Europa-Premiere

„Paramour“: Ein Musical ohne Netz und doppelten Boden

Da staunt nicht nur „Kleopatra“: Die Zwillinge Andrew und Kevin Atherton fliegen bei ihrer spektakulären Strapaten-Nummer auch übers Publikum.

Da staunt nicht nur „Kleopatra“: Die Zwillinge Andrew und Kevin Atherton fliegen bei ihrer spektakulären Strapaten-Nummer auch übers Publikum.

Foto: RICHARD TERMINE

Europa-Premiere der Cirque-du-Soleil-Show „Paramour“ im Stage Theater Neue Flora mit spektakulärer Artistik, Gesang und Tanz.

Hamburg.  Der Regiestuhl steht ein wenig verloren in der Mitte der großen Bühne. Links ein Scheinwerfer, rechts ein Scheinwerfer, dazwischen ein großer Schwenkarm mit Kamera, eine große Flüstertüte und eine Kiste mit Filmrollen. Willkommen in Hollywood! So sieht es also aus, wenn in einem Filmstudio kein Betrieb herrscht. Dann aber erscheint der Regisseur, der Regiestuhl wird in der Bühne versenkt, und die Reise in die Traumfabrik, in die goldene Ära der 20er-Jahre Hollywoods, beginnt.

Das ist der Rahmen für „Paramour“, dem neuen Stern am Musical-Himmel, der am Wochenende seine Europa-Premiere im Stage Theater Neue Flora feierte. So etwas hat zwar die Welt schon gesehen – das Stück lief bereits 2016/17 am New Yorker Broadway –, nicht jedoch die Musical-Metropole Hamburg. „Paramour“, eine Anspielung auf den Filmgiganten Paramount, ist die erste Zusammenarbeit der hiesigen Stage Entertainment mit dem kanadischen Cirque du Soleil. Und die Show nach Drehbuch bietet wahrlich reichlich Futter für Augen und Ohren, denn außer den klassischen Musical-Zutaten Schauspiel, Gesang und Tanz gesellt sich hier die Artistik hinzu.

Pasquale Aleardi überzeugt mit seiner Präsenz

Und die braucht bei 20 Akrobaten natürlich ihren Platz – nicht nur auf der Bühne, sondern auch über den Köpfen der Zuschauer. Da fliegen die britischen Zwillinge Andrew und Kevin Atherton bei ihrer spektakulären Strapaten-Nummer durch den hohen Saal der Neuen Flora, da zeigen die Artisten Dmytro Dudnyk und Anastasia Shkandybina in einer Nachtclub-Szene einen waghalsigen Pas des deux auf dem Einrad, und Schleuderbrettartisten wagen und stehen in Western-Kulisse sogar einen vierfachen Salto. Das Tolle daran: Fast alle Artistik-Nummern fügen sich in die von Sergio Trujillo inszenierte und choreografierte Geschichte ein – auch wenn sich zusätzlich bis zu zehn Tänzer und sechs Darsteller auf der Bühne tummeln. Nur die sechsköpfige Band unter der Leitung Klaus Wilhelms bleibt unsichtbar.

Und AJ Golden, so der Name des eingangs erwähnten Filmemachers, führt alle Beteiligten nicht nur durch diverse Kulissen und Genres von Historien- und Monumentalfilm bis zum Film Noir. Die sich nahezu ständig wandelnden Bühnenbilder geben den drei Protagonisten auch Raum und – sofern bei einem Musical dieser Größenordnung möglich – Tiefe für Spiel und Gesang. Der Broadway-erfahrene Pasquale Aleardi (im Musical „Chicago“), Film- und Fernsehzuschauern etwa aus „Resident Evil“ und als ARD-„Kommissar Dupin“ bekannt, überzeugt insbesondere mit seiner Präsenz. Als herrischer, ja narzisstischer AJ Golden wirkt er wie der „Gröraz“, der größte Regisseur aller Zeiten, der von seinen Untergebenen immer mehr verlangt – bis hin zum vermeintlich Unmöglichen wie eben einem vierfachen Salto.

Ex-“Tarzan“ Anton Zetterholm gibt den Freund des Film-Stars Indigo

„Ich habe dich erschaffen!“, sagt er zu seinem neuen Star Indigo. So nennt er die von ihm im Nachtclub entdeckte junge Sängerin Mildred Williams aus dem US-Staat Indiana. Sie soll ihn und seinen Film retten. Für ihren Freund Joey bleibt sie aber die „Milly“, Rivale AJ nennt den als Komponisten-Anhängsel engagierten Nachwuchs-Pianisten schlicht „Kleiner“. Womit die Konstellation in dieser üppig ausstaffierten Dreiecksgeschichte schon mal klar ist. Die Niederländerin Vajèn van den Bosch glänzt bei ihrem Hamburg-Debüt als Frau, die sich der Rolle als Objekt widersetzt, mit Schauspiel und Gesang. Umworben mit Collier (vom Großkotz AJ) und kleiner Kette von Jugendfreund Joey. Den singt und spielt der Schwede Anton Zetterholm, in Hamburgs Neuer Flora in der Titelrolle aus „Tarzan“ noch bestens bekannt.

Die Szene, wie die beiden Turteltauben auf der Bühne mit sechs weiteren Paaren in sieben Abschnitten einen Filmstreifen mit Leben erfüllen, ist einer der gesanglichen und tänzerischen Höhepunkt im ersten Akt. Tenor Zetterholm gewinnt im zweiten nicht nur dadurch Statur, indem er richtig Klavier spielt, sondern indem er Regisseur AJ auch mal ironisch Kontra gibt.

„Paramour“ bedeutet auf Deutsch ja „Geliebte/Geliebter“

Insgesamt zehn Songs haben die Komponisten Guy Dubuc und Marc Lessard sowie Songtexter Andreas Carlsson in die Story gepackt; in der deutschen Übersetzung von Daniel Große Boymann bleibt vor allem das mehrmals wiederaufgenommene „Kleinstadtmädchen“ hängen. Und „Paramour“ bedeutet auf Deutsch ja „Geliebte/Geliebter“, sodass auch dieser Lovestory ein glückliches Ende beschieden ist.

Mehr Nervenkitzel bieten da im zweiten Akt die weiteren Nummern der insgesamt 16 der verschiedenen dargebotenen Artistik-Disziplinen: In der Symbolisierung von AJs Albtraum erinnern drei Akrobaten an zu Laternenpfählen umfunktionierten Vertikalstangen mit ihren maskierten Kollegen an poetisch-mystische Cirque-du-Soleil-Produktionen wie „Varekai“ oder „Quidam“.

Am Gewagtesten ist die eigens für „Paramour“ kreierte Trapez-Nummer von Jack Atherton, Audrey Labeau und Thomas Evans im Büro des Film-Regisseurs. Die Artistin bewegt sich per Hand-auf-Hand-Akrobatik zwischen dem auf dem Boden stehenden Träger und dem Trapezkünstler hin und her – die mit begeisterten Beifallsstürmen quittierte spektakuläre Darstellung der inneren Zerrissenheit der jungen Indigo. Und aus den Ecken begleitet vom Gesang Vajèn van den Boschs, Aleardis und Zetterholms.

Zum Finale in New York eine Verfolgungsjagd als Tumbling-Nummer

Wie alle Artistik-Darbietungen in „Paramour“ ist auch dies eine Nummer ohne Netz und doppelten Boden. Und das große Finale führt das Film-Set von Hollywood sogar noch nach New York mit einer Verfolgungsjagd über den Dächern der Stadt. Als spektakuläre, wenn auch etwas zu lange Tumbling-Nummer, der mehr ausgereifte Bühnenkampfkunst noch die Krone aufgesetzt hätte. Mehr als genug „Action“ bietet diese Musical-Show in zweieinhalb Stunden auch so.

„Paramour“ – Das Musical wieder ab Di 16.4., 19.30, Stage Theater Neue Flora (S Holstenstr.), Stresemannstr. 159a, Karten bis zunächst Januar 2020 zu 59,90 bis 185,90: Abendblatt-Geschäftsstelle, Gr. Burstah 18–32, Ticket-Hotline T. 30 30 98 98; www.stage-entertainment.de