Elbphilharmonie

Wenn Nagano im Großen Saal das Dirigieren einstellt

Kent Nagano war der Mann am Pult

Kent Nagano war der Mann am Pult

Foto: dpa Picture-Alliance / NEUMAYR

Dann überlässt er das Geschehen den Musikern des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg, die Glücksgefühle bescheren.

Hamburg.  Es ist immer faszinierend für das Publikum, wenn es der Musik beim Entstehen zusehen kann. Ganz hinten auf der Bühne im Großen Saal der Elbphilharmonie tanzt eine junge Frau an den Gongs, die um sie herum aufgehängt sind. Geht in die Knie, um mit dem Schlägel den Punkt für den besten Klang zu erwischen, oder macht einen Schritt zur Seite für den richtigen Winkel.

Ganze neun Schlagwerker bietet das Philharmonische Staatsorchester Hamburg an diesem Sonntagmorgen auf, um „Rituel in memoriam Bruno Maderna“ aufzuführen, das Pierre Boulez 1974/75 schrieb. Neun Schlagwerker plus Pauke und dazu übrigens eine stattliche Menge Blech, das klingt nach Masse und Lautstärke. Aber nicht bei Boulez. Ihm geht es hörbar nicht um akustische Überwältigung, sondern um eine Diversifizierung des Klangs.

Die Musiker spielen exzellent zusammen

Für sein „Rituel“ teilt er das Orchester in Grüppchen auf und gesellt jedem von ihnen einen Schlagwerker zu. So entwickelt er um Motive, Strukturen und Beziehungen. Bisweilen folgen die Gruppen unterschiedlichen Rhythmen zur gleichen Zeit, was dank Kent Naganos unaufgeregter, sorgfältiger Leitung vollkommen organisch wirkt. Zwischendurch stellt Nagano das Dirigieren gleich ganz ein und überlässt das Geschehen seinen Musikern.

Die spielen nicht nur exzellent zusammen, vor allem vermitteln sie dem Hörer das beglückende Gefühl, an etwas Wesentlichem beteiligt zu sein. Boulez macht keine Note zuviel für das, was er zu sagen hat. So präzise und durchdacht seine Musik ist, so sensibel ist sie zugleich in den Klangfarben abgestimmt. Diese Farbigkeit und Beredtheit lösen bei dem, der sich auf sie einlässt, eine Vielzahl von Empfindungen aus.

Mozarts c-Moll-Messe in der Neuausgabe von Ulrich Leisinger

Nach der Pause folgt die Erstaufführung von Mozarts c-Moll-Messe in der Neuausgabe von Ulrich Leisinger. Mozart hat die Messe nie fertiggestellt. Leisinger hat gegenüber den gängigen Spielfassungen Änderungen in Stimmverteilung und Instrumentierung vorgenommen, die sich dem unbefangenen Hörer nicht aufdrängen. Was aber zu spüren ist, ist der fragmentarische Charakter des Werks, und gerade er verleiht der Aufführung eine besondere Eindringlichkeit. Das Orchester musiziert lebendig und durchhörbar, die Naturhörner bringen einen Hauch Originalklang hinein, das Chorwerk Ruhr singt homogen und beeindruckend beweglich.

Schade nur, dass die erste Sopranistin Lydia Teuscher Beulen im Vibrato und scharfe Kanten im Timbre hat. Das fällt umso mehr auf im Kontrast zu der glockenreinen, klaren Stimme der zweiten Sopranistin Marie-Sophie Pollak. Diese Unebenheit ist allerdings der einzige Wermutstropfen der Matinee.