Buchtipp

Ein Wall-Street-Schnösel unterwegs in Amerika

Gary Shteyngart, geboren 1972 in der damaligen Sowjetunion, jetzt US-Amerikaner

Gary Shteyngart, geboren 1972 in der damaligen Sowjetunion, jetzt US-Amerikaner

Foto: dpa

Der oft witzige Gary Shteyngart porträtiert in seinem neuen Roman das Amerika der Trump-Gegenwart. Richtig lachen will man nicht.

Hamburg. Die eher preiswerten Exemplare in Barry Cohens Uhrensammlung kosten 20.000 Dollar. Für eine Flasche Wein zahlt er 2000 Dollar. Barry findet die Republikaner ziemlich gut, ihrer Wirtschaftspolitik wegen. Er ist für maximale Liberalität und wenig Regulation. Er ist der Herrscher über die Märkte. Barry ist ein Hedgefondsmanager.

Also ungefähr so beliebt wie Pickel im Gesicht. Trotzdem hat der US-amerikanische Autor Gary Shteyngart, der 1972 in Leningrad geboren wurde, diesen Barry Cohen zum Helden seines neuen Romans „Willkommen in Lake Success“ gemacht. Als derangierten Master of the Universe und Milliarden-Sammler von der Wall Street, der in Schieflage geraten ist. Natürlich. Was wäre das für ein gähnend langweiliger Stoff, ein erzählerischer Rohrkrepierer, wenn Barry erfolgreich mit Fantasiesummen hantierte, die derweil leider nur allzu real sind.

Heraufkunft Trumps ist Echoraum des Romans

Er ist also lädiert, dieser berufsauffällige Anfangsvierziger. Shteyngart lässt ihn in der ersten Szene gleich mal besoffen und blutend durch einen Busbahnhof wanken. Da ist sie, die eine gute Idee, die manchmal locker ausreicht, um einen Roman zu schreiben. Barry, der Sohn eines Poolreinigers aus der Bronx, ist Hals über Kopf nach einem Streit mit seiner Frau dem Apartment in Manhattan entflohen, das er sich als stinkreicher Repräsentant des „obersten Einkommensprozent“, wie es sehr wahr in „Willkommen in Lake Success“ heißt, locker leisten kann. Mit der Frau, der selbstverständlich schönen Seema, läuft es nicht, vor allem wegen des gemeinsamen Kindes, das drei Jahre alt und außerdem Autist ist. Außerdem ist die Börsenaufsicht hinter ihm her. Barry soll Insidergeschäfte gemacht haben. Schlimmer Vorwurf!

Was immer am Ende am meisten wiegt, das private Chaos oder die berufliche Unordnung: Barry Cohen jedenfalls schmeißt seine Kreditkarten weg und sein Handy. Er besteigt den Greyhound-Bus, jenes Symbolgefährt des transitorischen, deklassierten Unterwegs-Amerikas, und verlässt das Moloch New York, in dem seltsam entrückte Gestalten wie Donald Trump leben, der sich zur Zeit der Romanhandlung verrückterweise gerade anschickt, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden.

Barry, so wird ihm seine Frau, eine klassische Linksliberale mit indischen Wurzeln, später vorwerfen, sei ein moralisch verderbter Mann, der wie Trump mit allem durchkomme. Die Heraufkunft der Heimsuchung Trump ist der Echoraum, in dem sich die Handlung vollzieht. Das fängt schon da an, dass Barry nun also im Bus sitzt, unterwegs in dem „echten Amerika“, das der Populist Trump permanent gegen die Eliten ins Feld führt, zu denen er kontomäßig doch zählt.

Idee: Milliardärssammelkarten für Unterprivilegierte

Auf seinem Trip durch Mississippi, Arizona und Texas wandelt der Wohlstandsflüchtling Barry, der sich so gerne neuerfinden will und, Republikanervorliebe hin oder her, Trump ziemlich unmöglich findet, auf dem breiten Grat zwischen Arm und Reich. Im Bus trifft er eher die, die der Amerika-wieder-groß-Macher am liebsten hinter Mauern wissen will, als Rednecks. Diese Begegnungen setzt Shteyngart, der in seinen bisherigen Büchern und da besonders im Memoir „Kleiner Versager“ ein so eminent komischer Autor gewesen ist, wie gewohnt flott in Szene.

Manche seiner Einfälle sind herrlich absurd und ganz auf die Entlarvung von Amerikas Lebenslügen aus. Etwa die Idee, die er dem zwischen träger Melancholie und moralischer Totalverpeiltheit changierenden Barry zuschustert. Der ist ein gieriger Selfmademan, der nur das Beste will für die Abgehängten und deshalb Milliardärssammelkarten (mit Gesamtvermögen, Platz auf der „Forbes“-Liste, liquiden Mitteln, Anlagewerten) auf den Markt bringen will. Für die armen schwarzen Kinderlein, die die Schule kaum schaffen und Gründe brauchen, sich mehr anzustrengen. In einem Wort: Vorbilder von der Wall Street.

Mit dem Pinselstrich des Satirikers, der seine Wirklichkeitsbeschau nie akkurat betreiben muss, nähert sich Shteyngart der Klasse der „Hedgies“. Mit ein paar von ihnen hat er nächtelange Barabende verbracht, wie er in Interviews erzählte, aus Recherchegründen. Wenn er seinen Helden in Baltimore unter den Street Kids herumstreifen lässt, bezieht er seine Kenntnisse dagegen wohl ausschließlich aus „The Wire“, der TV-Serie, die Shteyngart in „Lake Success“ explizit nennt.

Ein Mann, dem es an Seele fehlt

Shteyngart erzählt nicht allein Barrys Geschichte, dem er mit dessen Reise in dessen biografische Vergangenheit und hin zu seiner College-Liebe Layla in El Paso (ein erzähltechnisch notwendiger, aber insgesamt eher schwacher Zielpunkt der Reise) jedoch den üppigsten Platz einräumt; er erzählt auch von Seemas Affäre mit einem Schriftsteller, der zwar keine Leser hat, aber mit Vorträgen ein so gut ausgepolstertes Konto hat, dass er ebenfalls in einem Manhattan-Tower leben kann. Da ist der Roman stark: Wenn er sich über die Milieus lustig macht, die Shteyngart gut kennt.

So mutig es aber ist, einen narzisstischen und oft unsympathischen Mann, dem es an Seele fehlt, zur Hauptfigur zu machen: Am Ende ist dem Leser eher fad zumute, denn witzig ist im Amerika der Gegenwart eben längst nichts mehr.