Neuübersetzung

Robinson Crusoe, ein literarischer Überlebenskünstler

Dan O'Herlihy in einer „Robinson Crusoe“-Verfilmung von 1954.

Dan O'Herlihy in einer „Robinson Crusoe“-Verfilmung von 1954.

Foto: picture alliance

Seit 300 Jahren hat der Schiffbrüchige Erfolg. Bei Mare erscheint eine Neuübersetzung des berühmten Romans von Daniel Defoe.

Berlin/Hamburg.  Wer sich in Gedanken eine einsame Insel vorstellt, träumt meist von einem tropischen Paradies. Nicht zuletzt liegt das an Daniel Defoe und seinem Romanhelden Robinson Crusoe, der beinahe drei Jahrzehnte in der Abgeschiedenheit des Ozeans lebte. Heute vor 300 Jahren erschien der Roman in London – und war sofort enorm erfolgreich. Abenteuergeschichten über Reisen durch die Welt oder sogar bis auf den Mond seien seinerzeit überaus populär gewesen, sagt die Berliner Literaturprofessorin Helga Schwalm. Die meisten Defoe-Biografen nehmen an, der damals fast 60-Jährige habe seinen „Robinson“ vor allem aus ökonomischen Motiven geschrieben.

Auch der literarische Erfolg sollte sich jedoch einstellen. Innerhalb von drei Wochen war die erste Auflage vergriffen, wie es im Nachwort der vor Kurzem im Hamburger Mare-Verlag erschienenen „Robinson“-Neuübersetzung von Rudolf Mast heißt. Das Buch habe damals den halben Wochenlohn eines Arbeiters gekostet. Bereits im Erscheinungsjahr gibt es mehrere Auflagen, Defoe schreibt noch im selben Jahr die Fortsetzung der Abenteuer.

Europäischer Kolonialismus und die Sklaverei

Zu Beginn verlässt der Ich-Erzähler darin seine Familie, um die Welt zu entdecken und dabei Geld zu verdienen. Crusoe gerät in Sklaverei und muss sich mithilfe anderer befreien. Später erleidet er Schiffbruch und landet auf einer einsamen Insel. In festem Glauben an Gott und die Prinzipien des puritanischen Bürgertums arbeitet er sich aus seiner Lage heraus: Er errichtet eine Herberge, kultiviert Früchte, zähmt Tiere und baut Getreide an. 24 Jahre lebt er in seinem tropischen Paradies – bis er einen menschlichen Fußabdruck im Sand entdeckt.

Das Auftreten des Robinson-Begleiters wirft ein Bild auf das Verhältnis des europäischen Kolonialismus zur Sklaverei. „Als Erstes erklärte ich ihm, dass er künftig Freitag heißen würde“, heißt es im Roman. „Ich brachte ihm auch bei, Herr zu sagen und mich so zu nennen.“ Die Bayreuther Literaturwissenschaftlerin Susan Arndt hat einmal in einem Interview gesagt, der Roman sei „ein Handbuch, wie man diese neuen Territorien in Amerika und Afrika kolonisierte, also die Ressourcen nutzte, aber auch die Arbeitskräfte“. Der Ich-Erzähler sehe es als normal und legal an, dass Weiße Schwarze versklavten. Das Bild habe sich bis heute in die Köpfe der Leser gesetzt.

Wichtiges Chiffre in der Literatur

Anfang des 18. Jahrhunderts erfasst das Robinson-Fieber die gesamte Literaturwelt. Unzählige Auflagen in häufig geschrumpften Fassungen kommen auf den Markt. Die erste deutsche Übersetzung entsteht bereits 1720. Die bekannteste stammt von Joachim Heinrich Campe. Er schafft um 1780 mit seiner freien Adaption „Robinson der Jüngere“ einen Roman für Generationen von Schülern. Dabei konzentriert er sich auf das Inselleben und bemängelt an Defoe „so viel weitschweifiges, überflüssiges Gewäsche, womit dieser veraltete Roman überladen ist“.

Dennoch schuf Defoe eine der wichtigsten Chiffren in der Literatur. Bis heute nutzen Künstler den Schauplatz der einsamen Insel und das Genre der Robinsonaden für ihre Utopien und Entwürfe. Man denke etwa an William Goldings Roman „Herr der Fliegen“, in dem Kinder und Jugendliche eine barbarische Gesellschaft errichten. Oder an die überaus erfolgreiche US-Mysteryserie „Lost“.

Defoes Werk hat alle Nachfolger überlebt. Sein Schiffbrüchiger steht in einer Reihe mit Größen wie Odysseus, Faust oder Don Quijote. „Robinson Crusoe“ nährt sich von seinem Mythos.

Daniel Defoe: „Robinson Crusoe“, aus dem Englischen von Rudolf Mast, Verlag Mare, 400 S., 42 Euro