Elbphilharmonie

Premiere für Cambreling und Debussy im großen Saal

Sylvain Cambreling ist seit 2018 Chefdirigent der Symphoniker

Sylvain Cambreling ist seit 2018 Chefdirigent der Symphoniker

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Heute dirigiert Sylvain Cambreling erstmals in der Elbphilharmonie. Ein Probenbesuch – in der Laeiszhalle

Hamburg.  Lange herumgefackelt wird nicht. Wir sind ja nicht zum Spaß hier, signalisiert die Körpersprache, als Sylvain Cambreling seinen ersten Einsatz gibt. Laeiszhalle, Großer Saal, Freitagnachmittag, und nach dem Konzert ist vor dem Konzert. Orchester-Alltag. Gerade mal einen halben Tag, nachdem Cambreling, der neue Chefdirigent, mit den Symphonikern ein gemischtes links- und rechtsrheinisches Abo-Programm – Rameau, Fauré, Schumann – hinter sich gebracht hat, geht es schon wieder weiter mit der nächsten Kunstproduktions-Etappe, die nach Dienstplan organisiert ist und doch immer nach Herzblut klingen soll. Diesmal aber mit einem ganz besonderen Stück: Am Dienstag, es ist Cambrelings erstes Dirigat in der Elbphilharmonie, soll Claude Debussys üppig ausufernde Heiligenvertonung „Le martyre de Saint Sébastien“ dort erklingen.

Ekstase, Todessehnsucht: Die Premiere anno 1911 löste einen hübschen Skandal aus, weil der Erzbischof von Paris allen katholischen Besuchern mit der Exkommunikation drohte: eine Frau, eine exaltierte jüdische Tänzerin, Ida Rubinstein, in der Titelrolle? Mon dieu!

Das Original ist unspielbar

Das Original – eine Stunde Musik, vier Stunden beileibe nicht schwulstfreier Text – ist unspielbar. Cambreling hat das Stück vor einigen Jahren während seiner Ära als dessen Chefdirigent mit dem SWR-Orchester gestemmt; er stellt auch hier ein gestrafftes Destillat vor, mit Zwischentexten des Schriftstellers Martin Mosebach.

Gefühlige Erklärungen oder blumige Deutungen spart sich Cambreling während der Probe konsequent. Er ist Routinier, das Orchester vor seinem Taktstock: alles Profis. Stattdessen bleibt er technisch. Die meisten Anweisungen sind Taktzahlen oder die dazugehörigen Spielanweisungen, die Gesten sind klar und fließend. Cambreling steht breitbeinig und federnd am Pult; beschauliche Introspektive, verträumt dem gerade entbundenen Klang nachhorchend, sähe anders aus.

Absolutes Gehör und freundliche Korrekturen

Dass Cambreling über das absolute Gehör verfügt (für Dirigenten alles andere als automatisch eine ständige Freude), erleichtert seine Detailarbeit mit dieser Rarität, während sie den jeweiligen Orchestermitgliedern das Versteckspielen und die Ausreden erschwert. „Ich höre sehr viel A, aber nicht das H“, entlarvt Cambreling eine Balance-Unwucht. „Des – As – wie bei Schumann …“, bemerkt er in einer anderen Stelle. Der Tonfall bleibt freundlich, „bleiben Sie piano, bitte schön“, und das auch noch mit seinem sehr französischen Akzent. Die Zeit vergeht, fast wie im Flug. Danke schön, Pause, im Studio E singt sich der Chor für die Probe ein. Am Sonnabend soll die erste Probe in der Elbphilharmonie um 7.30 Uhr beginnen, nach Musiker-Zeitrechnung nicht nur im Februar tief in der Nacht.

Beim Treffen in der Pause ist Cambreling ein euphorischer Debussy-Anwalt. „Die Original-Texte von Gabriele D’Annunzio sind wirklich veraltet“, räumt er ein, „Kitsch? Ja, Kitsch“, deswegen ja auch diese handlichere Version. Ist das Stück besser als sein Ruf? „Es hat keinen schlechten Ruf – es wird einfach nur nicht gespielt. Und wenn das tatsächlich passiert, ist es immer voll“, entgegnet er. „Man erkennt immer Debussy. Es ist perfekt gebaut, und die Struktur ist für mich sehr klar.“

Keine Angst vor Kaufmann-Katastrophen

Auch bei der Frage, was ein deutsches Orchester von und bei dieser ungemein französisch ausgeschwungenen Musik lernen kann, bleibt Cambreling entspannt. „Die Orchester sind nicht mehr, wie sie einmal waren. Früher hatten französische Orchester Probleme mit Brahms und Wagner und deutsche mit französischen ... Aber jetzt haben alle ein breites Repertoire, sie sind viel besser ausgebildet. Und die Symphoniker Hamburg sind in sehr guter Form.“

Orchestermassen UND Chor UND Solistinnen UND Sprecherin? Alles prima Zutaten, um sich – wie kürzlich der Tenor Jonas Kaufmann, der Mahlers „Lied von der Erde“ verbaselte – in die vermeintlich nächste Elbphilharmonie-Akustik-Katastrophe hineinzuspielen? Cambreling winkt ab. Da lag das ganz anders, sagt er, und wenn der Chor einsetzt, sei Debussys Orchester oft schmal, was heißen soll: kein Problem wie bei Kaufmann.

„Debussy war klug“, fährt Cambreling fort „ich habe a priori keine Sorge. In meinem Job gehe ich immer von einem Konzerthaus zum nächsten. In dieser Saison ist die Elbphilharmonie für mich der siebente oder achte neue Saal …, das ist mein Beruf. Ich bin manchmal sehr pragmatisch, und ich kenne das Stück gut genug, um eine Lösung zu finden, wenn ich mit Schwierigkeiten konfrontiert sein sollte. Ich traue der Musik, den Musikern.“

Konzert Di 5.2., 20 Uhr, Elbphilharmonie,
Gr. Saal. Evtl. Restkarten an der Abendkasse.