Hamburg

Philharmoniker – ihre Spanien-Tournee ist wie Leistungssport

Auftakt zur Spanien-Tour: Dirigent Kent Nagano vor dem Auditorio Nacional de Música in Madrid.

Auftakt zur Spanien-Tour: Dirigent Kent Nagano vor dem Auditorio Nacional de Música in Madrid.

Foto: Rafa Martín

Kent Nagano ist mit dem Orchester auf Konzertreise und mahnt die Musiker zur Disziplin. Wer mitdarf, wird notfalls ausgelost.

Madrid. Hört jetzt bitte einmal zu!“ Thomas Rühl, Bratscher und Mitglied des fünfköpfigen Orchestervorstands der Philharmoniker, ist freundlich, aber bestimmt, als er vor der Anspielprobe im Auditorio Nacional de Música auf dem Dirigentenpodest steht, um die mehr als 90 Musikerinnen und Musiker auf das in anderthalb Stunden beginnende Konzert einzuschwören.

Es ist das erste der achttägigen Spanien-Tour des Philharmonischen Staatsorchesters, und nicht nur hinter der Bühne herrscht die fröhlich-ausgelassene Stimmung eines Schulausflugs. Grundsätzlich sei dagegen auch nichts einzuwenden, findet Rühl, der als Orchestervorstand so etwas wie die Funktion eines Klassensprechers hat, doch jetzt ist erst einmal Disziplin angesagt.

Handys und Portemonnaies müssen in die bereitgestellte Wertsachenkiste verschwinden, nach den einzelnen Stücken möge sich bitte niemand mit seinem Nachbarn unterhalten, sondern ins Pu­blikum lächeln, und dann das Aufstehen zum Schlussapplaus: Das solle nicht einer La-Ola-Welle ähneln, sondern gleichzeitig geschehen; auch auf die Optik kommt es an. Kent Nagano, wie die Musiker noch eher im legeren Freizeitlook, lässt das gemeinsame Verbeugen gleich einmal üben. „Wir sind hier als Botschafter der Hamburger Musikkultur“, sagt er, „und wollen ein schönes Bild abgeben.“

Notfalls wird gelost, wer mit auf Tournee darf

Damit das gelingen kann, sind nicht nur die Musiker gefragt. Schon vor zweieinhalb Jahren begannen die Gespräche mit der Konzertagentur Ibermúsica, eine der größten in Spanien, über die Tournee, die auch nach Oviedo, Santander, Teneriffa, Gran Canaria, Fuerteventura und zum Abschluss nach Basel führt.

Eine logistische Herausforderung für Orchesterdirektorin Susanne Fohr, die mit ihrem Team auch vermeintliche Nebensächlichkeiten wie die Beschaffenheit der Instrumente im Blick haben muss. Wenn zu den verwendeten Materialien etwa Tropenholz oder Elfenbein gehören, was häufig vorkommt, dürfen diese nur unter besonderen Voraussetzungen ins Ausland eingeführt werden. Expertisen von Instrumentenbauern braucht es da – oder häufig ein Ersatzinstrument.

Um Ersatz geht es jetzt auch gerade in Madrid, ist doch ein mitgereister Kontrabassist erkrankt und kann nicht auftreten. Während der Anspielprobe stößt deshalb eine kurzfristig engagierte Einspringerin vom hiesigen Sinfonieorchester dazu, langfristiger Ersatz von den Philharmonikern sitzt bereits im Flieger, wird aber erst nach dem Konzert eintreffen.

Tatsächlich ist auf einer solchen Tournee nur etwa die Hälfte des Philharmonischen Staatsorchesters unterwegs. Der Rest wird in Hamburg gebraucht – das Programm der Staatsoper läuft ja Abend für Abend weiter, und außerdem wird gerade für die Premiere von Glucks „Orphée et Eurydice“ geprobt. In einer solchen Phase der Saison werde es personell natürlich eng, sagt Susanne Fohr, aber zur Not kommen eben Einspringer zum Zug. „Leihgaben“ vom NDR Elbphilharmonie Orchester, aber auch vom Bayerischen Staatsorchester und dem Orchester der Berliner Staatsoper.

Musik auf diesem Niveau ist wie Leistungssport

Wird darum gestritten, wer mit auf Tour darf, im Zweifelsfall gelost? Ist das hier auch ein wenig wie bezahlter Urlaub? Geigerin Solveigh Rose und Oboist Thomas Rohde, beide seit Jahrzehnten im Orchester, stutzen kurz. „Urlaub? Dann würden wir zum Mittagessen Wein trinken, statt uns noch mal eine Stunde aufs Ohr zu legen.“ Musik auf diesem Niveau sei Leistungssport; nur wer sich konzentriere und schone, könne abends 100 Prozent bringen.

Zudem: Nicht alle wollten mit, manche mit kleinen Kindern blieben beispielsweise oft lieber zu Haus. Bereits im Herbst geht es zudem nach Japan, eine neue Chance für die, die jetzt nicht dabei sein können. Und ja, im Zweifelsfall wird gelost. Kent Nagano hat mit all dem übrigens wenig zu tun. Die Instrumentengruppen arbeiten weitgehend autonom. „Für mich wurde ein Orchester vorbereitet“, sagt der Maestro und lächelt. Bisher habe diese Musikerselbstverwaltung immer gut funktioniert.

Routine ist eine solche Tournee auch für ihn nicht, aber er hält sie für enorm wichtig. Nicht nur weil das Orchester als Botschafter des Hamburger Musiklebens mit Johannes Brahms einen Hamburger Komponisten in den Mittelpunkt des Programms stellt, sondern auch wegen des Effekts, den die Reise für die Beteiligten hat. „Wir reden jeden Abend, essen zusammen, das bringt uns einander natürlich viel näher“, sagt er. Auch musikalisch sei ein Schritt nach vorn zu erwarten. Thomas Rode ergänzt: „Jetzt dürfen wir uns acht Tage lang nur mit Brahms beschäftigen, das ist großartig und wird vermutlich zu einem Qualitätssprung führen.“

Ein Qualitätssprung, der auch in Sachen Gruppendynamik zu erwarten sei. Während in Hamburg die verschiedenen Instrumenten- oder Altersgruppen oft unter sich bleiben, ist eine Durchmischung auf Tour unvermeidlich. Die Plätze im Flieger und Bus sind nach dem Zufallsprinzip verteilt, im Cateringbereich hinter der Bühne stärken sich Trompeter, Schlagwerker und Cellisten gemeinsam mit frisch gebrühtem Espresso und Mini-Croissants. „Von der Tour nach Südamerika vor zwei Jahren, hat das Orchester noch monatelang gezehrt“, sagt Rohde. Für den Zusammenhalt gebe es nichts Besseres.

Kent Nagano lädt zum Abendessen

Hilfreich ist da natürlich auch das Rundum-sorglos-Heft, das die Musiker schon vor Reisebeginn bekommen. Neben einem detaillierten Ablaufplan finden sich darin Stadtpläne, Restauranttipps, touristische Empfehlungen, Notfallnummern und der Hinweis auf die täglichen Sprechstunden einer mitreisenden Ärztin.

Ein Höhepunkt der Reise ist besonders hervorgehoben: „Kent Nagano lädt zum gemeinsamen Abendessen ein“ steht auf der Seite für den 25. Januar. Es ist der einzige Eintrag in gefetteter Schrift. Ein Termin, auf den sich die Musiker sichtbar freuen und der in einem Orchester keineswegs selbstverständlich ist. Aber zu Nagano haben die Musiker eben eine ganz besondere Beziehung.

Und die trägt musikalisch Früchte, wie das Konzert im Auditorio Nacional de Música zeigt. Fast jeder der insgesamt 2324 Plätze ist besetzt, das Publikum lauscht gebannt einem Programm, das „Stairscape“, eine Komposition des in Madrid anwesenden Komponisten Jesús Rueda, mit dem Violinkonzert und der 4. Sinfonie von Johannes Brahms verbindet. Niemand klatscht in die Pausen zwischen den Sätzen, doch kaum ist der letzte Ton eines Stücks verklungen, setzt begeisterter Applaus ein: Solistin Veronika Eberle muss immer wieder auf die Bühne und spielt eine eigentlich nicht geplante Zugabe. Als Rausschmeißer gibt es nach knapp zwei Stunden Brahms’ „Ungarischen Tanz Nr. 5“ – die Stimmung im Saal erreicht einen letzten Höhepunkt.

"Die Reise ist harte Arbeit"

In den drei bereitstehenden Reisebussen, die zum Orchesterhotel fahren, sind die Musikerinnen und Musiker hinterher bester Stimmung und bereit, dem Abend noch ein, zwei fröhliche Restaurantstunden abzutrotzen. Währenddessen steht Kent Nagano ohne Jackett und mit gelöster Fliege sichtlich entspannt in seiner Garderobe und nimmt die Glückwünsche spanischer Fans entgegen, die noch schnell ein Foto mit dem Maestro machen und sich das Programmheft signieren lassen.

Den Tourauftakt feiern kann er nicht, kurzfristig ist noch ein Arbeitsessen arrangiert worden, denn nach dem Konzert ist vor dem Konzert: Es werden Pläne für die Touren der kommenden Jahre geschmiedet. Außerdem geht es ja morgen früh um halb zehn schon weiter; am Abend soll Brahms im 450 Kilometer entfernten Oviedo erklingen.

„Diese Reise ist harte Arbeit“, sagt Kent Nagano mit einem sanften Lächeln, bevor er das Madrider Konzerthaus verlässt. „Aber mein Orchester ist bereit.“

Die Reise wurde unterstützt vom Philharmonischen Staatsorchester.