Literatur-Auszeichnung

Leipziger Buchpreis geht an Anke Stelling

Anke Stelling nimmt in Leipzig den Preis der Buchmesse entgegen.

Anke Stelling nimmt in Leipzig den Preis der Buchmesse entgegen.

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Die Wahlberlinerin wird für einen sagenhaft wütenden Kreativprekariats-Roman ausgezeichnet. Preis ist mit 60.000 Euro dotiert.

Leipzig/Hamburg.  Sie hatten die wenigsten auf der Rechnung, nun darf sie sich aber völlig zu Recht Gewinnerin des Leipziger Buchpreises in der Sparte Belletristik nennen: Anke Stelling wurde am Donnerstag in den Messehallen die renommierte Auszeichnung zuerkannt. Eine gute Entscheidung. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert.

Ausgezeichnet wird die 1971 in Ulm geborene und in Stuttgart aufgewachsene Autorin für ihren Roman „Schäfchen im Trockenen“. Der bereits im Sommer 2018 im Berliner Verbrecher-Verlag erschienene Roman ist stilistisch furios und thematisch explosiv. Nicht nur, wenn man ihn auf die Hauptfigur verengt, eine als Autorin im Kreativmilieu verankerte Frau, die gegen die Lebensumstände, Lebenslügen, Lebenslaufbegrenzungen geifert. Die Künstlerexistenz, nicht abgesichert durch Geld der Eltern, gerät ins Wanken, als die bessergestellten Freunde in die Neubausiedlung ziehen. An den Statusunterschieden zerbrechen die alten Freundschaften. Stellings wie sie selbst in Berlin lebende Protagonistin Resi ist die Mutter von vier Kindern, an das älteste, die Teenagertochter, richtet sich ihr scharf formulierter Anklagetext, der in mancherlei Hinsicht allgemeingültig ist.

Ein lebenshungriges Buch

Zumindest wenn man zur vom Abstieg bedrohten Mittelschicht zählt und in den begehrten Großstadtlagen lebt. Wer einen Neigungsjob hat wie die Romanfigur Resi, gehört zum Kreativprekariat. Dann heißt es irgendwann – man nennt das ungeheuerliche Phänomen seit langem Gentrifizierung – Marzahn-Hellerdorf statt Prenzlauer Berg. Wenn man Resis Tirade gegen die Berliner Gegenwart des Überbaus enthebt, bleibt allein der drohende Umzug an die Peripherie als Ausgangspunkt. Banal und doch genau das Gegenteil davon.

„Schäfchen im Trockenen“ ist ein sagenhaft wütendes, lebenshungriges, bitteres und in diesem Furor, der wenig Schonung kennt, auch immer wieder komisches Buch. Die uralte Haltung, die in allem den schönen Schein, die Verrat und Verlust wittert, ist nicht angenehm und vielleicht noch nicht mal ganz wahr, aber sie ist ein Antrieb. Die Stärke dieses lauten Ego-Romans, der mehr will als eine Ego-Gesellschaft und ewig junge Ideale von Gemeinschaft und Sozialem beschwört, ist jene sprachmächtige Hauptfigur, die weiß, dass alle Widersprüche in ihr selbst angelegt sind.

Auch der Kieler Zaimoglu stand im Finale

„’Schäfchen im Trockenen’ ist ein scharfkantiger, harscher Roman, der wehtun will und wehtun muss, der protestiert gegen den beständigen Versuch des Besänftigwerdens, der etwas aufreißt in unserem sicher geglaubten Selbstverständnis und dadurch den Kopf frei macht zum hoffentlich klareren Denken“, heißt es in der Begründung der siebenköpfigen Jury. Für die Schriftstellerin Anke Stelling, die in dem Roman an der eigenen Vita entlang schreibt, ist es der erste große Literaturpreis. Sie studierte von 1997 bis 2001 am Literaturinstitut in Leipzig. Mit „Bodentiefe Fenster“ stand sie 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Neben Stelling standen der Kieler Schriftsteller Feridun Zaimoglu („Die Geschichte der Frau“), Matthias Nawrat („Der traurige Gast“), Jaroslav Rudiš („Winterbergs letzte Reise“) und Kenah Cusanit („Babel“) auf der Shortlist des Buchpreises.

Bei Sachbüchern gewann Harald Jähner

Der Preis der Leipziger Buchmesse ist mit insgesamt 60.000 Euro für drei Kategorien dotiert. Neben der Belletristik-Auszeichnung gibt es den Übersetzer- und den Sachbuchpreis. In letzterer Kategorie (exakte Bezeichnung: „Sachbuch/Essayistik“) wurde diesmal der Journalist Harald Jähner für sein Buch „Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945-1955“ ausgezeichnet, erschienen bei Rowohlt Berlin. Darin beleuchte Jähner die deutsche Nachkriegsgeschichte auf neue und tief beeindruckende Weise, so die Jury. Wer gedacht habe, über die Nachkriegszeit schon alles gewusst zu haben, werde „hier noch fündig werden“, heißt es, und weiter: „Selten hat ein Sachbuch Anschaulichkeit, dramaturgisches Gespür und Eloquenz so gekonnt vereint“.

Bei den Übersetzern wurde der Preis an Eva Ruth Wemme vergeben. Die Wahlberlinerin übertrug das Buch „Verlorener Morgen“ von Gabriela Adamesteanu aus dem Rumänischen ins Deutsche. Nach Überzeugung der Jury spiegelt das Buch „Rumäniens Höhenflüge und Abstürze im 20. Jahrhundert“. Eva Ruth Wemme habe die Gedanken einer vereinsamten und wütenden 70-jährigen Schneiderin, eine Mischung aus „saftigen Flüchen“ und Sprachunfällen „in schiefen Sätzen“ treffend wiedergegeben, und dabei „dieses charmante Ätzen und Giften in ein überzeugendes Deutsch gebracht“.