Konzertkritik

Große Gefühle beim Osterfestival in der Elbphilharmonie

Trompeter Frank London.

Trompeter Frank London.

Foto: Daniel Dittus

Das Programm zum Thema Venedig bot viele Höhepunkte. Die „Ghetto Songs“ gehörten ebenso dazu wie eine Vivaldi-Rarität.

Hamburg. Ostersonntag in der Elbphilharmonie: Gefühlvoll zupft Greg Cohen im Großen Saal seinen Kontrabass und spielt das Thema von Donny Hathaways „The Ghetto“. Frank Londons gestopfte Trompete kommt hinzu, und dann nehmen auch die anderen Musiker die Melodie auf. Brandon Ross, ein afroamerikanischer Jazzmusiker aus New York, singt den Text und weckt Assoziationen an die Schwarzenviertel in den amerikanischen Großstädten.

„Ghetto Songs“ heißt das Projekt, das Frank London konzipiert hat und das Teil des Osterfestivals in der Elbphilharmonie ist, in dem es um Musik aus Venedig geht. Hathaways Soulnummer und auch einige andere Lieder dieses abwechslungsreichen Konzertes stammen aber nicht aus der Lagunenstadt. Die Verbindung zwischen allen Stücken ist das Getto. Bereits vor 500 Jahren entstand in Venedig das erste Getto, in das Juden gesperrt wurden. Wenn sich abends die Tore des Viertels schlossen, schützte das die jüdische Bevölkerung allerdings auch vor antisemitischen Übergriffen der Venezianer.

Auch der War-Song „The World Is A Ghetto“ erklingt

Aus dieser Zeit stammt das traurige „O dolcezz’ amarissime“ des bedeutenden jüdischen Renaissance-Komponisten Salamone Rossi. Mit Svetlana Kundish und dem frisch gekürten Grammy-Gewinner Karim Sulayman gehören zwei erstklassige Sänger zum achtköpfigen Ensemble, das Frank London für das „Ghetto Songs“-Programm zusammengestellt hat.

Die musikalische Reise führt durch viele Elendsviertel der Welt und fördert Musik aus den marokkanischen „Mellahs“, den jüdischen Gettos in Polen oder den Favelas der südamerikanischen Metropolen zutage. London hat sie neu bearbeitet und arrangiert, im kenntnisreichen Programmheft sind alle Liedtexte übersetzt, sodass die Besucher mitlesen können. In den 95 Minuten stehen politische Songs neben venezianischen Gondelliedern, trifft mittelalterliche italienische Poesie auf Musik aus den Synagogen der Welt.

London und sein Ensemble loten diese Lieder mit viel Feingefühl aus, zeigen die Melancholie und den Schmerz, der etwa einem Lied wie „Il tramonto di fossoli“ zugrunde liegt, das der italienische Schriftsteller Primo Levi, ein Auschwitz-Überlebender, geschrieben hat. Mit „The World Is A Ghetto“ von der afroamerikanischen Soulband War endet der Zyklus der Ghetto Songs. Zum Abschluss des Abends folgen ein paar ausgelassene Nummern, passend zum Pessachfest, das die jüdischen Gemeinden in diesem Jahr zur selben Zeit feiern wie die Christen Ostern. Beim traditionellem „Tahi Taha“ und dem lustigen Aufzählungslied „Capreto“ tanzen London und seine beiden Sänger über die Bühne und animieren die Zuschauer zum Mitklatschen.

Es lohnt sich, den weniger bekannten Vivaldi zu hören

Kurz zuvor im Kleinen Saal: Vivaldi gehört zu Venedig wie Beethoven zu Bonn, Mozart zu Salzburg oder Brahms zu Hamburg. Selbstredend, dass er beim Venedig-Festival nicht fehlen darf. Schön, dass die Programmmacher auf die genialen, aber schon ein bisschen in die Jahre gekommenen „Vier Jahreszeiten“ verzichtet haben und auf eine Repertoire-Rarität setzen: Vivaldis Cello-Sonaten. Der französische Cellist Jean-Guihen Queyras ist ein Allrounder auf seinem Instrument, er spielt neue und alte Musik sowie Klassik und Romantik gleichermaßen gut. Von Vivaldis insgesamt neun überlieferten Cello-Sonaten serviert er sechs, und zwar auf einem Barock-Cello ohne Stachel und natürlich mit einem Barock-Bogen.

Man taucht ein in eine eher dunkle Klangwelt. Vivaldi nutzte noch nicht die brillanten hohen Lagen des Instruments wie später Boccherini, Haydn oder die Romantiker. Vielleicht wollte er bewusst einen Kontrast setzen zu seinen hochvirtuosen Violinkonzerten? Jean-Guihen Queyras lässt die Farben wunderbar warm und sonor leuchten. Abwechslung und Kontrast ergeben sich einerseits durch den unterschiedlichen Charakter der Tonarten der Sonaten und andererseits dadurch, dass Queyras’ versierter Partner Michael Behringer die drei B-Dur-Sonaten auf einem Orgelpositiv und die Sonaten in F-Dur, a-Moll und e-Moll auf einem Cembalo spielt. Von dessen Klang setzt sich der Cello-Ton prägnanter ab, bei der Orgel verschmelzen beide Instrumente mehr.

So entstehen durch feine Abstufungen spannende Wechselwirkungen von Farben, Licht und Schatten. Jeder kleine Satz funkelt auf seine Art. Bei den im Charakter freudigeren und strahlenderen B-Dur-Sonaten faszinieren besonders die manchmal ausladenden melodischen Bögen, die Queyras mit nie nachlassender Intensität gestaltet. Eher ins Elegische tendieren dagegen die Eröffnungssätze der beiden Sonaten in Moll. Queyras lässt sie mit langen, ganz geraden, traurigen Tönen zu berührenden Klagegesängen werden, um dann in den folgenden Allegros mit wütend-aufbegehrenden Streicherfiguren die Saiten geradezu angriffslustig und wild, voller Risiko zu „bearbeiten“. Auf diese Weise tritt man gewissermaßen eine Reise durch ein Kaleidoskop der Gefühle an, von fahler Melancholie über entspannte Zufriedenheit, aufgeregte Freude bis zu theatralischer Dramatik.

Es lohnt sich, den unbekannten Vivaldi zu entdecken! Großer Applaus des Festivalpublikums, das sich zwei Zugaben erklatscht.