Auf die Ohren

Passionsmusiken, rechtzeitig zum Osterfest

300 Jahre war das Passionsoratorium von Reinhard Keiser verschollen. Jetzt ist es erstmals auf CD zu erleben.

Hamburg, im April 1705. Ein Skandal erschüttert die Musiklandschaft. Die feine Gesellschaft bebt vor Empörung und kriegt sich gar nicht mehr ein, „weil viel Frauen geblößet auß der Opera mit sungen und ein rechtes Theatrum darzu auffgeschlagen war“, wie ein Chronist notiert. Sängerinnen mit nackten Schultern. Geistliche Musik auf einer Schaubühne, gegen Eintritt von acht Schilling. Und das während der Fastenzeit!

Unerhört, ein absolutes No-Go. Und deshalb vielleicht auch eine gewiefte PR-Aktion. Denn Reinhard Keiser, der wichtigste Komponist der Gänsemarktoper und sein Librettist Christian Friedrich Hunold, hatten etwas völlig Neues auf den Markt geworfen: Ein Stück mit dem Titel „Der blutige und sterbende Jesus“, das Elemente aus Oper und geistlicher Musik vereint.

300 Jahre war Keisers Passionsoratorium verschollen. Jetzt ist es erstmals auf CD zu erleben („Der blutige und sterbende Jesus“, Cantus Thuringia, Capella Thuringia, Bernhard Klapprott, Cpo). Die Aufnahme mit dem Cantus und der Capella Thuringia und einer guten Solistenriege unter Leitung von Bernhard Klapprott offenbart die ganze Meisterschaft von Keiser, dem Theaterfuchs. Er verzichtet auf die erzählerische Distanz durch einen Evangelisten und schildert das Geschehen direkt durch die handelnden Personen. Kriegsknechte und Hohepriester stacheln die Menge an, Petrus, Judas, Maria und Jesus selbst treten auf und reflektieren ihre Gefühle. Dabei bedient Keiser alle Arientypen, die sein Publikum aus der Oper kannte. Maria singt ein Liebeslied, Judas eine Wahnsinnsarie, und Petrus ruft im Stil eines Furioso zu den Waffen, um Jesus zu verteidigen.

Spannende Alternative

Ein farbiges, packendes Stück, und eine spannende Alternative zu den unerreichten Werken von Johann Sebastian Bach. Ebenso wie eine Markus-Passion des völlig unbekannten Barockkomponisten Johann Georg Künstel aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Künstel schlägt einen etwas anderen Weg ein und setzt auf einen eher schlichten und liedhaften Ton. Der berührt den Hörer in der neuen Aufnahme mit dem Ensemble Polyharmonique sofort und macht es leicht, sich auf die Leidensgeschichte und die Emotionen einzulassen („Markus-Passion“, Polyharmonique, L’arpa festante, Christophorus).

Etwa, wenn Sopran und Alt in zärtlichem Mitleid ihre „in Tod betrübte Seel“ besingen. Jesus ist bei Künstel vor allem ein Menschensohn, mit Ängsten, Sorgen und großer Traurigkeit. Man muss nicht besonders gläubig sein, um sich von dieser Musik ergreifen zu lassen, gerade wenn sie so sprachsensibel und natürlich interpretiert ist. Eine großartige Entdeckung, auch das, ganz ohne Skandal.