer Volker Reimers. Für Hamburg bedeute das große nationale und internationale Aufmerksamkeit, für Veddel einen wichtigen Beitrag zur Stadtentwicklung. „Viele Menschen haben bereits ihre Familiengeschichte hier erfolgreich recherchieren können.“ Der einmillionste in die Datenbank eingegebene Auswanderer ist der damals 19-Jährige Hutmachergeselle Selig Ackermann aus Bialystok, der im September 1902 auf dem Hapag-Dampfer Blücher von Hamburg nach New York fuhr. Auf Einladung des damaligen Bürgermeisters Ole von Beust besuchten seine Enkelkinder Shelley und Mark Ackermann die Hansestadt.

Es gibt aber auch einen wichtigen Bezug zur aktuellen Weltlage. Nämlich das Wissen, dass vor rund 100 Jahren auch Millionen Europäer Wirtschaftsflüchtlinge waren, die in ihren Heimatländern aus den unterschiedlichsten Gründen nicht überleben konnten und sich von der Flucht über das Meer in einen anderen Kontinent eine bessere Zukunft versprachen. Verzweifelte Menschen wie Fred und Elisabeth Trump, die Großeltern von Donald Trump, dem gegenwärtigen US-Präsidenten.